Herr Staab, wie oft telefonieren Sie mit Ihrem Anwalt?

Seltenst, warum?

Nach unserem Stand sind die polizeilichen Ermittlungen abgeschlossen, jetzt wartet die Staatsanwaltschaft in der sogenannten E-Mail-Affäre auf die Stellungnahmen der Betroffenen. Was werden Sie nach Konstanz schreiben?

Das weiß ich noch nicht und im laufenden Verfahren kann ich mich dazu auch nicht äußern.

Wie belastend ist für Sie das Ermittlungsverfahren wegen des Verdachts, dass Sie im Rathaus Mitarbeitergespräche illegal aufgezeichnet haben?

Das Verfahren wird hoffentlich bald abgeschlossen sein, insofern belastet es wenig. Natürlich wäre man froh, wenn es schon abgeschlossen wäre. Ich habe vollstes Vertrauen, dass unsere Behörden das in Ruhe und ordentlich abarbeiten.

Mit was rechnen Sie?

Dazu kann ich mich im laufenden Verfahren nicht äußern.

Bild: Georg Lange

Auslöser der Ermittlungen war eine E-Mail von Ihnen im November 2017, in der Sie Bürgermeisterin Monika Laule der Lüge bezichtigt haben und das in einem Tonmitschnitt dokumentiert haben wollten. Die Formulierung in der Mail haben Sie bedauert, den Sachverhalt einer Gesprächsaufzeichnung aber bestritten. Dazu stehen Sie auch heute?

Ja.

Haben Sie in der Zwischenzeit das Gespräch mit Monika Laule über diesen Vorfall gesucht?

Wir hatten viele Gespräche und wir hatten auf meinen Vorschlag hin eine Mediation vereinbart. Sie war einverstanden. Wir haben dieses Mediationsverfahren durchgeführt und abgeschlossen. Dazu haben wir eine vertrauliche Vereinbarung geschlossen. Der Gemeinderat wurde darüber in in Kenntnis gesetzt.

Und diese Vereinbarung funktioniert?

Bisher würde ich sagen, sie funktioniert sehr gut.

Das Thema haben damals 14 Stadträte aufgegriffen und einen sogenannten Weckruf verfasst, in dem sie das schlechte Arbeitsklima im Rathaus angeprangert haben. Ist es wirklich so schlimm, in der Stadtverwaltung Radolfzell zu arbeiten?

Ich kann nur für mich sprechen. Ich finde es nicht schlimm. Wir haben schwierige Diskussionen mit dem Gemeinderat, das ist so meine Ebene. Auf der Führungsebene gibt es eine gute Zusammenarbeit. Wir sitzen wöchentlich zusammen und diskutieren die Themen. Was wie in welchen Abteilungen dann diskutiert wird, da bin ich für eine Beurteilung zu weit entfernt.

Der OB behauptet seine Privatspähre: Springt lieber vom eigenen Boot in den See, als in der Freizeit mit anderen baden zu gehen.
Der OB behauptet seine Privatspähre: Springt lieber vom eigenen Boot in den See, als in der Freizeit mit anderen baden zu gehen. | Bild: Georg Lange

Stichwort Gemeinderat, wie gut oder wie schlecht lässt es sich aus Ihrer Sicht mit Fraktionen und Stadträten zusammenarbeiten?

Das ist immer themenabhängig: Wo steht die Verwaltung, welche Position hat der Gemeinderat? In der Sache wird gestritten, das gehört in der Demokratie dazu. Man wundert sich manchmal über den einen oder anderen Antrag zum Verfahren oder die Umwege, die man gehen muss. Ansonsten würde ich sagen, es ist ein normales Arbeiten, wie in anderen Gemeinden auch.

Wie beurteilen Sie das Vertrauensverhältnis zwischen Gemeinderat und Verwaltung?

Wir spüren schon immer, dass die Verwaltung zumindest in manchen Teilen nicht das große Vertrauen des Gemeinderats hat. Das merkt man an den intensiven Nachfragen. Manchmal sind es auch vorwurfsvoll klingende Äußerungen dahingehend, dass die Verwaltung nicht alles offen gelegt hätte und nicht das Richtige sagen würde. Aber das wird man so schnell nicht rausbekommen. Wir bemühen uns redlich, die Vorlagen sauber, umfassend und akkurat zu schreiben, so dass wir alle Fakten darlegen können, die für eine Entscheidung wichtig sind. Ansonsten muss man ständig daran arbeiten, dass es besser wird.

