Schnelle und dissonante Harmonien, genial instrumentiert und mit einer Dramatik, die sich von anderen Kompositionen deutlich abhebt – bei den Proben des Musikvereins Markelfingen für das Weihnachtskonzert quellen die Emotionen über. Musikalisches Drama wechselt sich mit der royalen Erhabenheit der inoffiziellen Hymne des Britischen Königsreichs ab. Auch wenn die Musiker des MV Markelfingen mit Begeisterung proben, so schwingt beim Jahreskonzert ein Wagnis mit. Mit der ausgebrannten Markolfhalle verlor der Musikverein nicht nur sein Stammhaus, sondern auch der Ortsteil ein Zentrum der Begegnung. Mit dem Ausweichkonzert im Milchwerk steht nicht nur der Verein, sondern ein ganzer Ort vor neuen Herausforderungen.

Mit Kongas, Trommeln und Schlagzeug wecken Perkussionisten bei den Proben den Klang Afrikas und versprühen dessen Lebensfreude. Doch was wäre Weihnachten ohne das Wunder der Heiligen Nacht, das der Komponist Kurt Gäbele in seinem Werk "Winterrose" musikalisch einfing und das am ersten Weihnachtsfeiertag im Milchwerk erklingen soll? Doch dieses Weihnachten birgt Unsicherheit für den Musikverein Markelfingen: "Wir wissen nicht, wie das Weihnachtskonzert für unseren Verein ausfällt: Ob wir vor einem leerem Haus spielen und ob wir draufzahlen." Der Verein versucht das Risiko so niedrig wie möglich zu halten. Um möglichst vielen Markelfingern den Besuch zu ermöglichen, organisiert der Verein Pendelbusse. Tobias Rauser ist der Vorsitzende des Musikvereins und spielt beim Konzert Flügelhorn und Trompete. Das Konzert sei eine Herausforderung für den Verein, erzählt er. In der Markolfhalle habe der Musikverein die Bewirtschaftung übernommen und auch seine Gewinne erzielt. Im Milchwerk erhalte der Verein nur die Eintrittsgelder.

"Wir wissen nicht, wie das Weihnachtskonzert für unseren Verein ausfällt: Ob wir vor einem leerem Haus spielen und ob wir draufzahlen." Tobias Rauser, Vorsitzender des Musikvereins Markelfingen
"Wir wissen nicht, wie das Weihnachtskonzert für unseren Verein ausfällt: Ob wir vor einem leerem Haus spielen und ob wir draufzahlen." Tobias Rauser, Vorsitzender des Musikvereins Markelfingen | Bild: Georg Lange

Rauser spricht die Lage deutlich an: "Wir brauchen die Markelfinger, sonst macht das Konzert keinen Spaß." Der Auftritt im Milchwerk habe aber auch Vorteile. In der Markolfhalle musste der Verein die Bühne erweitern. Und da das einzige Blasmusik-Weihnachtskonzert in Radolfzell nun näher an den Stadtteilen läge, hätten auch viele Bürger die Chance, den Musikverein zu erleben. Rauser ist sicher: "Wir werden die Radolfzeller mit unseren Musikern begeistern."

Der Musikverein hofft auf die Solidarität der Radolfzeller, die mit ihrem Besuch ein Zeichen setzen könnten. Christine Rieble bringt es auf den Punkt: "Das Dorfleben in Markelfingen leidet sehr unter dem Verlust der Markolfhalle." In Sekundenschnelle zählt sie mehrere ausgefallene Feste auf, die die Dorfgemeinschaft bisher aufrecht erhielten. Das Milchwerk entpuppt sich dabei als eine Notlösung. Denn in der Markolfhalle konnte man früher Feste langsam ausklingen lassen. Und genau das förderte das Dorfleben. Das Konzert sei ein gesellschaftlicher Anlass und eine Art Klassentreffen für Markelfinger Bürger. Weggezogene besuchen zu Weihnachten ihre Familien und treffen auf dem Konzert Freunde, Bekannte und Kollegen aus vergangenen Tagen. Tobias Rauser hofft, dass die Markolfhalle bis zum Jahr 2021 wieder zugänglich sei. Denn dann feiere der Musikverein sein hundertjähriges Bestehen. Ein größerer und moderner Neubau könne zudem den deutlichen Bevölkerungszuwachs im Ortsteil kompensieren.

Ein Beispiel für die erfolgreiche Jugendarbeit beim Musikverein Markelfingen: Das Klarinettentrio von Lehrerin Elisabeth Rauch-Hurt mit Emma Rauch, Katharina Rauser und Emilly Scharnefski (von links) hat 2017 beim Bundeswettberb Jugend Musiziert einen dritten Preis erspielt.
Ein Beispiel für die erfolgreiche Jugendarbeit beim Musikverein Markelfingen: Das Klarinettentrio von Lehrerin Elisabeth Rauch-Hurt mit Emma Rauch, Katharina Rauser und Emilly Scharnefski (von links) hat 2017 beim Bundeswettberb Jugend Musiziert einen dritten Preis erspielt. | Bild: Elisabeth Hurt

Die Musiker sind selbstbewusst ob der musikalischen Qualität ihres Vereins. Der Vorraum ihres Probesaals ist mit Urkunden ausgezeichneter Platzierungen geschmückt. Der MV Markelfingen ist bekannt für sein breites Repertoire an symphonischer Blasmusik. Alle zwei Jahre stellt sich der Musikverein auf den Wettbewerben und Wertungsspielen und erhält sich dadurch sein hohes Niveau. "Der Musikverein hat hoch motivierte Musiker, die sich Wettbewerben stellen wollen", zeigt sich Elisabeth Rauch-Hurt stolz: Dieser Ehrgeiz schlage sich auch auf die Qualität des Orchesters nieder, so die Leiterin der Jugendabteilung.

Ein fester Bestandteil der Feiertage

Carina Schwarze spielt Altsaxophon und tritt beim Konzert bei zwei Werken der Blackmusic zum ersten Mal mit Soli auf. Die 22-Jährige spielt seit 14 Jahren ihr Instrument und ist zum fünften Mal beim Weihnachtskonzert des Orchesters dabei. Am Nachmittag trifft sich mit ihrer Familie. Das Konzert sei seit Jahren ein fester Bestandteil der Feiertage und wird am Abend auch von allen Angehörigen besucht. Bernd Bender spielt seit 1976 Tuba. Mit diesem Instrument könne er sich am besten identifizieren. Ohne Tuba sei ein Orchester wie ein See ohne Wasser, betont Blender die Wichtigkeit seines Instrumentes. Es liefere der Melodie die Bassstimme und brächte mit dem Schlagzeug als Begleitung die Grundharmonie ins Spiel.

Frühstarter und Spätzünder in einem Orchester

Jonas Rauser ist Perkussionist. Der 17-jährige Sohn des Vorsitzenden ist in die Musik hineingeboren worden und empfindet das Weihnachtskonzert als große Freude. Es mache Spaß, an Weihnachten für andere zu spielen, strahlt Rauser. Michaela Paratum spielt Klarinette und ließ die Probe selbst an ihrem Geburtstag nicht ausfallen. Würde sie Proben versäumen, dann würde ihr etwas im Leben fehlen. Musik sei ihr wichtiger als ihr Geburtstag, so die Mutter zweier Töchter, die im Orchester mitspielen. Erst als 42-Jährige erlernte sie die Klarinette. Im Orchester spielen 55 Musiker von 14 bis 80 Jahren.