Gerichtsurteile werden im Namen des Volkes gesprochen. Damit dies nicht nur eine Floskel ist, gibt es im deutschen Rechtssystem das Amt des Laienrichters. Schöffen sitzen beim Amts- Land- und Jugendgericht einem Berufsrichter bei und fällen ihr Urteil, ganz ohne Jurastudium. Schöffen sollen einen Querschnitt der Gesellschaft abbilden und aufpassen, dass „die Strafjustiz die Bodenhaftung nicht verliert“, wie es im Schöffen-Leitfaden heißt. Für die nächste Amtsperiode beginnend ab 2019 werden für den Landgerichtsbezirk Konstanz neue Schöffen gesucht. Bewerbungen können bis zum 4. Mai bei der Stadtverwaltung Radolfzell eingereicht werden.

Hilde Wohlbold-Scherbaum war zwölf Jahre als Schöffe tätig. Damals betrug eine Amtsperiode noch vier Jahre, die neuen Schöffen werden auf fünf Jahre verpflichtet. Sie war sowohl am Amts-, Land- und Jugendgericht tätig. „Das Amt des Schöffen ist sehr wichtig. Die Verantwortung ist groß“, sagt sie. Jeder Verhandlung am Schöffengericht sitzen ein Richter und zwei Schöffen vor. Bei der großen Strafkammer sind es drei Berufsrichter und zwei Schöffen. Für ein Urteil reicht eine Mehrheit. Das bedeutet auch, dass Schöffen den Berufsrichter überstimmen können, wenn sie anderer Ansicht sind. Diesen Fall hat Hilde Wohlbold-Scherbaum schon erlebt, auch wenn es eher selten ist. „Man ist um Konsens bemüht und findet meistens einen Kompromiss“, sagt sie.

Eine besondere Ausbildung oder Qualifikation ist für das Amt des Schöffen nicht notwendig. Es ist sogar Pflicht, dass die Laienrichter keinerlei juristische Erfahrung haben. Bestimmte Berufsgruppen wie Anwälte oder Polizisten sind aus diesem Grund ausgeschlossen. Persönlich ist Hilde Wohlbold-Scherbaum vor allem während ihrer Zeit am Jugendgericht an ihre Grenzen gestoßen. Die Fälle von Kindesmissbrauch gingen ihr oft nahe, wie die Rentnerin berichtet. Doch auch am Land- und Amtsgericht habe sie viel über die menschliche Psyche gelernt. „Manchmal dachte ich, der Fall sei klar und eindeutig, aber im Lauf der Verhandlung ändert sich das Bild, das man von dem Angeklagten hat“, sagt sie. Und manchmal habe sie sogar Mitgefühl für einen Verbrecher entwickelt. Die Bandbreite der Emotionen vor Gericht sei groß, es gebe auch oft genug etwas zum Schmunzeln.

Um Schöffen zu unterstützen, hat sich Hilde Wohlbold-Scherbaum mit anderen Laienrichtern im Schöffenverband Baden-Württemberg organisiert. Sie ist Gründungsmitglied des Vereins. Er setzt sich für die Rechte der Laienrichter ein und bieten Fortbildungsmöglichkeiten an. Aufklärung für interessierte Bürger hält Hilde Wohlbold-Scherbaum für besonders wichtig. Früher sei es für Gemeinden enorm schwierig gewesen Schöffen zu finden, berichtet auch Holger Vetter, Fachbereichsleiter Bürgerdienste bei der Stadt Radolfzell. „Es wurden gezielt Bürger angesprochen, die sich ohnehin schon ehrenamtlich engagieren“, sagt er. Mit der Konsequenz, dass Schöffen nicht aus verschiedenen Gesellschaftsschichten kamen, sondern einen ähnlichen beruflichen oder akademischen Hintergrund hatten. Bildung und Beruf sind jedoch nebensächlich. Schöffen sollen vor allem offen sein und über eine gute Menschenkenntnis verfügen, sagt Hilde Wohlbold-Scherbaum, die früher als selbstständige Fotografin gearbeitet hat.

Jährlich kann es bis zu maximal elf Vorladungen kommen. Die Termine bekomme man bereits zu Jahresanfang, was die Planung erleichtern würde, wie Hilde Wohlbold-Scherbaum sagt. Eine Verhandlung könne einen halben Tag oder sogar mehrere Verhandlungstage mit sich bringen, dies sei völlig unterschiedlich.

Welche Voraussetzungen braucht man, um Schöffe zu werden?

  • Voraussetzungen: Wer sich als Schöffe bewerben will, muss in Radolfzell gemeldet sein, deutscher Staatsbürger und die deutsche Sprache gut verstehen. Bewerber müssen älter als 25 Jahre, aber nicht älter als 70 Jahre sein und sie dürfen nicht zu einer Freiheitsstrafe von mehr als sechs Monaten verurteilt worden sein. Auch darf kein Ermittlungsverfahren wegen einer schweren Straftat laufen. Ausgeschlossen sind auch Berufsgruppen wie Richter, Anwälte, Polizisten, Bewährungshelfer, Strafvollzugsbedienstete und jeder, der ein abgeschlossenes Jurastudium hat. Auch Geistliche sollen nicht in den Schöffen-Dienst gehen.
  • Ablauf: Die Stadt nimmt bis zum Freitag, 4. Mai, Bewerbungen für das Amt des Schöffen entgegen. Bewerber für das Amt des Jugendschöffen müssen ihre Unterlagen bis Montag, 30. April, einreichen. Der Gemeinderat wählt aus diesen Bewerbungen zwölf Kandidaten aus. Diese werden dann an den Schöffenwahlausschuss weitergeleitet, der dann sechs Schöffen wählt. Die Bewerbung ist verbindlich. Wer zum Schöffen gewählt wird, muss die Wahl annehmen und den Dienst erfüllen. Ein unentschuldigtes Fehlen vor Gericht wird mit einem hohen Bußgeld belegt.
  • Freistellung: Schöffen müssen während der Verhandlungen vom Arbeitgeber freigestellt werden. Ihnen dürfen durch die Tätigkeit keine beruflichen Nachteile entstehen. Es empfiehlt sich aber im Vorfeld mit dem Arbeitgeber über eine Bewerbung zu sprechen. Es gibt eine Aufwandsentschädigung von bis zu 24 Euro pro Stunde für Selbstständige und sechs Euro pro Stunde für Angestellte.
  • Gesundheit: Da Verhandlungen langwierig und anstrengend sein können, müssen Schöffen eine stabile Gesundheit mitbringen.
  • Dauer: Eine Amtsperiode dauert fünf Jahre. Es können nur zwei Amtsperioden am Stück erfüllt werden, dann muss ein Schöffe einmal aussetzen, bis er sich erneut bewerben darf.
  • Kontakt: Christina Kuppel steht für Fragen zur Verfügung, Telefon (0 77 32) 81-277, christina.kuppel@radolfzell.de. Auch auf der Höri werden Schöffen gesucht. Bewerbungen gehen an die jeweiligen Rathäuser.