Seit einem Jahr ist Margot Käßmann, Theologin und ehemalige Vorsitzende des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland, Botschafterin für das Kinderhilfswerk Terre des Hommes. Im Milchwerk traf sie Lutz Beisel, Begründer von Terre des Hommes Deutschland. Der Gesprächsabend „Voller Einsatz für Kinder“ wurde von SÜDKURIER-Redakteur Roland Wallisch moderiert.

Etwa 100 Anwesende erfuhren, wie die Hilfsorganisation entstand, was sie in den vergangenen 50 Jahren geleistet hat und wie Margot Käßmann ihre Rolle als Botschafterin versteht.

Aus Helferkreisen entstanden Terre des Hommes-Ortsgruppen

Beisel nannte Berichte der Ausschwitz-Prozesse als einen der Auslöser für sein soziales Engagement. Die Grausamkeiten des NS-Regimes, die in den Berichten zu Tage traten, hätten ihn schwer bedrückt. Auslöser für den Grundstein zu Terre des Hommes sei schließlich ein Zeitungsbericht gewesen, durch den er erfuhr, dass eine Gruppe von Bürgern aus der französischen Schweiz sich für kriegsverletzte Kinder aus Vietnam einsetzte.

Nach dem Gesprächsabend „Voller Einsatz für Kinder“ im Milchwerk tauschen sich Terre des Hommes-Begründer Lutz Beisel und Margot Käßmann, Botschafterin für die Kinderhilfsorganisation, weiter aus.
Nach dem Gesprächsabend „Voller Einsatz für Kinder“ im Milchwerk tauschen sich Terre des Hommes-Begründer Lutz Beisel und Margot Käßmann, Botschafterin für die Kinderhilfsorganisation, weiter aus. | Bild: Natalie Reiser

Beisel organisierte den Kontakt zu Ärzten und Krankenhäusern, die bereit waren, eingeflogene Kinder aus Saigon zu behandeln. Über ganz Deutschland verstreut entstanden Helferkreise, Keimzellen der heutigen Terre des Hommes-Ortsgruppen. Zur evangelischen Kirche habe er ein besonderes Verhältnis entwickelt, als diese in der Betreuung von Biafra-Kindern Unterstützung zeigte, so Beisel.

Käßmann verurteilt Kindesmissbrauchsfälle in Kirchen

Auch sie habe gehofft, dass die Kirche, die weder politisch noch national gebunden sei, eine Friedensbewegung anstoßen könne, sagte Käßmann. Im Ruhestand habe sie nun alle kirchlichen Ämter abgegeben. Als Christin wolle sie sich allerdings weiterhin für Menschen einsetzen, die nicht so privilegiert leben können wie dies ihr und ihrer Familie gegönnt ist.

Zudem schäme sie sich für das Unrecht, das die evangelische und katholische Kirche Kindern angetan hat. Für dieses Bekenntnis erhielt die Theologin nicht nur den Applaus der Anwesenden, sondern auch offenen Zuspruch.

Viele der Anwesenden am Gesprächsabend „Voller Einsatz für Kinder“ mit Margot Käßmann und Lutz Beisel sind seit vielen Jahren ehrenamtlich für verschiedene Hilfsorganisationen tätig.
Viele der Anwesenden am Gesprächsabend „Voller Einsatz für Kinder“ mit Margot Käßmann und Lutz Beisel sind seit vielen Jahren ehrenamtlich für verschiedene Hilfsorganisationen tätig. | Bild: Natalie Reiser

Die Organisation Terre des Hommes überzeuge sie, weil sie sich nicht nur im Ausland, sondern auch in Deutschland für Kinder einsetzt, die in Armut aufwachsen, so Käßmann. In Deutschland sei jedes sechste Kind von Armut betroffen, in Berlin sogar jedes dritte.

Ob sie ihr Engagement angesichts der zunehmenden Probleme weltweit eher als einen Tropfen auf den heißen Stein empfinde oder hoffe, dass der stete Tropfen den Stein höhlt, wollte Wallisch wissen. Welche Früchte ihre Arbeit schließlich tragen werde, wisse sie nicht, entgegnete Käßmann.

Gesellschaftliche Entwicklungen wie den steigenden Fremdenhass oder das Erstarken der AfD habe sie nicht für möglich gehalten. Dennoch sei es keine Alternative, aus Frustration die Hände in den Schoß zu legen.

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Als Botschafterin für Terre des Hommes reiste Käßmann nach Indien. Besonders schockiert hätten sie die Bedingungen, unter denen Mädchen arbeiten, die im „Sumangali-System“ angestellt sind. Das tamilische Wort „Sumangali“ bedeutet „Braut, die Wohlstand bringt“.

Käßmann berichtet, dass Mädchen, die älter als 14 Jahre sind, in Dörfern von Mittelsmännern rekrutiert werden, angeblich, um in einer Spinnerei eine Lehre zu absolvieren. Tatsächlich arbeiteten sie zwölf Stunden pro Tag. Sie bekämen etwa zehn Euro pro Monat. Am Ende des Vertrags erhielten sie eine Prämie von 500 bis 800 Euro, die die Eltern meist für die Zwangsheirat des Mädchens einsetzten.

Menschenverachtende Arbeitsbedingungen

Die Mädchen dürften das Gelände bis auf einen Besuch ihrer Familie im Jahr nicht verlassen. Wegen des ohrenbetäubenden Lärms im Schlafsaal neben der Fabrik hätten viele von ihnen Hörschäden. Verletzungen, vor allem an den Händen, seien an der Tagesordnung, erklärte die Theologin.

Moderne Form der Sklaverei

Käßmann appellierte: „Wir können das Kastensystem nicht ändern, aber wir können unser Kaufverhalten ändern.“ Billigware zu kaufen, um sie eine Saison oder gar nur einmal zu tragen, trage wesentlich zur Problematik bei. Terre des Hommes sei es gelungen, etwa 40.000 Mädchen aus dieser modernen Art der Sklaverei zu befreien, ihnen eine Ausbildung und so ein selbstbestimmtes Leben zu ermöglichen. Auch durch eine gesetzliche Regelung in Bezug auf Handelsketten könnte diese Art der Ausbeutung eingedämmt werden, hofft Käßmann. Hierfür will sie sich stark machen.