Der Monolog ist ein Plädoyer der Anklage und der Verteidigung zugleich. Denn die Mutter, die das Leben ihres Sohnes erinnert, der zum Attentäter mit einem Gas-Anschlag in der U-Bahn wird, klagt sich selbst an: „Als süßes Baby hätte ich ihn auffressen können. Ich hätte es tun sollen.“ Bei dem Attentat ihres Sohnes kamen 180 Menschen ums Leben und er wurde selbst erschossen. „Würde ich ihn wieder auf die Welt bringen mit dem, was ich heute weiß?“, fragt sich die Mutter. Aber sie verteidigt sich und ihren Sohn auch in ihren schmerzlichen Rückblicken auf sein kurzes Leben.

Regisseurin Marie Luise Hinterberger tat gut daran, die Mutter-Rolle doppelt zu besetzen: Zu lang sind die Monologe, zu intensiv vielleicht das Erleben der Rolle. Auf karger Bühne, mit zwei Sitzblöcken, Stehtisch, einem Garderobenständer und einer Einkaufstasche, aus der die Mutter (Anny de Silva) Gegenstände nimmt. Es sind ein Bild, ein Kuscheltier, ein Pullover, die sie an ihren Sohn erinnern. Auf eine obere Spielebene kann sich die zweite Protagonistin (Kirsten Schaefer) zurückziehen; sie untermalt das traurige spanische Wiegenlied, das auch vom Tod singt, der über den Bergen lauert, mit dem lebensspendenden Plätschern von Wasser.

Das Lieblings-Kuscheltier des Terroristen-Sohnes: Als Kind war er verschmust, als Jugendlicher wurde er oft rot.
Das Lieblings-Kuscheltier des Terroristen-Sohnes: Als Kind war er verschmust, als Jugendlicher wurde er oft rot. | Bild: Veronika Pantel

Bekannte Muster aus der Vita eines Attentäters

Der Sohn sei ihr abhanden gekommen in dem Jahr, in dem sie keinen Kontakt mehr zu ihm hatte. Auch früher schon habe er stundenlang in seinem Zimmer gesessen und auf den Computer gestarrt, wie mit einem eisernen Vorhang sei die Wohnung geteilt gewesen – bekannte Muster, die man aus der Vita von Attentätern kennt. Tatsächlich richtet sich die Mutter direkt ans Publikum: „Was denken Sie gerade?" Man möchte ihr antworten, dass Babyzeit und Kindheit des Terroristen-Sohnes einer ganz normalen Kindheit gleichen. Die verzweifelte Mutter fragt sich, welche Faktoren ihn beeinflusst haben und warum er radikalisiert werden konnte, aber: „Ich bekenne mich zu meinen Versäumnissen, die ich nicht kenne.“

Erschreckend aktuell mit Blick auf Sarah O.

Erschreckend aktuell ist das Theaterstück, denn vor wenigen Tagen wurde die Konstanzer IS-Kämpferin Sarah O., die mit 15 Jahren nach Syrien ging, bei ihrer Rückkehr nach Deutschland in Düsseldorf festgenommen. Auch sie hat ihr Leben einer mörderischen Ideologie gewidmet, hat wohl auch mit der Waffe für das Terrorsystem gekämpft. Auch sie hat eine Mutter, die sich die gleichen Fragen stellen wird: Woher kommt dieser Hass? Woher die Lebensgier, die mit Todessehnsucht gepaart ist? Bin ich mitschuldig? Warum er/warum sie und so viele andere nicht? Will er/will sie mich provozieren? Würde die Mutter eines Opfers mich verstehen, mir verzeihen?

Gespräche danach zeigen: Es ist gelungen

Die beiden Schauspielerinnen gehen in ihrer Rolle auf, lassen sie aber andererseits nicht zu nah an sich heran. Sie wirken gefasst, sprechen auch distanziert wie von einer fernen Warte aus und nehmen die Zuschauer dennoch gefangen. Etwa 30 Personen fanden im Raum Platz, intensiv sind die Gespräche im Publikum nachher: Muss ich mir als Mutter oder Vater Sorgen machen, wenn mein 16-jähriger Sohn sich von mir abwendet oder ist das ein normaler Ablösungsprozess der Jugend von den Eltern? Kann ich als Großmutter meine Enkel erreichen, wenn sie mit ihren Eltern nicht reden wollen? Aktuelles Theater am Puls der Zeit sollte so ins Leben greifen und zum Nachdenken anregen. Das ist diesem Theaterprojekt gelungen.