Heute genüge es nicht mehr, Bücher in die Regale zu stellen und auf Lesewillige zu warten, sagt Petra Wucherer. Sie muss es wissen, schließlich leitet sie die Stadtbibliothek Radolfzell und meldet auch drei Jahre nach der Sanierung gute Zahlen: Über 130 000 Menschen haben 2017 die Bücherei genutzt und über 318 000 Medien ausgeliehen, damit bleiben die Zahlen auf dem Niveau von 2016 oder 2015. 5475 Menschen haben aktiv ihren Bibliotheksausweis genutzt, 1215 einen neuen Ausweis ausstellen lassen. Dass es dabei längst nicht nur um Bücher geht, machte Wucherer bei einem Pressegespräch ebenfalls deutlich: Medien seien bereits ein großes Thema, Musik könnte eines werden. Und mit dem Wandel der Gesellschaft im Zuge der Digitalisierung bekomme Medienbildung einen ganz anderen Stellenwert. Daher wandele sich die Stadtbibliothek von der einfachen Bücherei zum vielfältigen Medienhaus.

"Kinder haben weniger Zeit", stellte Petra Wucherer fest. Dadurch würden Kindergarten und Schule einmal mehr ein wichtiger Partner, um Lesekompetenz zu vermitteln. Dass das angenommen wird, zeigten nicht nur die Zahl von 3406 Kinder und Jugendlichen, die bei Aktionen Kontakt mit der Bibliothek hatten, sondern auch einige Termine: Dienstags sei beispielsweise die Lese-AG der Ratoldusschule zu Gast, mittwochs beleben Kinder des Waldkindergartens die Räume am Marktplatz. Und an diesem Tag ist eine Etage tiefer die Klasse 5d des Friedrich-Hecker-Gymnasiums zu Gast. Mit Lehrer Andreas Richter nehmen sie an einer sogenannten Superheldenführung teil. Dabei müssen sie mit Hilfe von Tablets ein Rätsel lösen – was den Schülern spielerisch gelungen ist. Für Siebtklässler wird außerdem eine Recherche-Kompetenz-Rallye entwickelt, um sie etwa auf längere Referate vorzubereiten. Und im Juni ist in Kooperation mit der Real- und der Ratoldusschule ein besonderes Angebot geplant: Schüler werden auf Grundlage eines Buches einen Stop-Animationsfilm erstellen.

Stella Wagnal, Victoria Radinovic und Alexandra Pagounis (von links) zählen zu den Schülern der 5d am Friedrich-Hecker-Gymnasium Radolfzell, die im Rahmen der sogenannten Superheldenführung mit Tablets gearbeitet haben.
Stella Wagnal, Victoria Radinovic und Alexandra Pagounis (von links) zählen zu den Schülern der 5d am Friedrich-Hecker-Gymnasium Radolfzell, die im Rahmen der sogenannten Superheldenführung mit Tablets gearbeitet haben. | Bild: Isabelle Arndt

"Die Radolfzeller wissen das zu schätzen", sagte Bürgermeisterin Monika Laule über Angebote wie diese und die Bemühungen des Bibliotheks-Teams. "Samstags trifft man hier eigentlich ganz Radolfzell", so Laule. Das sei auch der Stadt zu verdanken, erwiderte Wucherer: "Hätte die Stadt nicht so viel Geld in die Hand genommen, dann wären wir jetzt nicht hier." Dabei gehe es nicht allein um die Sanierung, sondern auch um den jährlichen Etat. Sie führt das positive Fazit der vergangenen Jahre auch darauf zurück: "Das spricht für den guten Bestand, man findet immer was." Durchschnittlich würde jeder Einwohner pro Jahr zehn Medien ausleihen – das sei im Vergleich zu Zahlen aus dem gesamten Regierungspräsidium "ganz enorm". Im Landkreis liege der Durchschnitt bei sechs Medien pro Einwohner und Jahr. Dabei versuche die Stadtbibliothek auch Trends aufzugreifen, erklärte Wucherer.

Besonders gefragt sind nach wie vor Romane – und diese online besonders vor der Urlaubszeit: "Ich sehe immer, wenn Leute in den Urlaub fahren", sagt Petra Wucherer. Das Online-Angebot spiele eine große Rolle, 708 Menschen hätten im vergangenen Jahr bereits virtuell Medien ausgeliehen, die Onleihe werde seit 2015 um 50 Prozent häufiger genutzt. Das sei nicht nur wegen des Formats praktisch, denn auf ein Tablet-Gerät passen viele Bücher, sondern auch wegen wegfallender Mahngebühren. Dabei werde das Internet auch in der Bibliothek selbst viel häufiger genutzt, als sie anfangs dachten, sagt Wucherer und beziffert es mit etwa 3500 Nutzungen. Einige jüngere Besucher würden hier ihre Hausaufgaben erledigen, andere lernen.

Kulturamtschefin Angélique Tracik, Bibliotheksleiterin Petra Wucherer und Bürgermeisterin Monika Laule (von links) ziehen ein positives Fazit drei Jahre nach der Sanierung der Stadtbibliothek: Die Ausleihzahlen sind gut und die Aufgaben gehen sicher nicht aus.
Kulturamtschefin Angélique Tracik, Bibliotheksleiterin Petra Wucherer und Bürgermeisterin Monika Laule (von links) ziehen ein positives Fazit drei Jahre nach der Sanierung der Stadtbibliothek: Die Ausleihzahlen sind gut und die Aufgaben gehen sicher nicht aus. | Bild: Isabelle Arndt

Auch mit Blick auf den Veranstaltungskalender wird es dem zehnköpfigen Team nicht langweilig. Im vergangenen Jahr gab es 31 Veranstaltungen, einige davon in Zusammenarbeit mit der Volkshochschule sowie einige im Zuge des Stadtjubiläums. Wucherer bezeichnete dabei die Scheffelwoche als Höhepunkt. Und der Start in dieses Jahr mit einem Poetry-Slam des Freundeskreises sei so erfolgreich gewesen, dass sie sogar Leute wegschicken mussten, sagte Wucherer. Folgen sollen etwa Jugendbuchtage, eine Kulturnacht sowie monatliche Vorlesestunden, organisiert vom Freundeskreis ab Herbst. Im Oktober sind außerdem zwei Vorträge zur Medienbildung Erwachsener geplant: Gemeinsam mit der VHS sollen sie dann mehr über Daten im Netz sowie Darknet erfahren.

Angesichts solch vielfältiger Aufgaben hat Petra Wucherer keine Angst vor der Zukunft, wie sie sagte: "Es gibt jede Menge Themen zu bearbeiten." Und die Weiterentwicklung von der Bücherei zum Medienhaus soll noch viel stärker ausgebaut werden, kündigte Bürgermeisterin Monika Laule an. Ein Schritt dahin war zuletzt ein neuer elektronischer Katalog. Außerdem zählt das gute alte Brockhaus-Lexikon nun auch zum Online-Angebot.

 

Lese-Favoriten

Die Radolfzeller Leser haben im vergangenen Jahr am liebsten die schöne Literatur in Form von Romanen gewählt, berichtete Stadtbibliotheks-Leiterin Petra Wucherer. Dabei landete mit Monika Kübles "Brennende Wahrheit" eine Geschichte, die in Radolfzell spielt, noch vor Lucinda Riley mit "Helenas Geheimnis" oder Ken Follett mit "Winter der Welt". Bei den Sachbüchern wurde am meisten zur Chronik Radolfzells gegriffen. Bei den Kinderbüchern war "Gregs Tagebuch" von Jeff Kinney am meisten gefragt. (isa)