Worauf führen Sie das mangelnde Vertrauen zurück?

Ich kann's nicht wirklich beurteilen, woran es liegt. Ich glaube, es liegt ganz tief in der Vergangenheit. So ist zumindest mein Eindruck.

Vor gut einem Jahr waren Sie ziemlich zuversichtlich, schnell einen neuen Stadtplaner zu finden. Die Stelle ist immer noch offen. Kommt in diesem Jahrzehnt noch einer?

Ich hoffe doch sehr, dass sich in diesem Jahrzehnt etwas tut.

Das sind nur noch zwei Jahre...

Man muss einfach sehen, der offene Brief macht uns bei den Bewerbungen zu schaffen. Jemand, der sich interessiert und kundig macht, fragt sich natürlich, was ist an diesen Vorwürfen dran. Wir müssen mit dieser Situation leben. Wir hatten wenige Bewerbungen, da war – wie ich fand – eine gute Bewerbung dabei, aber derjenige hatte woanders schneller eine neue Stelle bekommen. Insofern stellt sich die Frage, was gibt der Arbeitsmarkt heute überhaupt her. Man muss vielleicht versuchen, jemand mit einer Direktansprache zu gewinnen.

Wir sitzen hier an einem beliebten Grillplatz vor dem Gelände des Yachtclubs. Doch es gibt immer wieder Konflikte zwischen Anwohnern und Jugendlichen, meist wegen zu viel Lärm. Jugendliche fühlen sich in der Stadt nicht willkommen. Wie stehen Sie zum Vorwurf, dass Radolfzell nur etwas für Touristen und ältere Menschen macht, aber zu wenig für Jugendliche?

Ich kann gut verstehen, dass der Jugendgemeinderat sich da Sorgen macht. Aber es hat sich in letzter Zeit auch einiges entwickelt. Das Café Connect gibt es seit wenigen Jahren, auch mit dem Bokle ist einiges für die Jugendlichen getan worden, ebenso mit dem Grillplatz hier. Auf Wunsch der Jugendlichen sind wir im Herzen neben der Skaterbahn noch einmal mit einem zweiten Gedanken für einen Grillplatz und einem Treff vorangegangen. Was aber in einem Stadtleben, das heißt Zusammenleben auf engstem Raum, immer wieder auftritt, sind Konflikte zwischen verschiedenen Nutzungsmöglichkeiten. Es gibt massive Beschwerden über die Nutzer – nicht über die Jugendlichen – hier am Grillplatz. Hier müssen wir eingreifen. Wir brauchen einen Weg, wie wir für alle – für den Yachtclub, für den Bootshausbetreiber – Lösungen hinbekommen, die die verschiedenen Nutzungen zulassen. Deshalb werden wir im nächsten Jahr einen KOD einsetzen.

Was ist ein KOD?

Das ist ein kommunaler Ordnungsdienst. Wir können nicht über einen privaten Sicherheitsdienst, der keine hoheitlichen Rechte hat, sondern nur über eine eigene Mannschaft Sicherheit und Ordnung gewährleisten. Die Landespolizei zieht sich immer mehr zurück aus dem kleineren Geschehen. Das heißt, wir als Kommune müssen den Ordnungsbereich selber abdecken lernen. Dafür ist der normale Gemeindevollzugsdienst nicht ausreichend und nicht ausgebildet. Für einen kommunalen Ordnungsdienst gibt es eigene Schulungen und einen eigenen Berufsweg. Den werden wir nächstes Jahr einführen.

Und der Gemeinderat spielt mit?

Ich gehe stark davon aus, dass er im Herbst der Vorlage folgen wird.

Die Mieten in Radolfzell sind kaum noch von denen in Konstanz zu unterscheiden. Kommen die Pläne der Stadt zum sozialen Wohnungsbau nicht Jahre zu spät?

