Seit einigen Tagen sind wieder Archäologen auf dem Areal zwischen dem Untertorplatz, der Brühlstraße und dem Phillip-Neuer-Platz tätig. Mit einem Bagger und in viel Handarbeit legen die Mitarbeiter des Unternehmens ArchaeoBW dort Dinge aus der Stadtgeschichte frei. Das Wohnbauunternehmen Gnädinger und Mayer aus Radolfzell hat das Grundstück erworben und will dort einen Wohnkomplex mit 28 Wohneinheiten und drei Gewerbeeinheiten bebauen.

Bevor mit den Bauarbeiten für das Projekt begonnen werden darf, müssen die Archäologen das Areal untersuchen. Sie sind weiterhin auf der Suche nach Artefakten aus der Radolfzeller Stadtgeschichte. Andreas Mayer, Geschäftsführer des Wohnbauunternehmens, rechnet damit, dass die Grabungsarbeiten der Archäologen bis Ende April dauern: "Sie suchen gerade ein Stück der alten Stadtmauer." Klar sei, dass es eine gebe, die durch das Gelände des früheren Gasthauses Schützen ging.

Nach Abriss des ehemalige Schützenhofs haben die Archäologen nun Zugriff auf Bereiche, die viele Jahre unter dem Gebäude verschwunden und somit nicht zugänglich waren. Dort befand sich früher eine Toranlage, wie aus alten Karten zu entnehmen ist. Sie bildete eines der drei Stadttore der mittelalterlich befestigten Stadt. Sie wurde auch Mühlentor genannt, nach einer 1888 abgebrannten Spitalmühle in der direkten Nachbarschaft. Im Untergrund des Schützenhofs selbst hofft man, auf ein Fragment der alten Anlage zu stoßen.

Unter Umständen könnten diese sogar in den Neubau des Wohnkomplexes integriert werden, ähnlich wie man es im Bereich des Gerberplatzes mit Teilen der Stadtmauer vor Jahren gemacht hat. Ergebnisse wolle und könne man zum aktuellen Zeitpunkt allerdings noch nicht veröffentlichen, so die mit der Grabung beauftragten Archäologen. Die Ergebnisse sollen voraussichtlich später bei einem Termin bekannt gegeben werden, bei dem die Verantwortlichen vom Regierungspräsidium Freiburg die Funde präsentieren.

Finden die Archäologen das Stück der alten Stadtmauer, wird es für den Investor teuer. "Es kann sein, dass wir ein Stück Stadtmauer dann in der Tiefgarage unterbringen müssen", berichtet Mayer. Das bedeutet: "Es braucht eine wasserdichte und erdbebensichere Konstruktion, das ist bautechnisch eine Herausforderung." Unabhängig davon müsse der Bauherr auch für die Kosten der Grabungen aufkommen: "Wir rechnen mit einem Aufwand zwischen 150 000 und 200 000 Euro", sagt Mayer.

 

Funde und Projekt

  • Erste Funde: Im vergangenen Sommer hatten die Archäologen auf dem Gebiet interessante Funde gemacht. So wurde eine Tonscherbe gefunden, die aus dem 10. Jahrhundert stammte und somit fast in die Zeit der Gründung der Stadt im Jahr 826 durch Bischof Ratold zurückreicht. Außerdem wurden Hinweise auf Wehranlagen gefunden. Archäologen fanden eine alte Pfeilspitze aus Feuerstein, die aus der frühesten Siedlungsgeschichte (8000 vor Christus) der Region stammte.
  • Das Projekt: Die Gestaltung des Schützenareals in der Untertorstraße war mehrfach Thema im Gemeinderat. Ein Teil des Grundstücks liegt im Geltungsbereich der Altstadtsatzung. Deshalb kam der Siegerentwurf des Architektenwettbewerbs nicht zur Umsetzung. Für das Projekt mit drei Gebäuden und einer Tiefgarage mit 34 Plätzen sei die Baugenehmigung im Dezember 2017 erteilt worden, so das Bauunternehmen. Das Gesamtvolumen des Projekts gibt Geschäftsführer Andreas Mayer mit 14 Millionen Euro an.