Jedes Jahr ereignen sich in Radolfzell etwa 44 Verkehrsunfälle, bei denen ein Radfahrer beteiligt ist. Fast jede Woche stürzt also ein Fahrradfahrer, häufig verursacht er sogar einen Unfall. Das belegen Zahlen der Polizei. Und das macht Hanspeter Bürgel vom Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Club, die Polizei und die Stadtverwaltung hellhörig. Nun soll ein Verkehrskonzept helfen und etwa die Situation an der Böhringer Straße verbessern. Doch der Radexperte und die Polizei nennen weitere Probleme.

Laut Polizei haben sich vom 1. Januar 2012 bis zum 8. Oktober 2018 insgesamt 460 Verkehrsunfälle in Radolfzell ereignet. Davon seien 306 von Radfahrern verursacht worden, was rund 67 Prozent entspricht. Allein fünf Unfälle geschahen in der Böhringer Straße, was laut Polizeikommissaranwärterin Julia Kumpf eine höhere Unfallgefahr als an anderen Orten in Radolfzell bedeutet. Wie sie auf SÜDKURIER-Anfrage erklärt, geht die Polizei aber davon aus, dass nicht jeder Unfall gemeldet wird – die Dunkelziffer liege höher.

Geschwindigkeit, Sicherheitsabstand und Alkohol

Häufigste Unfallursache ist laut Kumpf die Geschwindigkeit, 83 der 306 Unfälle seien darauf zurückzuführen. Fehlender Sicherheitsabstand sei für 32 und Fahren unter Alkoholeinfluss für 21 der 306 Unfälle verantwortlich. Ein weiteres Problem seien Radfahrer, die entgegen der Fahrtrichtung fahren – ob auf Radweg, Straße oder Gehweg. In den vergangenen siebeneinhalb Jahren war das zehnmal die Unfallursache. Die Unfallzahl stagniere allerdings und 2018 gab es noch keinen ähnlichen Fall. Laut Hanspeter Bürgel vom Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Club (ADFC) des Ortsverbands Radolfzell ist das Fahren entgegen der Fahrtrichtung nicht nur auf der Böhringer Straße, sondern auch auf Schützen- und Haselbrunnstraße häufig zu beobachten.

Der Kreisverkehr in der Schützenstraße ist besonders vor Schulbeginn und nach Schulende ein großes Problem. Die Kinder passieren die Straße oft ohne abzusteigen und entgegen der vorgegebenen Fahrtrichtung. Bild: Lisa Liebsch
Der Kreisverkehr in der Schützenstraße ist besonders vor Schulbeginn und nach Schulende ein großes Problem. Die Kinder passieren die Straße oft ohne abzusteigen und entgegen der vorgegebenen Fahrtrichtung. Bild: Lisa Liebsch | Bild: Lisa Liebsch

"Viele fahren nicht vernünftig oder vorausschauend genug."

Außerdem sieht Bürgel die Unfallursachen einerseits in der unverständlichen Verkehrsführung in manchen Teilen Radolfzells und andererseits im rücksichtlosen Verhalten der Rad- und Autofahrer. "Viele fahren nicht vernünftig oder vorausschauend genug." Beispielsweise würden Radfahrer beim Abbiegen kein Handzeichen geben. "Selbstverschuldete Stürze sind auch häufig", sagt er.

Doch wohin sollen Fußgänger und andere Radfahrer ausweichen, wenn das Fahren entgegen der Fahrtrichtung vorgegeben ist? Laut Polizeikommissaranwärterin Kumpf gilt für alle Verkehrsteilnehmer das Rechtsfahrgebot. Das bedeutet, dass zu jeder Zeit möglichst weit rechts gefahren werden muss. Die Regelung sei meist ausreichend, um Zusammenstöße oder Berührungspunkte zu vermeiden. Außerdem erinnert Kumpf an die Sorgfaltspflicht eines jeden Verkehrsteilnehmers: Sobald Fußgänger und Radler einen Weg gleichzeitig nutzen und Radfahren erlaubt ist, müsse der Radfahrer bei Bedarf langsamer fahren oder absteigen.

Wo der Experte Handlungsbedarf sieht

Handlungsbedarf sieht Bürgel bei der Verkehrsführung der Böhringer Straße. "Besonders Schüler fahren ab dem BEZ-Kreisel bis zur Schützenstraße auf der falschen Seite, weil sie die Querungshilfe auf der Böhringer Straße umgehen", berichtet er. Daher solle das Verkehrskonzept im kommenden Jahr verbessert werden. "Die Fahrbahn wird verbreitert und es wird auf beiden Seiten Radschutzstreifen geben", sagt Bürgel. Außerdem sei geplant, die Beschilderung des BEZ-Kreisverkehrs zu verbessern. Doch auch in der Schützenstraße gebe es Probleme, nachdem Schilder teils abmontiert worden seien. Seitdem seien manche Radfahrer irritiert, wo sie fahren dürfen. "Und auch der Kreisverkehr beim Seemaxx macht Ärger", berichtet ADFC-Ortsverbandssprecher Bürgel, weil Radler bei der Querungshilfe nicht absteigen würden.

Mit dem Fahrrad zu den Brennpunkten in Radolfzell. Hanspeter Bürgel vom Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Club zeigt wo er in Radolfzell Verbesserungsbedarf sieht.
Mit dem Fahrrad zu den Brennpunkten in Radolfzell. Hanspeter Bürgel vom Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Club zeigt wo er in Radolfzell Verbesserungsbedarf sieht. | Bild: Lisa Liebsch

Das droht Radlern bei Fehlverhalten

Wenn Radler sich falsch verhalten, spricht die Polizei eine Verwarnung aus. Diese richtet sich nach dem bundeseinheitlichen Tatbestandskatalog und nach der Art des Verstoßes. Für Radfahren entgegen der Fahrtrichtung beträgt die Strafe zehn Euro. Kommt es zu einer Behinderung oder Gefährdung anderer Menschen, beläuft sich die Strafe auf 25 Euro. Mittels polizeilicher Kontrollen werde das rechtmäßige Fahrverhalten überprüft. "Im Bereich des Polizeireviers Radolfzell lagen allein im ersten Quartal des Jahres 2018 insgesamt 129 Verwarnungen beziehungsweise Anzeigen vor", erklärt Kumpf auf die Anfrage.