In 100 Jahren lässt sich einiges erleben. Zwei Weltkriege, der Kalte Krieg, die Weltwirtschaftskrise, der Zusammenbruch des Ostblocks und die Wiedervereinigung beispielsweise. Rosa Sofie Maria Specker gehört zu den wenigen Radolfzellern, die ein dreistelliges Alter erreicht haben. Am Donnerstag feierte die Jubilarin im Kreise ihrer Familie ihren 100. Geburtstag. Seit rund neun Jahren lebt die rüstige Frau in der Seniorenwohnanlage "Am Stadtgarten" in Radolfzell, da sie altersbedingt kaum noch hören kann.

Sie ist noch fit – nicht nur geistig

Lustig und laut ging es zu, als Rosa Specker mit Pflegerin Tanja Mairock, Nichte Marika Specker und deren Partner Frank Thürigen auf ihren Geburtstag anstieß. "Behalte deinen Humor, sei froh und heiter, und mach noch 100 Jahre weiter", ist nur einer der vielen Reime, die Rosa Specker im Laufe des Nachmittags wiedergab. Sie ist noch fit – und das nicht nur geistig. "Sie zieht sich die Socken sogar im Stehen an", erzählte Pflegerin Tanja Mairock begeistert. Zudem mache sie noch heute einige Turnübungen, die sie aus ihrer Zeit beim Turnverein mitgenommen habe. "Wenn man reinkommt, ist ihr Bett immer gemacht und alles ist ordentlich", fuhr die Pflegerin fort. Außerdem wolle sich Rosa Specker immer bewegen. "Mit dem Rollator rennt sie manchmal umher", erzählte ihre Nichte. Selbst Kniebeugen mache die Rentnerin des Öfteren.

Auf die Frage, was Rosa Specker am liebsten tut, antwortete die Jubilarin prompt: "Plären" und brachte damit alle zum Lachen. Ihren Humor habe sie auch nach 100 Jahren nicht verloren. Oberbürgermeister Martin Staab, der ebenfalls eingeladen war und neben einem Blumenstrauß auch Glückwunsche des Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann mitbrachte, gab zu: Wenn er gewusst hätte, wie vital die Frau ist, hätte er anstatt gesunder Säfte ein Kirschwasser als Präsent mitgebracht. "Zum 101. Geburtstag", versprach er daraufhin. Die Jubilarin ist begeistert: "Da mach ich mit."

Obwohl es ihr Geburtstag ist, verteilt Rosa Specker noch ein kleines Geschenk an Oberbürgermeister Martin Staab: Zwei Tafeln Schokolade. Bild: Lisa Liebsch
Obwohl es ihr Geburtstag ist, verteilt Rosa Specker noch ein kleines Geschenk an Oberbürgermeister Martin Staab: Zwei Tafeln Schokolade. | Bild: Lisa Liebsch

Von der Kindsmagd zur Laborantin und Klepperlekönigin

Rosa Specker blickte gemeinsam mit ihrer Familie auf die vergangenen 100 Jahre zurück. Sie wurde am 13. September 1918 in Konstanz geboren. Ihre Eltern seien noch vor ihrem sechsten Lebensjahr nach Böhringen gezogen. "Sie hatten dort eine Schneiderei", berichtet Nichte Marika Specker. Bereits zum Wechsel in die zweite Klasse sei die Familie in die Radolfzeller Innenstadt gezogen. "Eigentlich kann man sagen, dass sie eine echte Radolfzellerin ist", sagte die Nichte lächelnd. Besonders stolz sei die Rentnerin noch heute auf eine Auszeichnung, die sie hier erhalten hat. Der Narrenverein Narrizella Ratoldi habe sie im Jahr 1936 zur Klepperlekönigin gekürt. Noch heute beherrscht sie das Spielen der Holzbrettchen wie früher, dem Oberbürgermeister gab sie eine kleine Kostprobe.

Die Jubilarin zeigt, warum sie 1936 von Narenverein Narrizella Ratoldi zur Klepperlekönigin gekürt wurde. Bild: Lisa Liebsch
Die Jubilarin zeigt, warum sie 1936 von Narenverein Narrizella Ratoldi zur Klepperlekönigin gekürt wurde. | Bild: Lisa Liebsch

Während ihrer Jugend habe Rosa Specker das Kind des damaligen Amtsrichters betreut – als Kindsmagd, was heute unter dem Begriff Kindermädchen geläufig ist. Ab dem 14. Lebensjahr habe sie im Labor des Milchwerks gearbeitet und sei dort bis zum Renteneintritt geblieben. "Sie erzählt immer, dass sie die Erste war, die mit 60 Jahren aufgehört hat, dort zu arbeiten", berichtete Pflegerin Tanja Mairock. Zeitgleich sei sie auch ihren Hobbies nachgegangen. Unter anderem habe sie in einem Kirchenchor gesungen und sei aktives Mitglied in einem Turnverein gewesen. "In den Kirchenchor bin ich direkt nach der Schule eingetreten und war so lange da, bis ich nicht mehr hab können", erzählte die 100-Jährige selbst. Es seien immer mehr Turner hinzugekommen und da habe sie einen Schlussstrich gezogen. Geheiratet habe sie nie. "Sie war einmal verlobt und er war auch ihre große Liebe. Aber seine Mutter hatte ihm verboten, Rosa zu heiraten, da sie katholisch ist und er evangelisch. Zu der Zeit war das einfach nicht möglich", erzählte Nichte Marika Specker. Also blieb Rosa Specker unverheiratet und kinderlos.

Mit dem Zweiten Weltkrieg hat sich die Jubilarin laut Nichte Marika Specker im Laufe der Zeit wenig auseinandergesetzt. "Sie hat lediglich das Positive in Erinnerung behalten, da sie ja selbst nicht im Krieg war", sagte sie. Zwar habe die 100-Jährige viel von der Armut und dem Mangel an Waren berichtet. "Aber da ihr Vater als Schneider viel Kontakt mit den Franzosen hatte, fanden viele Tauschgeschäfte statt und die Familie hatte eine bessere Versorgung", fuhr die Nichte fort.

Specker verrät ihr Geheimnis für ein langes Leben

Rosa Speckers Rezept für ein langes Leben sei ihr Humor und ihr fester Glaube an Gott. Nach ihrem Wunsch für die Zukunft befragt, antwortete die Jubilarin mit einem breiten Lächeln: "Schlafen." Schließlich sei der Trubel zu ihrem Ehrentag etwas anstrengend. Doch sie zeigte für einen kurzen Moment auch eine ernste Seite. "Ich wünsche mir, ins Himmelreich einzugehen, und will am liebsten einfach einschlafen." Bis dahin habe sie aber noch etwas Zeit, die sie mit Faxen machen, Gedichten aufsagen und Sprüchen klopfen verbringen kann. "Ihr Humor hält sie fit", sagte Pflegerin Tanja Mairock.

Im kleinen Kreise wird Rosa Speckers Geburtstag gefeiert. Auch Oberbürgermeister Martin Staab bringt ein Präsent vorbei. Von links: Nichte Marika Specker, Pflegerin Tanja Mairock, Oberbürgermeister Martin Staab, Rosa Specker und Frank Thürigen (Partner der Nichte). Bild: Lisa Liebsch
Im kleinen Kreise wird Rosa Speckers Geburtstag gefeiert. Auch Oberbürgermeister Martin Staab bringt ein Präsent vorbei. Von links: Nichte Marika Specker, Pflegerin Tanja Mairock, Oberbürgermeister Martin Staab, Rosa Specker und Frank Thürigen (Partner der Nichte). | Bild: Lisa Liebsch