Da gebe ich Ihnen recht. Das ist aber auch bedingt durch die große Politik, die immer in gewissen Zyklen denkt. Man hat Ende der Neunziger Jahre fast alle Fördermittel gestrichen, damit hat man auch jeglichen Anreiz für Investoren genommen, dass man im sozialen Wohnungsbau etwas tut. Wir sind im Gleichklang mit den anderen Städten: Konstanz hat sein wohnungspolitisches Programm aufgesetzt, wir haben unsere baulandpolitischen Grundsätze eingeführt. Wo wir uns etwas schwerer tun, ist, dass die Stadt weniger eigene Grundstücke hat. Es würde mehr gehen, wenn Grundstücke verfügbar wären. Ich glaube, Investoren lassen sich auch darauf ein, Fördermittel anzunehmen und sozialen Wohnungsbau zu schaffen. Wir haben einzelne Areale, die gehen jetzt voran. Wir gehen stark davon aus, dass es im Fora-Gelände passiert. Wir gehen auch davon aus, dass dies im zweiten Bauabschnitt des Seevillen-Parks kommen wird.

Interviewrunde an einem Tisch im Biergarten vor dem Bootshaus (von links): Die SÜDKURIER-Redakteure Anna-Maria Schneider und Georg Becker befragen Oberbürgermeister Martin Staab zu aktuellen Themen in der Stadt Radolfzell. <br /><br />
Interviewrunde an einem Tisch im Biergarten vor dem Bootshaus (von links): Die SÜDKURIER-Redakteure Anna-Maria Schneider und Georg Becker befragen Oberbürgermeister Martin Staab zu aktuellen Themen in der Stadt Radolfzell.

| Bild: Georg Lange

Sicher?

Die Vorgaben des Gemeinderats sind eindeutig. Das hat er in seinem letzten Beschluss zum Bauvorhaben noch einmal ganz explizit hervorgehoben. Wo wir ganz besonders auf die Verwirklichung von sozialem Wohnungsbau achten werden, ist in Markelfingen, Böhringen und in der Nordstadt. Wenn die Grundstücke für Mehrfamilienhäuser an den Markt kommen, haben wir die Chance, dies den Investoren aufzuerlegen. Erste Gespräche laufen schon.

Die baulandpolitischen Grundsätze besagen, dass bei einem Neubau 30 Prozent der Wohnfläche im sozialen Bereich entstehen muss. Die haben bei den letzten Projekten nicht funktioniert. Sind diese baulandpolitischen Grundsätze gescheitert?

Nein. Es gab noch kein Projekt, seit sie beschlossen sind.

Und der Wohnpark St. Meinrad?

St. Meinrad wurde vorher aufgesetzt. Da bin ich immer noch ungehalten über den Ablauf des ganzen Verfahrens, weil andere Dinge zugesagt waren. Aber man hat den Fehler gemacht und diese Forderungen nicht von Anfang an in eine vertragliche Regelung gegossen. Von jedem anderen Investor erwarte ich als erstes, dass wir eine Regelung vorgelegt bekommen, wie diese sozialpolitischen Wohnungsbaugrundsätze eingehalten werden sollen. Das ist der erste und wichtigste Paragraph für uns. Vorher braucht der Investor gar nicht weiter planen.

Mit einer städtischen Wohnbaugesellschaft hätten Sie diesen Ärger gar nicht, da würde die Stadt entscheiden, was gebaut wird?

Ja, aber auch da mangelt es wieder an den Grundstücken. Wir hätten nicht das Pfeiffer-Areal und wir hätten nicht das Fora-Areal, wir brauchen erst geeignete Grundstücke. Eine städtische Wohnungsbaugesellschaft wäre schön, aber solche Gesellschaften sind vor 80, 100 Jahren entstanden, als man Wohnungsbau tatsächlich als öffentliche Aufgabe gesehen hat. Das ist heute nicht mehr so. Das Gemeindewirtschaftsrecht dürfte eine Grenze sein, dass wir eine solche Gesellschaft in Radolfzell überhaupt gründen dürfen. Die Gesetze wurden 1996 und 2003 deutlich verschärft, was die wirtschaftliche Betätigung von Kommunen anbelangt. Es wird uns sehr schwer fallen, zu begründen, warum wir Wohnungsbau besser können als private Unternehmen.

Sozialen Wohnungsbau machen die privaten Unternehmen nicht. In den vergangenen zehn Jahren wurden in Radolfzell keine Fördergelder für den sozialen Wohnungsbau abgerufen.

Ja, es gab auch keine Vorgaben dazu. Es hat sich niemand um dieses Thema gekümmert. Erst seit wir die baulandpolitischen Grundsätze aufgerufen, entwickelt und beraten haben, tut sich etwas.

