Tumultartige Szenen, laute Sprechchöre und ein Großaufgebot der Polizei. Nach Frieden sieht das auf dem Luisenplatz nicht aus. Dabei wollen die jugendlichen Organisatoren doch genau dafür eintreten. Vielfalt, Zivilcourage und eine friedliche Gesellschaft in Radolfzell. Am Stand der Kundgebung liegt Informations-Material über die neo-faschistische Partei "Der Dritte Weg" aus. Man wolle über die Gefahren dieser Gruppierung, die in jüngster Vergangenheit auch immer wieder im Raum Radolfzell und Hegau in Erscheinung tritt, aufklären. Die meisten der rund 50 bis 60 Teilnehmer der Kundgebung sind Anhänger verschiedener linksgerichteter Organisationen: der Antifa, der Linken oder der Sozialistischen Jugend Deutschland. Sie wollen deutlich Flagge gegen Rechts zeigen.

Und dann kommt plötzlich Unruhe auf. Mutmaßliche Mitglieder des Dritten Wegs sollen gesichtet worden sein. Und tatsächlich nähert sich eine Gruppe von vier Personen, drei Männer und eine Frau, dem Luisenplatz. Dann geht alles ganz schnell. Ein Mann soll den Hitlergruß gezeigt haben, mehrere Teilnehmer der Kundgebung stürmen auf ihn zu, wollen ihn festhalten. Die Polizei geht dazwischen. Es werden Beleidigungen getauscht, Personalien aufgenommen, die Vierer-Gruppe verlässt mit der Polizei im Rücken die Veranstaltung.

Ihren Informations-Stand haben die Organisatoren mittlerweile auch abbauen müssen. Der Pavillon, der wegen des Regens aufgestellt worden war, sei nicht korrekt angemeldet gewesen, heißt es. Lange wird mit Polizei und Ordnungsamt diskutiert. Am Ende findet die Kundgebung bei strömenden Regen statt. Daniel Schröder, Kreissprecher der Partei Die Linke sieht in genau solchen Zwischenfälle die Notwendigkeit einer mündigen Zivilgesellschaft. "Es gibt Orte in Deutschland, da sind Rechtsradikale in der Mehrheit. Das darf in Radolfzell nicht passieren", sagt er.

Ruhiger geht es auf dem Marktplatz zu. Ein wirklich dringliches Anliegen haben hier vor allem sechs Männer aus Afghanistan. Sie zeigen Schilder, auf einem ist eine Warnung des Auswärtigen Amts vor Reisen nach Afghanistan abgedruckt. "Aber Flüchtlinge abschieben...?" steht darunter, als Frage formuliert. In gebrochenem Deutsch versuchen sie, ihre Situation darzustellen. Husein Musawi stammt aus Afghanistan, ist aber im Iran aufgewachsen, kam dann nach Deutschland. Sulejman wiederum formuliert es für alle: "Hier ist das Leben gut, aber wir haben keine Perspektive, bleiben zu dürfen".

Dass das Leben hier, in Radolfzell, gut ist, darauf möchte auch Wolfgang Drobig hinweisen: "Please, peace" hat er auf das Transparent geschrieben, das auf dem Boden ausgerollt ist: "International, damit es auch jeder versteht", schmunzelt er und fügt ernst hinzu: "Es wird so viel geklagt. Aber es ist schon ein Geschenk, dass wir in Frieden aufwachsen durften." Gemeinderätin Nina Breimeier hat zu einem Friedensfest anlässlich des 8. Mai aufgerufen und Stadträte, Vertreter des Freundeskreises Asyl sowie Privatpersonen sind dem Aufruf gefolgt. Stadtrat Siegfried Lehmann spricht für viele, wenn er die Bedeutung des historischen Tages hervorhebt: "Der 8. Mai ist ein historisch besetzter Tag. Die Rechten versuchen, den Tag als Niederlage umzudeuten. Es ist wichtig, den jungen Nazis keinen Raum zu geben." Eine gute Entwicklung sei es, dass man sich in Radolfzell darüber inzwischen einig sei, das sei nicht immer so gewesen. Die Stadt biete mit ihrer Geschichte – der SS-Kaserne und des KZ-Außenlagers – eine Angriffsfläche, die Personen rechter Gesinnung fasziniere, dem müsse man entgegenwirken.

Inhaltlich sind sich bei dieser Kundgebung alle einig. Organisatorisch gibt es dann doch leichte Kritik: "Man hätte sich vielleicht mit den jungen Leuten, die am Luisenplatz demonstrieren, zusammen tun können?", fragt Stadträtin Derya Yildirim vorsichtig.

Zum 8. Mai

In vielen europäischen Ländern wird der 8. Mai als Tag der Befreiung vom Nationalsozialismus gefeiert, am 8. Mai 1945 kapitulierte Nazi-Deutschland. In der Bundesrepublik ist der Tag kein Feiertag, jedoch haben Bundespräsidenten immer wieder auf seine Bedeutung als Befreiung von der Herrschaft der Nationalsozialisten hingewiesen. Immer wieder versuchen neofaschistische Bewegungen, den Tag als "Niederlage" umzudeuten. Auch der Luisenplatz gehört zu den Orten, die von Rechten als Kultplätze genutzt werden.