Der Anteil des Öko-Stroms ist in Radolfzell in den vergangenen drei Jahren sprunghaft gestiegen – zumindest bei den Kunden, die ihre Energie von der Radolfzeller Stadtwerke GmbH beziehen. Wie Oberbürgermeister Martin Staab und der Vertriebsleiter des Unternehmens, Joachim Kania, gegenüber Medienvertretern sagten, lag der Anteil beim Amtsantritt von Martin Staab Ende 2013 bei sechs Prozent, inzwischen hat er sich auf 60 Prozent verzehnfacht. Erreicht wurde dies mittels einer Geschäftspolitik, die auf den ersten Blick recht simpel erscheint: Für Privatkunden gibt es keine Alternative, für sie beschränkt sich das Angebot der Stadtwerke auf Öko-Strom.

Die Herausforderung bei dieser Ein-Produkt-Strategie der Stadtwerke liegt in der Preisgestaltung. Die Steigerung des Öko-Strom-Anteils jedenfalls wäre ohne die preisliche Wettbewerbsfähigkeit des Öko-Stroms kaum denkbar gewesen, was wiederum über die Mengenabnahme erreicht wird. Konkret: Joachim Kania kauft an den Energiebörsen ganz andere Mengen an Öko-Strom ein als früher, kommt dadurch in den Genuss von Mengenrabatt und kann somit die Energie entsprechend günstig an die Kunden der Stadtwerke weiter verkaufen.

Grundlage für diese Geschäftspolitik ist die strategische Ausrichtung der Stadtwerke und da geben die Gesellschafter beziehungsweise der Aufsichtsrat die Richtung vor. Die Stadt Radolfzell hält 51 Prozent der Unternehmensanteile, die Thüga AG als Juniorpartner verfügt über 49 Prozent. Wie OB Staab in seiner Funktion als Aufsichtsratsvorsitzender sagte, gebe es unter den Eignern gelegentlich durchaus unterschiedliche Ansichten über die Ziele der Stadtwerke – etwa bei der Energieversorgung von Liggeringen. Der Vorschlag der Thüga AG zum Aufbau einer Gasversorgungsinfrastruktur in dem Bergdorf wurde wegen der langfristigen Unwägbarkeiten des fossilen Energieträgers Gas verworfen, stattdessen entschied sich die Stadt als Mehrheitseigner zur Entwicklung eines Solarenergiedorfs.

Ziel dieser Politik ist der Beitrag zum Umwelt- und Klimaschutz, wobei vom Klimaschutzbeauftragten Matthias Putzke für 2018 die Auszeichnung mit dem European Energy Award in Gold angestrebt wird. An der Auszeichnung hat auch OB Staab großes Interesse, denn er steht beim Bürger im Wort: Sowohl im Wahlkampf als auch in Ansprachen beim Neujahrsempfang und den Naturschutztagen hat er die 100-prozentige Öko-Strom-Versorgung von Radolfzell zu seiner politischen Vorgabe gemacht, weshalb er sich für Werbeblocks nicht zu schade ist: "Wer an den Zielen der Stadt mitarbeiten will, darf gerne Kunde der Stadtwerke werden."

Stadtwerke siegen im Wettbewerb

Die Stadtwerke verfolgen unterdessen höhere Ziele – sie haben nicht mehr nur die Kunden vor der Haustür im Blick. Zunächst erhielten sie bei der vorgeschriebenen bundesweiten Ausschreibung des Städte- und Gemeindetages den Zuschlag für die Belieferung der Liegenschaften der Stadt Radolfzell inklusive der Straßenbeleuchtung, wobei sie auch hier mit Öko-Strom ins Rennen gingen und dennoch den günstigsten Preis abgeben konnten. Und nicht nur das: Das Unternehmen ging zugleich als bester Anbieter für andere Kommunen hervor. "Inklusive der Liegenschaften der Stadt Radolfzell beliefern die Stadtwerke Radolfzell ab 2017 knapp 1000 Stromabnahmestellen im Landkreis Tuttlingen und den Gemeinden Dornstadt, Nufringen, Birkenfeld, Trochtelfingen sowie Sigmaringendorf mit Öko-Strom der höchsten Güte", heißt es dazu in einer gemeinsamen Presseerklärung von Stadtverwaltung und Stadtwerken.

Durch die Belieferung werden nach Angaben des Unternehmens pro Jahr mehr als 11 000 Tonnen CO2 eingespart – das entspricht dem Energiebedarf von 5500 Vier-Personenhaushalten. Für Joachim Kania ergibt sich außerdem die Möglichkeit zu noch größeren Mengenankäufen von Öko-Strom an den Energiebörsen mit den entsprechenden Vorteilen bei der Preisgestaltung bei den Endkunden.

Freude herrscht bei den Stadtwerken ferner über den Zuschlag bei einer bestimmten Art von Gasabnahmestellen in Radolfzell – auch hier musste man sich dem Wettbewerb stellen. Die Wettbewerbsfähigkeit des Unternehmens in diesem Bereich geht allerdings mehr noch aus dem Zuschlag für alle teilnehmenden Städte und Gemeinden im Regierungspräsidium Freiburg hervor. Die ökonomische Bedeutung der erfolgreichen Wettbewerbsteilnahme drückt sich in einem Auftragsvolumen von mehr als 9 Millionen Euro aus.

Die Energiewende hat viele Facetten

  • Öko-Strom: Das wesentliche Kennzeichen ist die Erneuerbarkeit – also zum Beispiel Energie aus Windkraftanlagen, Solarenergie oder klimaneutral gewonnener Strom aus Wasserkraft. Bei der Öko-Strom-Zertifizierung spielt auch die Lieferkette eine Rolle.
  • Freier Markt: Das Ziel einer Öko-Strom-Gemeinde lässt sich streng genommen nur rechnerisch erreichen – prinzipiell ist der Markt frei und jeder Verbraucher kann seinen Versorger selbst wählen. In der Praxis werden die meisten Privathaushalte sowie ein Großteil der Betriebe aber trotz Liberalisierung nach wie vor von den örtlichen Stadtwerken beliefert.
  • Energiepolitik im Bereich der Wirtschaft: Hier ist der Öko-Strom-Anteil verhältnismäßig gering. Um die Betriebe mit in die Klimaschutzziele der Stadt einzubinden, soll beispielsweise im neuen Gewerbegebiet Kreuzbühl (nördlich des Kasernenareals) der Verzicht auf Energie aus fossilen Stoffen festgeschrieben werden. (tol)