Die Stimmung ist immer gut. Sorgen und Probleme der Vergangenheit oder Zukunft zählen hier gerade nicht. Im Querklecks geht es um das Hier und Jetzt. Und jetzt möchte Sarah lieber quatschen, statt Puzzeln. Jasmin hingegen ist tief über den kleinen Teilen, die schon ansatzweise einen majestätischen Tigerkopf erahnen lassen, versunken. "Hier kann jeder machen, was er möchte", sagt Doris Kaipf, die den Querklecks, einen offenen Treffpunkt für Menschen mit Behinderung, vor 17 Jahren in Radolfzell ins Leben gerufen hat.

Man mache Angebote wie Basteln, Kochen, Musik hören, aber die Querklecks-Besucher sollen selbst entscheiden, worauf sie Lust haben. Diese Einstellung ist Doris Kaipf wichtig. "Wir wollten damals ein richtiger Jugendtreff sein, mittlerweile sind viele unserer Jugendlichen mitgewachsen und kommen noch immer", sagt die 59-Jährige zum Erfolg der Einrichtung.

20 bis 25 Stammgäste hat der Querklecks, die regelmäßig die Samstage dort verbringen. Und Doris Kaipf und ihre anderen freiwilligen Helfer wissen diese Zeit mit Leben zu füllen. Neben alltäglichen Dingen wie zusammen auf den Markt gehen, einkaufen und dann zusammen kochen, gibt es auch ein paar echte Höhepunkte im Querklecks-Jahr. In diesem Sommer sind sie beispielsweise alle nach Bregenz zur Festspielbühne gefahren und haben dort an einer exklusiven Führung teilgenommen. Bei den Erzählungen werden alle in der Runde plötzlich ganz lebhaft und fangen an von dieser Exkursion zu berichten.

Der nächste Ausflug hat auch bleibenden Eindruck hinterlassen, ein Besuch im Archäologischen Landesmuseum in Konstanz mit anschließender Fahrt auf einem Speedboot durch den Konstanzer Trichter. Die schnelle Bootsfahrt übertrifft den Museums-Besuch bei Weitem, wenn man Merlin Glauben schenken darf. Er gilt als überaus aufgeweckt, mit einer großen Vorliebe für Geschwindigkeit. In der Adventszeit sind alle zusammen auf den Radolfzeller Christkindlemarkt gegangen. Angst vor den Blicken oder den Menschenmassen in der Stadt hat Sarah, die im Rollstuhl sitzt, gar nicht: "Soll ich mich dann daheim verkriechen, nur weil ich nicht laufen kann? Bestimmt nicht", sagt sie voller Lebensfreude. Auch die anderen genießen den Trubel auf dem Marktplatz, die Stände und das leckere Essen.

Jeder der Querklecks-Besucher ist auf seine Art besonders und individuell und darauf möchten die Ehrenamtlichen eingehen. Dagmar und Markus Stadler, Ingo Mayer, Cindy Senft, Timo Kanalasch, Manuela Werner und noch weitere gehen mit großen Engagement in diese Samstage hinein. Alle haben eine entsprechende Ausbildung in einem sozialen oder therapeutischen Beruf. Jeder von ihnen hat noch einen richtigen Job, der sie die ganze Woche über einspannt. "Aber der Querklecks ist nicht eine zusätzliche Arbeit, es ist Freizeit", sagt Dagmar Stadler, die unter der Woche als Arbeitstherapeutin tätig ist.

Eine große Inspiration für alle, das bestätigen sie einstimmig, ist Doris Kaipf. Sie war in den 1990er Jahren in der Flüchtlingshilfe tätig. Dies seien damals völlig andere Zeiten gewesen als heute, erzählt sie. "Das war Knochenarbeit", sagt sie. Schon damals habe sie Kontakt zu Familien, die ein Kind mit einer Beeinträchtigung hatte und daraus entstand der Wunsch, etwas für diese Familien zu machen. Gemeinsam mit Günter Wenger startete der Treff in einer städtischen Wohnung, die ganz in Eigenleistung komplett hergerichtet werden musste. Finanziert wurde es und wird es bis heute aus Spendengeldern aus der Stiftung Behindertes Kind. "Obwohl mir der Name heute überhaupt nicht mehr gefällt, es ist nicht zeitgemäß", sagt Kaipf.

Der Treffpunkt für Menschen mit Behinderungen wuchs schnell an. Eigentlich als Jugendtreff gedacht, kamen auch Anfragen von Erwachsenen. Da man niemanden ablehnen wollte, wurde die Zielgruppe kurzerhand für alle geöffnet. "Wir wollen es so offen wie möglich halte, es soll für die Eltern keine Belastung oder Verpflichtung darstellen", sagt Doris Kaipf. In den 17 Jahren ist der Querklecks mit seinem samstäglichen Treffpunkt vier mal umgezogen. Für die Ehrenamtlichen und Besucher eine große Belastung. Auch die aktuellen Räume in der Güttinger Straße sind nicht optimal. Es fehlt eine große Küche, um gemeinsam kochen zu können, ein großer Aufenthaltsraum, den man ganz nach den Wünschen und Bedürfnissen der Querklecks-Besucher einrichten kann. Heute teilte man sich den Aufenthaltsraum mit der Volkshochschule.

"Wir wissen, dass es in Radolfzell einen Wohnraummangel gibt, dennoch hoffen wir, irgendwann etwas eigenes zu bekommen", sagt Doris Kaipf. Eine positive Lebenseinstellung war schon immer ihre große Stärke gewesen. Damit konnte sie Spender und Gönner überzeugen, ihr Projekt zu unterstützen. So wird sie auch weiterhin für schöne Erlebnisse und eine bunte Gestaltung der Samstage für die Querklecks-Besucher und für sich und die Ehrenamtlichen sorgen.

 

Aufmerksamkeit fürs Ehrenamt

  • Der Freizeittreff Querklecks ist ein Treffpunkt für Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene mit Behinderung, finanziert durch die "Stiftung Behindertes Kind" Radolfzell. Der Querklecks ist ein Ort um viel zu erleben, Kontakte zu knüpfen, Spaß zu haben und kreativ zu sein. Die Betreuung wird getragen von geschulten Kräften. Das Angebot ist unverbindlich und kostenfrei und findet jeden Samstag von 9.30 bis 14.30 Uhr in der Güttinger Straße 19 statt.
  • Die Helfer: Viele Radolfzeller engagieren sich, spenden ihre Zeit und Aufmerksamkeit für andere Menschen oder für Projekte, die der Allgemeinheit oder den schwächsten Mitgliedern unserer Gesellschaft zu Gute kommen. Viele dieser ehrenamtlichen Helfer sind im Hintergrund tätig, leisten bescheiden und ohne einen Dank zu erwarten ihren Dienst am Nächsten. Der SÜDKURIER hat für eine kleine Serie solche Menschen getroffen und nach ihrer Motivation gefragt, sich für andere einzusetzen.
  • Vorbilder: Kennen Sie jemanden, der eine Inspiration für andere sein könnte oder von dem Sie denken, dass er endlich etwas Aufmerksamkeit verdient hat? Dann schreiben Sie uns am besten gleich per E-Mail an unsere Redaktionsadresse: radolfzell.redaktion@suedkurier.de

 

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