Bei einer Podiumsdiskussion haben sich jetzt die Fraktionssprecher der Radolfzeller Parteien im Gemeinderat zu dem Problem der Wohnungsnot geäußert. Auf Einladung der Kirchengemeinden und des Freundeskreis Asyl sowie weiterer Institutionen sollten die Parteien im Gemeindesaal der evangelischen Kirchengemeinde Ideen und Lösungen präsentieren.

Es gibt keine genauen Zahlen

Am Anfang stand zunächst eine Bestandsaufnahme der gegenwärtigen Situation. Die gestaltete sich schwieriger, als so mancher vermutet hatte. Denn genaue Zahlen über den Bedarf liegen weder der Verwaltung der Stadt Radolfzell noch den Gemeinderäten vor. Doch auch ohne genaue Zahlen, ist eine Schieflage zu erkennen. Obwohl seit Jahren intensiv in Radolfzell gebaut wird, fehlt es vor allem an niedrigpreisigen und bezahlbaren Wohnungen. Unter dem offensichtlichen Wohnungsmangel in Radolfzell leiden vor allen Dingen Menschen, denen nicht sehr viel Geld zur Verfügung steht.

„Wir bauen falsch“

Dass man im Gemeinderat selbst mit für die Misere verantwortlich ist, war in der Diskussion offenbar allen Teilnehmern klar. Denn alle Podiumsgäste aus den Fraktionen räumten Fehler in der Vergangenheit ein. So erklärte Christof Stadler (CDU), dass „wir Fehler im Gemeinderat gemacht und geglaubt haben, der Markt werde es richten“. Siegfried Lehmann (FGL) befand: „Wir bauen nicht zu wenig, sondern falsch.“ Auf die Frage, ob und wie die baulandpolitischen Grundsätze, die sich der Gemeinderat selbst auferlegt hat, umgesetzt werden, räumte man ebenfalls Nachlässigkeiten ein. „Bisher wurden immer mehr Eigentums- statt Miet- und Sozialwohnungen gebaut“, sagte Siegfried Lehrmann.

Wohnungsbau durch die Stadt

Dietmar Baumgartner (Freie Wähler) versuchte den Missstand unter anderem damit zu erklären, dass „niemand vor seinem Eigenheim Sozialwohnungen haben will“, wie er sagte. Und Jürgen Keck (FDP) hielt seinerseits nichts davon „solche Reglungen per Ordre du Mufti“ durchzusetzen. Auch in einem anderen Punkt stellte sich der Landtagsabgeordnete gegen eine von den anderen Fraktionen vorgeschlagene Variante: Fraktionsübergreifend signalisierten alle, dass sie sich einen Wohnungsbau durch die Stadt durchaus vorstellen könnten.

Die SPD und die Freie Grüne Liste wünschen sich dazu eine Wohnungsbaugesellschaft. Jürgen Keck indes befand das Modell als „finanziell nicht sicher“, wie er sagte und favorisierte daher weiterhin die Regeln des Marktes. Ähnlich verhielt es sich mit einem Zweckentfremdungsverbot, dass vor allem die unerlaubte Nutzung als Ferienwohnung unterbinden soll. Während Norbert Lumbe (SPD) das Grundgesetz mit dem Satz „Eigentum verpflichtet“ bemühte, beharrte Jürgen Keck hier auf das Recht eines jeden Eigentümers, mit seiner Wohnung zu machen, was er will. Für ein zumindest vorübergehend probates Mittel gegen den Wohnungsmangel im Sozialbereich erachteten alle das Projekt „Raumteiler“. Darin offeriert die Stadt Radolfzell Wohnungseigentümern eine Prämie bis zu 5000 Euro, wenn sie bereit sind, ihren freien Wohnungsraum an Bedürftigte zu vermieten.