Wohnen ist der soziale Sprengstoff überhaupt, wenn Kommunen sich dieser Aufgabe nicht annehmen, entsteht der Eindruck, dann passiert gar nichts?

Wir schieben nicht die Verantwortung hin und her. Nur, was hilft es jetzt, wenn wir zwei Jahre lang eine Wohnungsbaugesellschaft gründen, zwei Jahre lang planen und dann die ersten Wohnungen vielleicht bauen, dann haben wir in fünf Jahren 20 Wohnungen. Die stellt uns ein Investor, wenn wir die Auflagen machen, dass er 20 Wohnungen zu bauen hat, in eineinhalb oder zwei Jahren hin. Das geglaubte Allerheilmittel kommunale Wohnungsbaugesellschaft wird nicht zielführend sein. Wir müssen mit Fördermitteln, mit Anreizen und klaren Vorgaben arbeiten.

In der Nordstadt hat man schon einmal solch ein Projekt abgelehnt, wegen architektonischer Finessen.

Das war ein wenig rühmliches Beispiel. Der Investor hat nicht die Architektur geliefert, die man erwartet hat. Er hat auch nicht so nacharbeiten können, wie der Gemeinderat und der Gestaltungsbeirat sich das gewünscht haben. Kein gutes Beispiel. Aber jetzt sind andere an dem Grundstück am Quartiersplatz dran, die das hoffentlich besser machen. Die ersten Entwürfe, die ich gesehen habe, sehen vielversprechend aus.

Das hat das Projekt nur um Jahre zurückgeworfen.

Ja, Planungsweltmeister.

Wer ist Planungsweltmeister?

Radolfzell ist Planungsweltmeister. Das ist seit der letzten Haushaltsrede mein Ausspruch. Wir planen immer nur und machen ganz viel für die Schublade und setzen zu wenig um.

Wie lässt sich das ändern?

Es bedürfte mehr Mut und mehr weitblickende Entscheidungen. Es bedarf auch der Gabe mal mit achtzig prozentigen Entscheidungen zu leben, als die Hundert-Prozent-Lösung zu suchen, die es meines Erachtens meistens gar nicht gibt. Man muss kompromissbereit sein bei der Architektur und bei Vertragsregelungen. Man sollte sich bei einer Seebadentscheidung nicht über die Farbe der Sonnenschirme unterhalten, wenn man sich in einem immens schnellen Verfahren befindet.

In was für eine Stadt soll sich Radolfzell entwickeln? Wo wollen wir denn hin?

O, das gibt eine lange Antwort. Ich glaube, wir sind gelebte Umweltstadt und wollen diese sein. Das ist mein oberstes Ziel. Ich glaube, das ist ein Leitbild, das man haben muss. Umweltstadt heißt nicht, wir kehren zurück in die Höhlen und leben unter Bäumen, sondern dass wir schonend mit der Umwelt umgehen. Wenn 80 Prozent der Gemarkung unter Schutz gestellt sind, ist das eine Verantwortung, die wir wahrnehmen müssen. Das führt dazu, dass wir attraktiv sind für Zuziehende. Nicht umsonst reden wir ja über das Thema Wohnen.

Teuer Wohnen ist in Radolfzell kein Problem.

Richtig, teuer Wohnen ist kein Problem. Aber dieser Zuzug ist natürlich auch eine Chance, so schwer das manchmal zu verstehen ist. Stellen Sie sich vor, wir wären eine Wegzugsregion – was wäre da noch attraktiv? Wir hätten eine Infrastruktur, die immer weniger Bürger zahlen und unterhalten müssten. Wir brauchen dieses Leitbild der Umweltstadt, wir wollen es leben und wir wollen es durchdeklinieren in alle Bereiche. Wir wollen saubere, zukunftsfähige Arbeitsplätze im Clean-Energy-Park schaffen, wir planen bei städtischen Gebäuden im Passivhaus-Standard, wir müssen für unsere Einwohner und Gäste attraktiv bleiben. Dazu gehört das vielfältige Kultur- und Sportangebot. Das muss ständig weiterentwickelt werden. Aber über allem steht das Thema gelebte Umweltstadt. Das drückt sich besonders aus in der Mobilität, wir haben mit viel Weh und viel Ach im letzten Jahr die neuen Parkgebühren beschlossen. Die waren nicht nur zur Freude der Bürgerschaft und der Gäste, aber es bedarf dieser Steuerungswirkung, wenn wir eine veränderte Mobilität wollen. Das Senken der Buspreise hat dazu geführt, dass wir über hundert Prozent Zuwachs bei den Busnutzern haben. Jetzt müssen wir es schaffen, andere Mobilitätsarten wie das Radfahren und auch das zu Fuß gehen zu entwickeln. Die ersten Anzeichen sind gut, im Herbst werden wir das Radwegekonzept beschließen und im nächsten Jahr die ersten Maßnahmen umsetzen. Veränderte Mobilität ist etwas, dem wir uns alle annehmen müssen.

