Es soll ein Quartier mit Gewicht werden. Eines, welches sich noch entwickeln kann, eventuell sogar wächst und für die Bewohner ein eigenständiger Lebensraum wird. So beschreibt Franz Pesch, Architekt und Stadtplaner aus Stuttgart, den Sie­gerentwurf für das Gleisdreieck in Radolfzell.

Pesch fungierte als Wettbewerbsvorsitzender und hatte mit der Jury den Entwurf der Barton S-ASS Architekten, der Fahle Stadtplaner Partnerschaft und der Landschaftsarchitekten Faktorgruen, alle aus Freiburg, einstimmig zum Sieger des Wettbewerbs erklärt.

Fünf Entwürfe standen zur Auswahl

Insgesamt wurden fünf Entwürfe für den Architektenwettbewerb eingereicht. Der Siegerentwurf überzeugte vor allem durch die klare Abgrenzung zu den Bahnlinien, den vielen Innenräumen zwischen den Gebäuden, und dem zentralen Platz, der als Treffpunkt des gesamten Quartiers gesehen werden kann.

Die Ausschreibung war aufgeteilt in einen Realisierungs- und einen Ideenteil. Der Ideenteil ist der süd-westliche Teil des Gleisdreiecks, samt Spitze hinter der Neurohrbrücke. Der Realisierungsteil ist das nord-östlich liegende Fora-Gelände beim Nahkauf. Geplant sind im Entwurf des Realisierungsteils 230 Wohnungen.

Sollte auch der Ideenteil vom Investor bebaut werden können, wären insgesamt mehr als 380 Wohnungen möglich, also Platz für mehr als 900 Menschen.

Sozialwohnungen sollen Teil der Planung werden

Davon sollen nach den baulandpolitischen Grundsätzen 30 Prozent im geförderten Bereich sein. Für einen Teil dieser Wohnungen will sich die Stadt im Durchfügungsvertrag mit dem Investor BG Business Group AG und deren Projektgesellschaft Unitis AG, das Belegungsrecht sichern.

Ralf Pavaletz, Leiter der Projektentwicklung bei der BG Business Group AG, steht hinter der Idee, ein gemischtes Quartier zu bauen. Die geförderten Wohnungen sollten im gesamten Areal verteilt werden.

Investor möchte schon 2021 anfangen

Der Zeitplan für die Realisierung des Entwurfs ist indes sportlich. Denn der von Architekt Florian Kübler von Barton S-ASS Architekten in Freiburg ausgearbeitete Plan, ist nur die Grundlage für weitere Planungen. Viele seiner Ideen müssten noch einmal überdacht und umgeplant werden, so Markus Toepfer von der Abteilung Stadtplanung in Radolfzell.

Danach müsste ein vorhabenbezogener Bebauungsplan erstellt werden, ein Durchführungsverfahren mit dem Investor verhandelt und alles natürlich vom Gemeinderat absegnet werden. Doch geplanter Baubeginn soll 2021 sein, so Projektleiter Ralf Pavaletz.

Parkplätze könnten ein Diskussionsthema werden

Etwas, was bereits jetzt für Diskussionen sorgt, ist die in Freiburg aktuell moderne Quartiersgarage. Tiefgaragen würden dazu führen, dass sich die Menschen in ihrem Viertel nicht mehr treffen, argumentierte Architekt Kübler. Auch um das Areal vom Verkehr her zu beruhigen, plante er zwei Parkhäuser an den äußeren Enden des Gebietes.

So ganz überzeugt schien Markus Toepfer nicht zu sein. Eine lang gezogene Tiefgarage, eingeschossig wegen des Hochwasserschutzes, wäre eine mögliche Alternative, um einfach mehr Parkplätze für die Wohnungen zu schaffen. „Wir müssen pro Wohnung 1,5 Stellplätze zur Verfügung haben, da reichen zwei Parkhäuser nicht aus“, sagte er.

Bebauung soll sich der Umgebung anpassen

Um die Nachbarschaft nicht zu erschlagen habe man auch nur drei- bis viergeschossig geplant, erklärt Kübler. Auch habe er für den Wettbewerb eine Fleißarbeit abgegeben und gleich Gelände mit eingeplant, was eigentlich gar nicht zur Verfügung steht, sondern noch in Privathand liegt.

Doch das Gebiet südlich des Nahkaufs könnte langfristig Teil der neuen Wohnbebauung werden. „Doch keine Sorge, niemand muss sein Grundstück verkaufen. Es ist nur eine Idee. Wir werden, wenn es soweit ist, mit den Besitzern das Gespräch suchen“, erklärt Toepfer.

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Zum Wettbewerb und zur Ausstellung

  • Vorgaben: Für den Wettbewerb waren einige Vorgaben an die Teilnehmer gemacht worden. Der Nahkauf-Markt sollte in die Planung integriert werden, es sollten ausschließlich Geschosswohnungen geplant werden und eine Kindertagesstätte mit drei Gruppen sollte Teil des Quartiers werden. Auch die Konstanzerstraße, Neurohrbrücke und die Gleise sollten in dem Plan berücksichtigt werden. Ebenfalls Vorgabe war die Einarbeitung eines Bahnhaltepunktes für die Oststadt sowie den barrierefreien Umbau der Unterführung an der Kläranlage. Ebenfalls wichtig waren der Schutz vor Immissionen und die Nachhaltigkeit.
  • Bewerber: Neben dem Gewinner-Team aus Freiburg hatten sich Architektenbüros, Stadtplaner und Landschaftsarchitekten unter anderem aus Sigmaringen, Baden-Baden, Villingen-Schwenningen und Karlsruhe beworben. Jeder Teilnehmer hat ein Bearbeitungshonorar von 46 000 Euro bekommen.
  • Zur Jury: Zu den Fachgutachtern gehörten neben Franz Pesch weitere Architekten und Stadtplaner wie Jo Frowein, Hellmut Raff, Michael Glück, und Jens Wittfotth. Von der Stadtverwaltung waren Markus Toepfer und Engin Ersoy in der Fachjury. Zu den Sachgutachtern gehörten je ein Vertreter der Fraktionen aus dem Gemeinderat und ein Vertreter des Investors. Dabei waren Helmut Villinger (CDU), Siegfried Lehmann (FGL), Walter Hiller (Freie Wähler), Norbert Lumbe (SPD), Richard Atkinson (FDP) und Ralf Pavaletz von der BG Business Group.
  • Zur Ausstellung: Die fünf Entwürfe sind bis zum 4. Dezember im Untergeschoss der Stadtbibliothek im Österreichischen Schlößchens zu sehen. Die Öffnungszeiten sind Dienstag, Donnerstag und Freitag, 12 bis 18.30 Uhr, Mittwoch, 10 bis 18.30 Uhr, und Samstag, 10 bis 14 Uhr.
Anna-Maria Schneider