Nach rund acht Jahren Bauzeit wurde offiziell das Hotel im Aquaturm eröffnet. Damit geht eines der ungewöhnlichsten Bauwerke in der gesamten Region in Betrieb. Das Hotel, das aus dem ehemaligen Wasserturm des Milchwerks entstanden ist, darf sich als das weltweit erste Null-Energie-Hochhaus bezeichnen. Das Projekt wurde sogar vom Bund mit Fördermitteln unterstützt. Für die Familie Räffle aus dem Radolfzeller Ortsteil Böhringen, die als Investor und Bauherr den Aquaturm praktisch in Eigenregie und Eigenleistung errichtet hat, geht damit eine höchst arbeitsintensive Zeit zu Ende.

Seit 2008 haben Jürgen Räffle und sein Sohn Norman zusammen mit zwei Mitarbeitern das ungewöhnliche Gebäude mit den eigenen Händen errichtet. Entsprechend emotional ging es am Samstag bei der offiziellen Eröffnungsfeier zu, zu der Freunde, Unterstützer, beteiligte Firmen und offizielle Vertreter der Stadt und der Politik geladen waren. Jürgen Räffle gab in einer sehr persönlichen Ansprache in Ansätzen wieder, wie kompliziert und aufreibend der Bau des Aquaturms tatsächlich war. Umso wichtiger war es für ihn und seine beiden Söhne Norman und Thorsten, sich entsprechend bei allen Unterstützern des Projekts zu bedanken. Allen voran durfte Oberbürgermeister Martin Staab als Vertreter der Stadt Radolfzell das Lob des Bauherrn entgegen nehmen: „Danke, dass Sie mir die Zeit gegeben haben. Ich konnte die kritischen Töne im Gemeinderat und anderswo immer nachvollziehen“, sagte Jürgen Räffle.

Bauherren brauchen langen Atem

Die Idee zu dem Umbau des Milchwerk-Wasserturms kam vor rund 18 Jahren von seinem Sohn Norman, der damals noch zur Schule ging. Der Vater ließ sich vom Enthusiasmus des jungen Mannes anstecken und kaufte den Turm im Jahr 2001. Während des Architektur-Studiums von Norman Räffle reiften die Pläne weiter, sodass man sich schließlich zum Umbau entschloss. Dieser geriet während der Finanzkrise im Jahr 2008 noch einmal ins Stocken, weil Mieter ihre Zusage zurückzogen. Doch die Räffles gaben nicht auf und bauten nach einer rund zweijährigen Pause weiter. Herausgekommen ist jetzt ein Objekt, das seinesgleichen sucht. Der Aquaturm, der ab sofort ein Hotel mit 20 Zimmern beherbergt, versorgt sich nicht nur selbst mit der nötigen Energie, sondern produziert sogar einen Überschuss. Ursache ist ein bis ins kleinste Detail durchdachtes Konzept, für das die Räffles ungewöhnliche Wege gingen. Unter anderem entwickelte Norman Räffle mit einem großen deutschen Fensterhersteller Spezialfenster, die das Problem der Erhitzung durch Sonneneinstrahlung in den Griff bekommen. Nicht ganz zu Unrecht verkündete Jürgen Räffle bei der Eröffnungsfeier denn auch: „Wir haben hier kein Bauwerk erschaffen, sondern ein Kunstwerk!“

Dem konnten die Vertreter der Politik in ihren Grußworten nur zustimmen. So bezeichnete der CDU-Bundestagsabgeordnete Andreas Jung den Aquaturm als einen „Leuchtturm in Radolfzell für den Klimaschutz mit großer Strahlkraft in die Region“. Und auch Oberbürgermeister Martin Staab befand, dass das Hotel in unmittelbarer Nähe zum Milchwerk „der Stadt und dem Tourismus gut tut“, wie er sagte. „Wir sind in Radolfzell stolz auf den Turm und die Familie Räffle“, schloss er und gab den künftigen Betreibern des Hotels damit wohl das größte Lob, das sie in diesem Moment erwarten konnten.

Ein Traum wird wahr: Nach acht Jahren Bauzeit prosten sich Jürgen Räffle und seine beiden Söhne Torsten und Norman zu. Der ursprünglich als Bürogebäude geplante Aquaturm geht nun als Hotel in Betrieb. Bild: Gerald Jarausch
Ein Traum wird wahr: Nach acht Jahren Bauzeit prosten sich Jürgen Räffle und seine beiden Söhne Torsten und Norman zu. Der ursprünglich als Bürogebäude geplante Aquaturm geht nun als Hotel in Betrieb. Bild: Gerald Jarausch

Technische Pionierarbeit

Der ehemalige Wasserturm des Milchwerks Radolfzell wurde seit 2008 von der Firma Räffle & Sons zum größten Teil in Eigenarbeit umgebaut. Die Höhe des 14-stöckigen Gebäudes beträgt 50,50 Meter, die Pfahlgründung dafür reicht bis in 15 Meter Tiefe. Die Pfahlgründung summiert sich auf 860 Meter. Der Turm wiegt etwa 2500 Tonnen. Der Aquaturm wurde als weltweit erstes Nullenergie-Hochhaus von der Bundesrepublik Deutschland gefördert. Die benötigte Energie wird über Solarthermie, Photovoltaik, eine Windturbine und Erdthermie gewonnen. Ursprünglich sollte ein Bürogebäude entstehen. Im Zuge der Finanzkrise entschloss man sich zu einer anderen Nutzung. In dem Hotel stehen künftig 20 Zimmer mit insgesamt 36 Betten zur Verfügung. Jedes der Zimmer ist anders eingerichtet und gestaltet. Zunächst werden sechs Personen in dem Garni-Hotel beschäftigt sein. Geschäftsführerin ist Ursula Sohst, die Lebenspartnerin des Bauherrn und Investors Jürgen Räffle. (ja)