Die meisten Arbeitnehmer größerer Unternehmen stellen ihr Auto auf firmeneigenen Parkplätzen ab. Doch was, wenn das Unternehmen in der Fußgängerzone liegt? Den Charme der Radolfzeller Innenstadt machen ihre kleinen Gässchen mit einem breiten Spektrum an Einzelhandel und Gastronomie aus. Große Unternehmen liegen zumeist außerhalb der historischen Stadtmauern. Doch Beschäftigte der Stadtverwaltung, des Kaufhauses Kratt und allen, die in der Pfarrei arbeiten oder sie aufsuchen, stellt sich täglich die Frage nach einem Parkplatz. Wie reagieren sie auf das neue Parkraumkonzept?

Eine kleine Umfrage unter den Beschäftigten der Stadtverwaltung hat ergeben, dass mehrere Mitarbeiter umweltfreundlich unterwegs sind: Sie kommen mit dem Fahrrad zur Arbeit. Bürgermeisterin Monika Laule sagt, sie fahre seit Jahren, im Sommer wie im Winter, mit dem Fahrrad ins Rathaus und zu allen Veranstaltungen, die in Radolfzell stattfinden. Das hat aus ihrer Sicht zwei Pluspunkte: "Ich mache das aus Umweltschutzgründen und natürlich für meine Gesundheit." Thomas Nöken, stellvertretender Leiter des Baudezernats erzählt, er sei seit 30 Jahren "autolos" unterwegs. In den drei Jahrzehnten habe er sein Leben stets so eingerichtet, dass Wohnung und Arbeit nahe zusammenlagen.

Seine Assistentin, die in Steißlingen wohnt, habe es nicht so leicht. Im Sommer käme sie mit dem Roller, bei schlechtem Wetter im Winter mit dem Auto. Seit Einführung des neuen Parkkonzepts fielen natürlich höhere Gebühren für sie an. Allgemein beobachte er jedoch Tendenzen, dass in Radolfzell vermehrt der öffentliche Nahverkehr und das Fahrrad benutzt würden. Jugendreferentin Eva-Maria Beller, die in Allensbach wohnt, kombiniert beides. Sie nimmt ihr Fahrrad in der Bahn mit, ist dann in Radolfzell auf zwei Rädern unterwegs und fährt meist auch auf dem Fahrrad nach Hause. Christine Braun vom Fachbereich Kultur erzählt: "Bis jetzt parke ich etwas außerhalb, wo das Parken nichts kostet und laufe von dort in die Arbeit." Auf die Dauer wolle sie sich aber ein Monatsticket besorgen.

Für den Unternehmer Hermann Kratt stellt sich das neue Parkkonzept nicht ganz so einfach dar. Für sich selbst hat er einen Parkplatz gemietet. Doch für geringfügig beschäftigte Mitarbeiterinnen, die von außerhalb kommen, seien die angehobenen Gebühren ein Problem. Sie müssten nun zehn Prozent ihres Lohns ins Parken investieren. Eine Mitarbeiterin habe er deshalb bereits verloren. Der öffentliche Nahverkehr sei nicht für alle eine Lösung. Das Seehäsle nach Stockach biete zum Beispiel keinen engmaschigen Fahrplan an. Die Fahrtzeiten passten nicht immer mit den Öffnungs- und Schließzeiten des Kaufhauses zusammen. Hermann Kratt zieht den Vergleich zu Singen. Dort gebe es kostenfreie Parkplätze in Stadtnähe. Der Unternehmer bemängelt: "In Radolfzell sind nicht alle Konsequenzen des neuen Parkkonzepts bedacht."

Für Pfarrer Hauser stellt sich das Problem nicht. Er wohnt an seinem Arbeitsplatz, in der Pfarrei am Marktplatz. Zudem verfügt das Pfarramt über einige Parkplätze auf dem Ölberg. Dort können Mitarbeiter und Personen parken, die Termine im Pfarramt wahrnehmen. Doch wenn mehrere Personen im Friedrich-Werber-Haus erwartet werden, wie zur monatlichen Dekanatskonferenz, an der 50 Mitarbeiter teilnehmen, gebe "es durch die neue Parkregelung schon mehr Probleme als früher, wo auf dem Messeparkplatz kostenloses Parken möglich war", berichtet Hauser.

Marktplatz am Sonntag

Am Sonntagmorgen, während der Messe, parken auf dem Marktplatz oftmals mehrere Kirchenbesucher. Nicole Stadach, Pressesprecherin der Stadt, sagt dazu, hierfür gebe es keine Ausnahmeregelung der Stadt. Die Situation sei historisch so gewachsen. Ob dies auch künftig so bleiben könne, werde eine Überprüfung der Funktionsfähigkeit der Fußgängerzone ergeben, die im Rahmen des Stadtentwicklungsplans 2030 vorgenommen werden soll. Die Stadt wolle auf veränderte Nutzungsansprüche reagieren, um die Attraktivität und Lebendigkeit der Innenstadt zu verbessern und Rechtskonformität herzustellen. Ob und zu welchen Veränderungen es kommen wird, sei derzeit nicht abzusehen. (rei)