Trotz dem Bemühen der Stadtverwaltung, möglichst viele Bürger an der Stadtentwicklung zu beteiligen, beklagen sich daran gemessen viele über zu mangelnde Transparenz im Rathaus. Beispiele sind die Straßenbauarbeiten in der Konstanzer Straße oder das Parkraumkonzept. Viele fühlen sich nicht abgeholt und mitgenommen. Wie wollen Sie dieses Vertrauen zurückgewinnen?

Also, ich glaube nicht, dass wir es verloren haben. Insofern müssen wir auch nichts zurückgewinnen. Wir müssen einfach noch mehr von der Bürgerbeteiligung überzeugen. Wir haben aus dem Bürgerbeteiligungsprozess des Stadtentwicklungsplans 600 Adressen von Menschen, die sich interessieren, die immer informiert werden wollen. Das klingt auf der einen Seite viel, aber das ist immer noch nicht genug. Ich hätte liebend gerne 3000 Adressen. Ich glaube, es gibt ein grundsätzliches Problem. Dann, wenn Beteiligung ansteht, wie hier an der Wiese am Yachthafen, wie am Spielplatz in Böhringen, dann liegt die Umsetzung für viele zu fern. Wir müssen schauen, dass wir noch stärker auf die Interessensgruppen zugehen und versuchen, diese einzubinden. Menschen fühlen eine nicht ausreichende Beteiligung, wenn der Bagger vor der Türe steht. Dass die Beteiligung aber schon ein Jahr vorher gelaufen ist, wird dann gar nicht so wahrgenommen. Diese Diskrepanz müssen wir noch auflösen. Man muss auch die richtige Beteiligungsform für verschiedene Projekte finden.

Sommerinterview mit OB Staab, Anna-Maria Schneider und Georg Becker.
Sommerinterview mit OB Staab, Anna-Maria Schneider und Georg Becker. | Bild: Lange, Georg

Zu den Projekten: Was ist für Radolfzell wichtiger – ein neuer Seezugang oder ein neues Pflegeheim?

Es ist beides wichtig. Der Gemeinderat hat mehr als deutlich gemacht, dass ihm der Seezugang wichtig ist. Und zwar alle Lager im Gemeinderat. Ich habe nur eine Stimme gehört, die gesagt hat, er könne auch mit dem alten Seezugang leben.

Ich habe mindestens zwei dieser Stimmen gehört.

Gut, dann haben Sie die bessere Erinnerung. Es wurde eigentlich immer nur um den Weg gestritten, wie man da hinkommen will. Bei einem solch großen Projekt verstehe ich auch die Ängste, dass es schwierig wird, mit diesen Kosten umzugehen. Es ist trotzdem wichtig, dass eine Stadt über einen attraktiven Seezugang verfügt, der eben nicht reine Straße wie die Mooser Brücke oder Südbrücke ist. Wo man wirklich aus der Zentrale der Stadt an den Punkt Bodensee kommt. Wir tragen den Namen des Sees im offiziellen Stadtnamen, dann muss da auch dieser Zugang möglich sein. Zwei Drittel des Gemeinderats haben nun entschieden, wir wollen unten durch.

Ist über die Jahre und Jahrzehnte nicht zu viel Energie in dieses Projekt Seetorquerung gesteckt worden?

Wir haben sicher Nachholbedarf, es ist einiges liegen geblieben. Aber ich glaube nicht, dass es an diesem Seezugang lag. Was rückblickend sehr viel Planungs-Energie verschlungen hat, war die ganze Schiesser-Konversion.

Ist aber nicht gleichzeitig die Planung für ein neues Pflegeheim liegen geblieben? Die gesetzliche Anforderung für die Einzimmer-Unterbringung ab dem Jahr 2019 liegt seit 2009 auf dem Tisch.

