Das Stadtmuseum widmet der stolzen und traditionsbewussten Radolfzeller Narrenzunft bis zum 10. Februar eine Sonderausstellung zu ihrem 175-jährigen Bestehen. In der Schau werden herausragende Persönlichkeiten aus der Radolfzeller Fasnet vorgestellt. In der Zunft gab es Liberale und Revolutionäre, in der NS-Zeit Aufmüpfige und in der Nachkriegszeit Bühnenstars, die im Stadtmuseum mit Fotografien geehrt werden. Bei Fasnetkrapfen und Kaffee stellte Michael Fuchs im Stadtmuseum die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg vor. Der Kulturwissenschaftler ist aktives Mitglied der Narrizella, Leiter des Fasnetmuseums, ist auch für das schwäbisch-alemannische Fasnet-Museum in Bad Dürrheim tätig und hat gerade das Buch „Radolfzeller Fastnacht“ über die Fasnet veröffentlicht. In Fuchs' Vortrag zeigte sich: Was oftmals als jahrhundertealte Tradition erscheint, ist überraschenderweise jüngeren Ursprungs als gedacht.

Die Fasnet zu Zeiten des Nationalsozialismus

1933 wurde die Radolfzeller Fasnet von den Nationalsozialisten vereinnahmt, die mit dem Brauchtum von christlichen Traditionen ablenken wollten. Sie machten Propaganda, derzufolge die Deutschen von kriegerischen Germanen abstammten und keine frommen Christen seien, schilderte Fuchs in seinem Referat. Pfarrer wurden verprügelt und Katholiken von den Nationalsozialisten verfolgt, erklärte er in der Diskussion mit den Besuchern seines Vortrages. In Radolfzell habe es einen Untergrund alteingesessener Katholiken gegeben, die den Nationalsozialisten kritisch gegenüberstanden.

Michael Fuchs zeigt sich vorsichtig gegenüber historischen Fasnet-Interpretationen. Meist hätten vielmehr praktische Überlegungen im Vordergrund gestanden, bei denen der Narr eine Rätsche nur zum einfachen Krachmachen nutzte, als dass er damit den Winter oder Geister austreiben wollte. Die meisten Interpretationen hätten ihren Ursprung in dem NS-Regime, in dem die Fasnacht mystifiziert werden sollte, so Fuchs. Die Mythen sollten von einer Verbindung zur christlichen Fastenzeit ablenken.

Närrisch feiern mit Einschränkungen

Bei einer 175-jährigen Vereinsgeschichte dürfe man sich nicht vorstellen, dass die Fasnacht ununterbrochen in Saus und Braus gefeiert wurde, so Michael Fuchs, oftmals standen der Fasnet Kriege und staatliche Verbote im Weg oder es fehlte an den finanziellen Mitteln. Bereits vier Jahre nach der Gründung der Narrizella fiel nach dem Tod ihres Präsidenten die Fasnet für die Narrenzunft aus. Insgesamt waren die Fasnetfeiern instabil, resümiert Fuchs. Die letzte große Beeinträchtigung gab es während des Golfkrieges 1991.In Radolfzell war damals ein großes Narrentreffen der Schwäbisch-Alemannischen Fasnet zum 150-jährigen Bestehen der Narrizella geplant. Aus moralisch-ethischen Gründen und vom öffentlichen Druck gedrängt, wurde die Fasnet abgesagt. Heimlich trafen sich die Narren jedoch in Kellern und privaten Wohnungen.

Die unmittelbare Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg war in Radolfzell durch Ausgangssperren bestimmt. 1947 wurde nach einem Narrenstreich mit Kanonenböllern von der französischen Besatzungsmacht abrupt ein Fasnacht-Verbot verhängt. In den Nachkriegsjahren erkletterten Narren auf dem Marktplatz einen hohen und mit Stroh bedeckten Wagen und veranstalteten ihr erstes Preiskleppern. Als erster Preis wurde ein Laib Brot ausgelobt. Die Narrizella richtete 1950 das erste große Narrentreffen der Vereinigung Schwäbisch-Alemannischer Narrenzünfte aus. Der Besucher und Maler Otto Dix war begeistert vom ausgelassenen Treffen und wurde zu mehreren Bildern inspiriert.

Neue Bräuche im Gewand alter Traditionen

Als Präsident der Narrizella veränderte Werner Messmer in den 1960ern das Aussehen der Narrenräte. Die Kopfbedeckung hatte karnevalistische Anleihen, bei denen die Narren oft als Kölner verwechselt wurden. Mit einer Schneiderin entwickelte er das aktuelle Zunfthäs. Messmer organisierte das 125-jährige Jubiläum des Narrenvereins. Der Fanfarenzug entstand 1976 unter seinem Gründer Lothar Rapp. Unter dem Titel „Juncker von Friedingen“ präsentierte Heinrich Braun die erste Version eines Konzertmarsches, dessen letzter Teil sich mit eigenständigem Text zum populären Narrizella-Marsch entwickelte. 1995 schlossen sich alte Narrizella-Mitglieder und Honoratioren der Stadt als Hohenfriedinger Juncker zusammen, die den Verein auch finanziell unterstützen. 2002 beschlossen die Mitglieder, in ein eigenes Zunfthaus zu investieren, das 2009 fertiggestellt wurde. Michael Fuchs wurde beauftragt, auf Kaufhausstraßen-Höhe ein Narren-Museum zu errichten. Er entwickelte auch die Figur der Narrebolizei, in der Elemente eines Scheinreiters mit Teilen einer Feuerwehruniform und einem Spitzhut verbunden wurden.

 

Ausstellung mit Rahmenprogramm

Sonderausstellung „Das Unikum“: Im Stadtmuseum Radolfzell gibt es bis zum 31. Januar samstags um 11 Uhr eine Führung zur Schau „Das Unikum“. Diese zeigt bis 10. Februar beliebte und alefänzige Radolfzeller aus der 175-jährigen Tradition der Narrizella Ratoldi. Parallel zeigt die Stadtbibliothek im Österreichischen Schlösschen historische Fotografien zur Radolfzeller Fasnet.

Das Rahmenprogramm zur Sonderausstellung: „Radolfzeller Fasnet zur Zeit der Badischen Revolution“ heißt eine Lesung mit Diavortrag von Michael Fuchs (Donnerstag, 21. Januar, 19 Uhr). Bruno Epple liest alemannische Fasnet-Gedichte: „'s kleppert und schäppert“ (Freitag, 22. Januar, 19 Uhr). Fuchs stellt Radolfzeller Narren vor (Mittwoch, 27. Januar, 15 Uhr, Dienstag, 2. Februar, 19 Uhr). „Fantastisch einfach – Masken bauen“ heißt ein Kinderprogramm (Donnerstag, 28. Januar, 14.30 Uhr, ab sechs Jahre). In einer Lesung befasst sich Michael Fuchs mit dem Thema Radolfzeller Fasnet im Nationalsozialismus (Freitag, 29. Januar, 19 Uhr).