Alma, ein zartes Baby von zehn Monaten, kann bereits laufen. Lukas, elf Monate alt, krabbelt ihr hinterher. Er sagt schon „Mama“. Mattis, elf Monate alt, ist der Riese unter ihnen und ein Dauergrinser. Drei Babys, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten. Ihre Gemeinsamkeit: Mattis, Lukas und Alma sind die ersten drei Radolfzeller Babys seit der Schließung der Geburtenstation im März 2017. Denn sie wurden von ihren Müttern zuhause geboren: mit der Hilfe ihrer Hebamme, auf dem Sofa, im Kinderzimmer, einfach daheim.

Vor genau einem Jahr mussten die drei Radolfzeller Belegärzte und ihr Team den Kreißsaal aufgeben, der Kostendruck durch gestiegene Haftpflichtprämien war zu groß geworden. Politisch gab es viele Bemühungen, aber keine rechtzeitige Lösung. Seitdem nehmen viele Schwangere unter Wehen teils weite Wege auf sich, um in der Klinik ihrer Wahl zu gebären. Die Schließung in Radolfzell hinterlässt eine Lücke in der wohnortnahen Versorgung. Auch war es Gebärenden dort möglich, eine vertraute Beleghebamme zur Geburt mitzubringen. Dieses Modell konnte noch nicht abschließend auf andere Standorte übertragen werden. Bei den Müttern von Mattis, Lukas und Alma blieb die Kliniktasche ungepackt. Wie sie entscheiden sich inzwischen doppelt so viele Schwangere in der Region für eine Hausgeburt als in den Jahren zuvor. „Es sind zusammen etwa vier bis sechs pro Monat“, bestätigen die Hebammen Frederike Bohl aus Allensbach und Heidrun Ullmann aus Radolfzell. Im Landkreis sind sie derzeit die einzigen, die Hausgeburten anbieten. Beide arbeiten eng zusammen, unterstützen sich gegenseitig.

Wie bei der Hausgeburt von Mattis Salzmann. Im heißen Backofen liegen Handtücher bereit. Die Nachbarn im Haus schlafen, auch der zweieinhalbjährige Bruder, als Mattis am 13. April 2017 um 1.19 Uhr geboren wird – zwei Wochen zu früh. „Geplant war das so nicht, aber jetzt sind wir für dieses Geschenk sehr dankbar“, sagt Claudia Salzmann-Eltermann (39), Mutter des ersten "Zeller Jungen" seit der hiesigen Schließung des Kreißsaales und Verfasserin dieses Artikels. Ihr erster Sohn kam 2014 im Radolfzeller Krankenhaus zur Welt, mit Hilfe der Beleghebamme Frederike Bohl, die sie begleitete. Das Aus der Station kurz vor dem Entbindungstermin traf sie hart: „Ich wäre dann nach Überlingen gefahren.“ Doch es kommt anders. Am Abend des 12. April überraschen die schnell stärker werdenden Wehen die Hochschwangere. Der Ehemann hat Spätdienst, er und die Hebammen schaffen es rechtzeitig nach Hause. Um 22.30 Uhr kommen die Wehen bereits alle zwei Minuten. „Auf einmal spürte ich ein tiefes Vertrauen in mir, dass ich doch genau hier mein Kind bekommen werde“, sagt sie. Sie legen eine Decke auf das Sofa, die Entscheidung ist gefallen. „Unfassbar schön“ sei es gewesen.

Etwa ein Prozent der Deutschen kommen per Hausgeburt auf die Welt, Tendenz wieder steigend. Die vertraute Umgebung daheim schenkt ein Gefühl der Geborgenheit. „Die Geburt eines Kindes ist ein natürlicher Vorgang. Bei normalem Verlauf sind keine medizinischen Eingriffe oder Medikamente erforderlich“, klärt Hebamme Heidrun Ullman auf. Für sie und ihre Kollegin ist es ein Beruf aus Leidenschaft, aus Überzeugung: „Wir ermutigen Frauen, diese Kraft zu gebären in sich selbst zu entdecken.“

Am Abend des 13. Aprils 2017 steht Julia Giese (30) im Supermarkt zwischen den Regalen, als unerwartet ihre Fruchtblase platzt. Zuhause bringen sie und ihr Mann die Tochter zur Oma zum Übernachten. Nun heißt es warten, bis Wehen kommen. Sonst müsste die Geburt nach einiger Zeit in der Klinik eingeleitet werden. „Gegen 21.30 Uhr bekam ich plötzlich sehr schnell starke Wehen, das Baby schoss ins Becken ein“, erinnert sich Julia Giese. Ihr Mann ruft Frederike Bohl an. Um 22.27 Uhr wird Lukas geboren, nur zehn Minuten nachdem die Hebamme eingetroffen ist. „Dann hielten wir 3620 Gramm Glück im Arm. Beim ersten Kind hätte ich mich das nicht getraut. Es war ungeplant, aber heute würde ich es immer wieder so machen“, beschreibt die zweifache Mutter stolz.

