So mancher junge Radolfzeller kennt das Gebäude gar nicht anders, als so wie es in den vergangenen Jahren daherkam: Der Aquaturm ist zu Radolfzells Dauerbaustelle geworden. Seit rund fünfeinhalb Jahren steht der Kran neben dem Milchwerk-Gelände. Und gut acht Jahre ist es her, dass man die ersten Arbeiten am ehemaligen Wasserturm des Milchwerks in Angriff nahm. Dass es so lange dauert, war nie die Absicht des Bauherrn und Investors Räffle & Sons. Deshalb ist Senior Jürgen Räffle umso glücklicher, dass das Ende der Bauzeit jetzt in Sicht ist. "Ende März wollen wir das Hotel eröffnen", sagt er mit fester Stimme, so als wolle er seinen Worten zusätzlich Nachdruck verleihen.

Verkündungen über die Inbetriebnahme hat es in den zurückliegenden Jahren mehrfach gegeben. Sie alle konnten nicht eingehalten werden. Immer wieder kam etwas dazwischen. Für die längste Verzögerung sorgte die Finanzkrise, die auch an den Grundfesten des Turmes rüttelte. Jürgen Räffle musste das Konzept von Büroräumen im "ersten Nullenernergie-Hochhaus" überdenken. Später reifte dann die Idee eines Hotels in dem ungewöhnlichen Gebäude. Mit 48 Metern Höhe ist es nach dem Münster das zweithöchste Gebäude Radolfzells. Als kein Betreiber dafür zu finden war, machte der Selfmade-Man Jürgen Räffle den nächsten ungewöhnlichen Schritt. Er beschloss, das Hotel zusammen mit seiner Lebensgefährtin zu betreiben und künftig die praktische Arbeit seines Bauunternehmens an den Nagel zu hängen. Kurz vor diesem Moment steht er derzeit.

Der 60-Jährige hofft damit den Grundstein für ein neues Leben zu legen: "Jetzt beginnt noch einmal etwas Neues. Ich habe keine Angst davor. Im Gegenteil – ein Hotel kann man auch noch mit 80 führen", sagt er. Der Bau des Aquaturms hat ihn an die Grenzen seiner körperlichen Belastungsgrenze gebracht. In den zurückliegenden Jahren hat er zusammen mit seinem Sohn Norman und zwei Mitarbeitern des eigenen Bauunternehmens den Turm in Eigenarbeit hergerichtet. Vor allem in der aktuellen Phase verspürt er zunehmend den Wunsch nach dem Abschluss der Arbeiten: "In den letzten Wochen habe ich öfter mal einen Hänger", gesteht er unumwunden. Dabei ist das Ende nach acht Jahren Bauzeit wirklich absehbar.

Derzeit geht es sehr betriebsam zu. An allen Ecken und Enden sind Handwerker verschiedener Gewerke damit beschäftigt, die letzten Arbeiten vorzunehmen. Schreiner erledigen den Möbelbau, Elektriker ziehen letzte Kabel. Im Februar will man möglichst fertig sein, um sich dann auf den künftigen Hotelbetrieb einzustellen. Drei bis vier Personen sollen dann den Betrieb mit 20 Zimmern sowie dem Frühstücksraum im elften Stock bewerkstelligen. Je näher der Tag des Wechsels rückt, desto mehr freut sich Jürgen Räffle auf seine neue Aufgabe. "Die Arbeit wird nicht weniger, aber schöner", ist er sich sicher. Und ganz von den praktischen Arbeiten wird er wohl auch dann nicht lassen können. "Ich werde sicherlich hier und da mal aushelfen, wenn meine Söhne Hilfe benötigen", sagt er. Die werden das Bauunternehmen nämlich in Zukunft weiterführen.

Mit dem ambitionierten Projekt Aquaturm haben es sich die Räffles nicht leicht gemacht. Schon allein der Zuschnitt hat sämtliche Standardlösungen, die es gibt, ungeeignet gemacht. Praktisch keine Wand hat einen 90 Grad-Winkel in der Ecke, und auch sonst musste vieles in Handarbeit gefertigt werden. Die Fenster hat Norman Räffle in Zusammenarbeit mit einem Fensterhersteller entwickelt, damit sie den eigenen Ansprüchen der Wärmedämmung entsprechen. Bald können die Dinge in der Praxis ausprobiert werden. Ab März geht das Hotel in Betrieb. Die ersten Buchungen gibt es schon.

Projekt wie kein anderes

Der Bau des Aquaturms wurde als Pilotprojekt vom Bund unterstützt. Schon sehr früh sicherte sich der Investor Räffle & Sons die Gelder für das "erste Nullenergie-Hochhaus" der Welt. So viel moderne Technik wie im Aquaturm ist vermutlich in keinem anderen Gebäude von Radolfzell verbaut. Die Energieversorgung des Turmes geschieht über Erdthermie, Photovoltaik und ein Windrad auf dem Dach. Allein die Solarpaneele an den Seiten des Turms liefern 70 Kilowattstunden Strom. Insgesamt produziert das Gebäude mehr Energie, als es im Betrieb selber verbraucht. (ja)