2009 bis 2013 kann ich nicht beurteilen, da möchte ich mich raushalten. Ich habe aber schon den Eindruck, dass seit 2014 kontinuierlich daran gearbeitet wurde, dass man ein gutes Konzept mit betreutem Wohnen plus Pflegedienst hatte. Dieses Konzept ist an der Stiftungsaufsicht gescheitert, die gesagt hat, besinnt euch auf eure Wurzeln, ihr müsst kleinere Brötchen backen. Danach gab es Diskussionen, wie geht man mit den Liegenschaften um, was ist der richtige Standort, wie finanziert man das. Ich persönlich fand manche Diskussion auch zu lang und zu ausschweifend.

Kommt das Pflegeheim?

Das Pflegeheim wird kommen, davon gehe ich ganz stark aus. Frau Laule ist an diesem Projekt ständig dran, das liegt in ihrem Verantwortungsbereich. Ich glaube, wir haben gute Architekten, die einen guten Entwurf gemacht haben. Vermutlich werden wir 2021 die Einweihung feiern.

Und wann kommt der neue Seezugang?

Die derzeit mündliche Aussage der Bahn lautet: Wenn wir im Mai nächsten Jahres die Maßnahme beim Eisenbahnbundesamt anmelden können, wäre ein Baubeginn 2021 möglich.

Im Jahr der OB-Wahl?

Habe ich nicht darüber nachgedacht, aber ja.

Dann sind Sie zuversichtlich, dass Sie vor der Wahl noch zu einem Spatenstich einladen können?

Ich sage Ihnen, bei der Bahn bin ich mit überhaupt nichts zuversichtlich. Das sage ich auch so offen. Aber ich muss davon ausgehen, dass diese Aussagen stimmen, die bisher mündlich getätigt wurden. Es gibt jetzt nach der Sommerpause einen großen Termin mit den Bahnvertretern, bei dem wir versuchen, die Zeitpläne einzutakten. Dann müssen die Ingenieurbüros ran, doch wir haben gerade kein Büro, das nach Aufträgen schreit, die sind alle gut ausgelastet. Aber wenn wir die richtigen Beteiligten zusammenführen, die Zeitpläne aufstellen, dann ist das ein realistisches Ziel.

Bei der Kur haben Sie mehr Einfluss, werden Sie da noch in Ihrer ersten Amtszeit einen Grundstein für die Zentralisierung der Gebäude rund um das Scheffelschlösschen legen?

Der ganze Plan mit der Zusammenlegung soll 2030 abgeschlossen sein. Wir werden dieses Jahr den Bebauungsplan hoffentlich fertig bekommen und dann muss man sehen, in welchen Bauabschnitten wir das Projekt verfolgen können. Aber ich würde auch gerne am Anfang der zweiten Amtszeit einen Grundstein setzten wollen.

Sommerinterview mit OB Staab, Anna-Maria Schneider und Georg Becker.
Sommerinterview mit OB Staab, Anna-Maria Schneider und Georg Becker. | Bild: Lange, Georg

Das heißt, Sie kandidieren 2021 wieder?

Ich gehe stark davon aus, weil solche Stadtentwicklungsprozesse schwierig und langwierig sind. Dafür ist eine Amtszeit zu wenig, um tatsächlich solche Entwicklungen voranzubringen.

Sie haben die Entwicklung als Musikstadt am Bodensee vorangebracht. Der Sport sieht sich dagegen ein bisschen vernachlässigt. Wann kommen die versprochenen neuen Sportflächen für die Vereine, passiert da noch was?

Der Sportentwicklungsplan ist 2016 beschlossen worden und sollte 2017 angegangen werden – was aber durch lange Krankheitsphasen von Mitarbeitern verzögert worden ist. Das geschieht nun dieses Jahr. Bei einer vernünftigen Prioritätenliste werde ich mich dafür einsetzen, dass im Nachtragshaushalt 2019 eine der neuen Maßnahmen drin ist. Dazu brauche ich aber Einigkeit unter den Vereinen.

Wo wir so schön am See sitzen: Wo geht der OB eigentlich schwimmen: Strandbad, Seebad, Herzen oder in den Bonzschen Gärten?

