Radolfzell/Höri Landwirte in Radolfzell und auf der Höri befürchten hohe Frostschäden

Wie hoch die Schäden sein werden, kann niemand genau sagen. Dies wird von Sorte zu Sorte variieren. Die lange Trockenheit im Vorfeld verschlimmert die momentane Situation

Der sorgenvolle Blick an den Himmel ist den Obst- und Gemüsebauern zur Gewohnheit geworden: wolkenlos und strahlende Sonne verheißt dieser Tage nichts Gutes. "Das bedeutet, es gibt wieder eine sternenklare Nacht", sagt Regina Duventäster-Maier. Sternenklar, das ist dieser Nächte gleichbedeutend mit bitterkalt. Die Frostgrade haben in der Region bis fünf oder sechs Grad Minus erreicht. Mirabellen, Pfirsiche, Kirschen, Zwetschgen, aber auch die Apfelblüte: es kann ihren Tod bedeuten.

Kann, muss aber nicht. Die Bilanz ist noch völlig unklar. Wie groß die Schäden wirklich sind, werde man frühestens heute und in den nächsten Tagen erkennen können, sagt beispielsweise Udo Löhle, Inhaber des Blanhofs, der verschiedene Sorten Beeren, aber auch Äpfel und Steinobst in Öhningen anbaut. Sein Betrieb liege am Südhang, die nächtliche Temperatur habe minus 1,8 Grad betragen, das sei gerade noch an der Grenze. Das Steinobst sei dennoch sehr gefährdet, Kirschen und Mirabellen hätten schon winzige Früchte ausgebildet, die empfindlicher seien als die Blüte. "Auch die frühen Erdbeersorten stehen in Vollblüte". Für die Erdbeeren könne er etwas tun, sie werden mit einem Vlies abgedeckt, das schütze die Pflanzen bis etwa drei Grad unter null.

Kälter war es in Moos: Regina Duventäster-Maier berichtet von Frostgraden von minus sechs bis minus acht Grad. "Die Mirabellen-Bäume werfen wohl den Löffel, fürchte ich", sagt sie. Doch nicht nur die Obstblüten und -früchte frieren, auch das Gemüse ist in Gefahr. "Salate und Radieschen, wir haben alles mit Vlies abgedeckt". Im ungeheizten Gewächshaus werden auch die Erdbeeren sorgfältig mit Vlies bedeckt. Das sei ein großer Aufwand und den Kulturen dienlich sei es auch nicht, aber im Moment eine unvermeidliche Maßnahme. Duventäster-Maier weist auf die Verkettung zweier Wetterphänomene hin: Im März war es sehr trocken und warm, was die Blüte der Pflanzen begünstigt habe: "Dass alles so weit entwickelt war, das ist jetzt ein großes Problem". In voller Blüte sind die Pflanzen deutlich empfindlicher für den harten Frost. Auch um die Höri-Bülle, das Aushängeschild der Region, macht sich Duventäster-Maier Sorgen: man könne braune Spitzen an der Blüte erkennen, den genauen Schaden kenne sie noch nicht. "Im Moment ist sicher kein Kollege glücklich".

Andrea Fürst vom Gemüsebau Fürst auf dem Wochenmarkt: Salat und Kohlrabi mussten bewässert werden, der Spargel ist durch den Frost gefährdet.
Andrea Fürst vom Gemüsebau Fürst auf dem Wochenmarkt: Salat und Kohlrabi mussten bewässert werden, der Spargel ist durch den Frost gefährdet.

Martin Aichem, der in Radolfzell-Güttingen Obst- und Ackerbau betreibt, bestätigt die Situation, will aber gelassen bleiben. Im Apfelanbau könne man den Schaden bereits erkennen, die Blüten färbten sich außen braun und seien erfroren. "Aber ausgezählt ist es noch nicht". Die Schadensbilanz könne man erst in sechs bis acht Wochen ziehen. Von Totalausfall bis zu Früchten in verringerter Qualität sei alles möglich. Der Schaden werde von Sorte zu Sorte unterschiedlich ausfallen. Mit diesem Risiko lebe man als Landwirt. "Solche Ereignisse sollten dem Verbraucher deutlich machen, dass volle Regale keine Selbstverständlichkeit sind", sagt Aichem, der auf 22 Hektar Obst anbaut.

Im Ackerbau wiederum wirke sich die Kälte nicht so verheerend aus. Die extreme Trockenheit sei für das Getreidewachstum nicht gut, aber es habe vor eineinhalb Wochen ein Gewitter gegeben. "Die Kulturen sind noch in einem frühen Stadium und profitieren von der Winterfeuchtigkeit."

Auf der Höri in Iznang macht sich Andrea Fürst vom Gemüsebaubetrieb Fürst in zweierlei Hinsicht Gedanken. Es sei sehr trocken gewesen im März, alle Kulturen, Salat, Kohlrabi habe man bewässern müssen. "Auf der Höri entnehmen wir das Wasser aus dem See, der derzeit extrem wenig Wasser hat". Sollte die Trockenheit sich fortsetzen, drohe Wassermangel für die Landwirtschaft. Der jetzige Frost schade den Kulturen, die in voller Blüte standen. Auch bei Fürsts sind alle Mitarbeiter damit beschäftigt, Vlies und Folie zu legen, um die Erdbeeren zu schützen.

Die lange und warme Trockenheit im März hat sich nicht nur auf die landwirtschaftlichen Nutzpflanzen ausgewirkt. Thomas Giesinger, Leiter des Ortsverbands des BUND, weist auf die Folgen für die Natur hin: Am stärksten seien Amphibien betroffen. "Teiche und Tümpel sind leerer als sonst. Kaulquappen brauchen aber den Platz, um sich zu entwickeln". Bei sinkender Wasserqualität reichten die Nährstoffe nicht aus, damit sie überleben können. Darüber hinaus könne jeder die momentane Blütenpracht erkennen: "Durch die Wärme hat alles gleichzeitig angefangen zu blühen". Das wiederum könne für Bienen problematisch werden. Viele Bienenvölker seien noch gar nicht draußen, was zur Folge habe, dass etliche Blüten nicht bestäubt werden.

Den Klimawandel erkenne man in erster Linie an der Zunahme der Wetterextreme, etwa der Trockenheit im Frühjahr. "Langfristig werden die anpassungsfähigen Allerweltsarten die Gewinner sein, die Spezialisten die Verlierer."

Wie es mit dem Wetter weiter geht

  • Aprilwetter und Frost: Dass es im April Frost in dieser Dimension gebe, sei nicht außergewöhnlich, berichtet Uwe Kirsche, Leiter der Pressestelle des Deutschen Wetterdienstes. Ungewöhnlich sei die vorherige Wetterperiode gewesen: "Der März war der heißeste seit Beginn der Wetteraufzeichnung." Die Kombination habe zu der Problemlage geführt: Die Pflanzen hätten früh begonnen zu blühen, nun richte der Frost Schäden an. Auf den Klimawandel weise der Anstieg der Temperatur hin.
  • Prognose und Trend: In den nächsten Tagen soll es milder werden, die Nachtfröste nehmen ab. In Südbaden kann es am Montag bis 18 Grad warm werden. Nachts werden immer noch Werte um ein bis drei Minusgrade erreicht. Es bleibt trocken: nur für Samstag sei leichter Regen angekündigt, sagt Uwe Kirsche. Der Trend zeigt steigende Temperaturen.

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