Radolfzell Radolfzeller Festkultur will eine Fasnacht ohne Alkoholleichen

Die Zahlen sind alarmierend: Erstmals stieg 2016 die Zahl Jugendlicher mit Alkoholvergiftung wieder an. Damit das in Radolfzell zu keinen Problem wird, startet die Radolfzeller Festkultur mit einem neuen Konzept in die Fasnacht. Sensibilisierung, Kontrolle und ein gutes Programm soll Jugendliche und Erwachsene zum Feiern, aber nicht zum Saufen animieren.

Gemeinsam feiern ist in einer Gesellschaft wichtig. Es stiftet Gemeinsinn und Zusammenhalt. Damit die Feiern für alle Beteiligten ein positives Erlebnis bleiben, haben sich die Mitglieder des Arbeitskreises der Radolfzeller Festkultur erneut Gedanken gemacht, wie man größeren Publikums-Veranstaltungen einen Rahmen geben kann, der einerseits Freiraum zulässt, aber Eskalation verhindert. "Die Feste sollen attraktiv gestaltet werden und das Programm soll alle Altersgruppen ansprechen", sagt Eva-Maria Beller, Leiterin der Abteilung Kinder und Jugend der Stadt Radolfzell. Das sei die einfachste Art, übermäßigen Alkoholkonsum zu vermeiden. "Wer tanzt und Spaß hat, hat keine Zeit zum Trinken", sagt Eva-Maria Beller.

Bereits im Jahr 2010 hatte sich der Arbeitskreis zur Festkultur getroffen, ins Leben gerufen vom Radolfzeller Präventionsrat. Anlass war damals der Hemdglonker-Umzug in der Stadt am Mittwoch vor dem Schmotzingen Dunschtig. Berühmt, berüchtigt galt diese Veranstaltung als Garant für gewalttätige Ausschreitungen und jugendliche Alkoholleichen. So habe man die Stadt nicht nach außen hin präsentieren wollen, sagt Beller. Im Lauf der Jahre habe sich das Image der Veranstaltung deutlich gebessert. Der Versuch, Brauchtum und Party unter einen Hut zu bekommen, war geglückt. Um an diese Erfolge anzuknüpfen, hat sich der Arbeitskreis erneut getroffen und ein neues Konzept für das bevorstehende Jahr erstellt. Die öffentliche Präsentation wird es am Donnerstag, 1. Februar, um 19 Uhr im Bürgersaal geben. Eingeladen sind alle interessierten Bürger, Vertreter von Vereinen und anderen Organisationen, die im Lauf des Jahres Veranstaltungen ausrichten.

 

Erwachsene müssen ihre Vorbildfunktion ernst nehmen

 

"Wir möchten mit dieser Kampagne vor allem die Erwachsenen ansprechen, ihre Rolle als Vorbild ernst zu nehmen", sagt Eva-Maria Beller. Es sei Aufgabe der Organisatoren, auf die Einhaltung des Jugendschutzes zu achten. Auch sorge ein fester Rahmen, also ein klarer Schlusspunkt der Veranstaltung, für geordnete Verhältnisse. So habe sich zum Beispiel bewährt, beim Hemdglonker keine hochprozentigen Cocktails auszuschenken, sagt Beller. Auch wenn es für die Vereine weniger Einnahmen darstelle.

Willi Streit, Leiter des Radolfzeller Polizeireviers, macht auf eine besorgniserregende Entwicklung aufmerksam. Erstmals ist seit 2012 die Zahl der Jugendlichen, die wegen zu viel Alkohol in ein Krankenhaus eingeliefert werden mussten, wieder angestiegen. Das statistische Bundesamt bezieht sich auf Zahlen aus 2016. Für Streit Grund genug, das Thema erneut anzugehen. "Es muss ein ganz klares Zeichen gesetzt werden, was geht und was nicht geht", sagt Streit. Erschrocken sei man auf der Dienststelle auch über die Alkoholtestkäufe im Sommer 2017 gewesen. 11 von 19 Teststellen sind dabei durchgefallen und haben Minderjährigen hochprozentigen Alkohol verkauft. Im Lauf des Jahres soll es erneut Testkäufe geben. "Alle müssen hinschauen, nicht nur die Polizei", appelliert Streit. Es sei Zivilcourage gefordert, jugendlichen Trinkern ihre Flaschen abzunehmen oder sie darauf aufmerksam zu machen, dass dies nicht in Ordnung sei. Streits eigene Statistik bestätigt die des Statistischen Bundesamtes. Streit berichtet ebenfalls von 15-Jährigen im Stadtgebiet, die um halb neun abends schon 1,46 Promille intus hatten, oder einer 14-Jährigen, die trotz 1,8 Promille Alkoholwert keine nennenswerten Ausfallerscheinungen zeigte.

Sie wollen die Radolfzeller Festkultur fröhlich, aber auch friedlich gestalten: (von links) Daniela Löchle vom GEB, Revierleiter Willi Streit, Sabine Buhl, Nina Breimaier und Eva-Maria Beller.
Sie wollen die Radolfzeller Festkultur fröhlich, aber auch friedlich gestalten: (von links) Daniela Löchle vom GEB, Revierleiter Willi Streit, Sabine Buhl, Nina Breimaier und Eva-Maria Beller. | Bild: Anna-Maria Schneider

Ganz den Alkohol verteufeln möchte niemand aus dem Arbeitskreis Festkultur. Darauf legen alle Wert. Sie hoffen durch mehr Achtsamkeit und Aufmerksamkeit auf einen vernünftigen Umgang mit Bier und Wein. Nina Breimaier, Mitglied des Präventionsrates und Stadträtin, hofft, dass alle ein bisschen von der "Prosecco-Kultur" wegkommen könnten. "Es muss nicht zu jedem Festakt gleich ein Glas Sekt gereicht werden", sagt sie. Für sie sind nicht nur Eltern ein Vorbild, sondern auch alle anderen Erwachsenen.

 

Alarmierende Zahlen und besorgte Eltern

  • Bundesweit: Laut Zahlen des Statistischen Bundesamtes wurden in 2016 bundesweit 22 309 Kinder und Jugendliche im Alter von 10 bis 20 Jahren völlig betrunken in Kliniken eingeliefert. Im Vergleich zu 2015 handelt es sich demnach um einen Anstieg von 1,8 Prozent. Betroffen sind der Erhebung zufolge mit 19 679 Fällen vor allem die 15- bis 20-Jährigen. In den drei Jahren zuvor nahm die Zahl der Betroffenen stetig ab. 2016 waren 12 972 Jungen und junge Männer sowie 9337 Mädchen und junge Frauen betroffen.
  • In Radolfzell: Laut Willi Streit sind während der Fasnacht in Radolfzell im Jahr 2014 sechs Kinder und Jugendliche ins Krankenhaus eingeliefert worden, 2015 waren es drei, 2016 waren es erneut sechs und 2017 fünf Kinder und Jugendliche, die eine Alkoholvergiftung hatten.
  • Der Gesamtelternbeirat: Der ebenfalls im Arbeitskreis vertretene Gesamtelternbeirat appelliert an die Eltern, zu mehr Aufmerksamkeit. "Es muss nicht gleich der erhobene Zeigefinger sein, aber viele Eltern wissen gar nicht, was ihre Kinder so treiben", sagt Sabine Buhl, stellvertretende Vorsitzende des GEB.
  • Jugendschutz: Kein Wein und Bier an Jugendliche unter 16 Jahren. Kein Schnaps und anderes Hochprozentige an Jugendliche unter 18 Jahren. Wer dagegen verstößt, begeht eine Ordnungswidrigkeit. (ans)

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