Ich muss gestehen, ich gehe meistens vom Boot aus schwimmen. Ich bin kein Seebad- oder Strandbadbenutzer, am Herzen würde ich es mich nicht trauen – da ist es ja verboten – und an der Konzertmuschel bin ich einmal erwischt worden. Das war noch vor der Renaturierung, als ich morgens um halbsieben dort baden ging. Zwei Damen, die schon im Wasser saßen, haben mich erkannt. Erlaubt ist nach der städtischen Umweltverordnung nur das Baden in Strandbad und Seebad.

Und ins Strandbad gehen Sie nicht, weil Sie Angst haben, dort gesteinigt zu werden?

Nein, nein. Das Strandbad hat seinen besonderen Charme. Aber wenn ich Freizeit habe, habe ich die dann lieber für mich und nicht im Kreise von vielen anderen.

Diese Themen werden Radolfzell in nächster Zeit bewegen

  • Zur Person: Martin Staab, geboren am 19. März 1964 in Königsbronn, ist 2013 zum Oberbürgermeister von Radolfzell gewählt worden. Davor war er Erster Bürgermeister in Waiblingen. Staab studierte Verwaltungswissenschaften in Konstanz und war von 1994 bis 2000 Hauptamtsleiter in Singen. Seine freien Tage verbringt er auf dem See, in den Bergen oder als Italienliebhaber gerne in der Toskana.
  • E-Mail-Affäre: Nach Aussagen der Staatswanwaltschaft Konstanz sind die polizeilichen Ermittlungen gegen OB Staab abgeschlossen. Die Staatsanwaltschaft hat diese Ermittlungen im Rahmen der E-Mail-Affäre in Gang gesetzt wegen "des Verdachts der Verletzung der Vertraulichkeit des Wortes". Damit sind illegale Aufzeichnungen von Mitarbeitergesprächen gemeint. Wie Andres Mathy von der Staatsanwaltschaft Konstanz mitteilt, würden nun die Stellungnahmen der betroffenen Parteien eingeholt. Vor dem Eingang dieser Stellungnahmen wolle sich die Staatsanwaltschaft "seriöserweise" zum Abschluss der Ermittlungen nicht äußern.
  • Wohnen: Die Frage nach der Gründung der städtischen Wohnungsgesellschaft, welche die Fraktion der Freien Grünen Liste gefordert hat, ist noch nicht geklärt. Im Gemeinderat ist der Antrag wegen Zeitmangel verschoben worden. In Radolfzell sind verschiedene Neubaugebiete ausgewiesen worden. Die Bebbauung in der Nordstadt, in Markelfingen und in Böhringen steht in den Startlöchern. Neben Einfamilienhäusern soll es auch Grundstücke für Mehrfamilienhäuser geben. Für den sozialen Wohnungsbau hat die Stadtverwaltung mehrere Standorte geprüft. Auf 13 Flächen ist eine Bebauung mit Sozialwohnungen und Anschlussunterbingung für Geflüchtete möglich. Beim zweiten Bauabschnitt des Seevillenparks, dem Marine Pfeiffer-Areal, hatte der Investor den Plan geäußert, eine Anlage für betreutes Wohnen zu bauen. Im Gemeinderat gab es für das Projekt mit dem Titel "Residenz am See" viel Kritik.
  • Pflegeheim: Das städtische Pflegeheim "Zum heiligen Geist" in der Innenstadt soll geschlossen werden. Stattdessen möchte die Stadt einen Neubau auf der Mettnau auf dem Gelände des ehemaligen Schwesternwohnheims beim Krankenhaus realisieren. Das Problem ist die Finanzierung. Die Stiftungsaufsicht im Regierungspräsidium verlangt für den Pflegeheim-Neubau auf der Mettnau eine Eigenkapitalquote von mindestens 60 Prozent. Um das nötige Kapital aufzubringen, soll das Haus Seestraße 44 auf dem freien Markt veräußert werden. Die zweite Adresse Poststraße 15 will der Spitalfonds an die Stadt Radolfzell veräußern.
  • Seezugang: Seit vielen Jahren diskutiert die Stadt über einen neuen Seezugang. Die jüngste Entscheidung: Es soll eine neue, kürzere (24 Meter) und breitere (8,50 Meter) Unterführung vom Bahnhof an den See gebaut werden. Die Kostenschätzung der Verwaltung liegt bei knapp 23 Millionen Euro. Doch auch schon frühere Beschlüsse dazu wurden wieder aufgehoben, sogar ein Brückenwettbewerb durchgeführt. Auch diese Idee wurde wieder verworfen.