Gebären heißt loslassen und vertrauen. In zunehmend überfüllten Kreißsälen mit knapper Personaldecke fällt dies oft schwer. Extreme Schmerzen und das Gefühl ausgeliefert zu sein, können gebärende Frauen traumatisieren. „Eine individuelle Begleitung stärkt die Frau und das Paar im Geburtsprozess“, erklären Bohl und Ullmann. Das nehme die Angst, helfe Schmerzen zu überwinden. Entscheidend für eine Hausgeburt sei, dass im Vorfeld keine Komplikationen bekannt sind. Treten sie während der Geburt auf, wird die Gebärende in das nächste Krankenhaus nach Singen oder Konstanz verlegt.

Für Sandra Lay (35) und ihren Mann war die Entscheidung eindeutig: Sie bekommen ihr viertes Kind zuhause. Nach zwei Klinikgeburten und einer im früheren Radolfzeller Geburtshaus Roseninsel, das 2014 schloss, war eine Hausgeburt für sie der logische nächste Schritt. „Ich wollte meine Hebamme an meiner Seite haben“, beschreibt die 35-Jährige. Dann beginnt nach einem Blasensprung auch für sie ein Wettlauf gegen die Zeit – fast eine Woche lang bekommt sie keine Wehen. Als Viertgebärende etwas Ungewöhnliches. Aus der Klinik wird sie auf eigenen Wunsch wieder entlassen, unter strenger, täglicher Kontrolle. „Aber alle Werte waren gut. Ich habe dafür gekämpft, dieses Kind in Ruhe kommen zu lassen“, erzählt sie. Als am Mittag des 13. Mai 2017 dann die Wehen beginnen, geht sie in der Wohnung auf und ab, läuft durch alle Zimmer. Das hilft ihr gegen die Schmerzen. Die Kinder sind bei Freunden. Um 18.43 Uhr wird Alma geboren, im Zimmer ihrer Schwestern.

Hebammen ermutigen Frauen, Geburten als etwas Natürliches zu sehen. Heidrun Ullmann weiß nach vielen Geburten, die sie begleitet hat: „Dieses Gefühl – Ich habe mein Kind aus eigener Kraft geboren – kann einem niemand mehr nehmen.“

So sicher ist die Hausgeburtshilfe

Jedes Jahr kommen in Deutschland mehr als 10 000 Kinder im vertrauten Umfeld zuhause oder in einem Geburtshaus zur Welt. Diese Frauen nutzen den fachkundigen Beistand der Hebamme, um ihr Kind im eigenen Rhythmus ungestört zu gebären. Laut der Gesellschaft für Qualität in der außerklinischen Geburtshilfe sei die Mehrheit aller Frauen dazu ohne Eingriffe in der Lage.

  • Das Vorgespräch: Die Voraussetzungen für eine Hausgeburt sind Gesundheit und ein normaler Schwangerschaftsverlauf. In einem Beratungsgespräch werden Möglichkeiten und Grenzen der Hausgeburtshilfe aufgezeigt. Gebärende und Hebamme kennen sich meist seit der frühen Schwangerschaft.
  • Vorbereitungen: Um die 36. Schwangerschaftswoche werden Papiere ausgefüllt, eine ausführliche Anamnese erhoben und die Schwangere bekommt eine Box mit Materialien, die vor Ort gebraucht werden. Entgegen der landläufigen Meinung muss bei einer Hausgeburt kaum Blut oder anderes aufgeputzt werden, aber ein Sack Müll entsteht schon. Eine Malerfolie hilft jedoch, Sofa oder Bett wasserdicht zu überziehen für den Blasensprung.
  • Abwartende Geburtshilfe: Bei normalem Verlauf sind keine medizinischen Eingriffe oder Medikamente erforderlich. Die Untersuchungen nach der Geburt werden, wie in der Klinik, von der Hebamme gemacht. Die Eins-zu-eins-Betreuung bietet eine hohe Sicherheit und die Frau kann während des Prozesses sehr selbstbestimmt agieren.
  • Das vertraute Umfeld hilft: Interessant ist, dass die hormonelle Steuerung für die Geburt die gleichen Hormone nutzt, die auch beim Geschlechtsverkehr gebraucht werden. Daher laufen Geburten im privaten Umfeld mit vertrauter Hebamme und weniger Störfaktoren weit unkomplizierter und schneller ab. In Studien erhält die außerklinische Geburtshilfe gute Noten, Informationen unter: www.quag.de. Auch werden durchschnittlich nur 16 von 100 Geburten unter Begleitung und in Ruhe in eine Klinik verlegt – am ehesten Erstgebärende. Die fachkundigen Hebammen veranlassen dies frühzeitig, zu 44,7 Prozent aufgrund eines Stillstandes in der Eröffnungsphase.
  • Hebammenmangel: Inzwischen herrscht ein massiver Mangel an Hebammen, unter anderem aufgrund der stark gestiegenen Haftpflichtprämien für deren Freiberuflichkeit. Insbesondere wer eine Hausgeburt plant, sollte sich frühzeitig darum kümmern. Frederike Bohl und Heidrun Ullmann sind im Landkreis derzeit die einzigen Hebammen, die regelmäßig Hausgeburten anbieten. Geburtshäuser gibt es in Villingen-Schwenningen und Überlingen. (cse)

Informationen und Kontakt: http://www.hebamme-allensbach.de und http://www.hebamme-ullmann.de