Selten hat Böhringen einen so großen Besucheransturm erlebt wie dieses Jahr bei der Kulturnacht geschehen. Der einschlagende Erfolg der „7:75 Ortszeit“ als Scheunen-Kunstprojekt zum Dorfjubiläum im vergangenen Jahr hatte viele Gäste aus der Kernstadt, von der Höri und aus dem ganzen Hegau neugierig auf die Fortsetzung gemacht.

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Und die noch bis Sonntag andauernde „7:76 Ortszeit“, erweitert um neue atmosphärische Kunsträume im historischen Dorfkern, setzt noch eins drauf. Was Victoria Graf als Motor des Projekts hier gemeinsam mit mehr als 30 einheimischen und auswärtigen Künstlern auf die Beine stellt, ist fast schon eine Hommage an Alt-Böhringen und wieder ein ganz besonderes Erlebnis.

Kunst in Hühnerstall und Schlachthaus

Oft sind es die alten Wohnräume und Scheunen selbst, die zum Gegenstand künstlerischer Auseinandersetzung werden. Etwa ein früherer Hühnerstall, den Andrea Dietz und Kerstin Weiland „bespielen“. Für den konservierten Geruch von Hühnerschiss (wie kann es nach so langer Zeit noch riechen?) und das Gegacker mussten übrigens die Hühner von Liggeringens Ortsvorsteher Hermann Leiz herhalten, in dessen Stall eines der Exponate gelagert wurde.

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Vielbeachtet die Videokompositionen von Bette Bayer, die explodierende Farben untermalt von fein schattierten Vokalklängen in der experimentellen Umgebung des Schlachthaus zu einem sinnlichen Gesamterlebnis machte oder auch die Materialcollagen von Wolf Christian Leithäuser, der an diesem kalten Ort die Fragilität von Beziehungen thematisierte.

Tierwesen, Plastik und Tango

Bis unter das Dach sind die einzelnen Wohnhäuser mit unterschiedlichster Kunst erfüllt. Mal heiter und fröhlich, aber dann auch provozierend und nachdenklich. Kunst als Anstoß zur Auseinandersetzung mit der Realität aber auch zum Abtauchen in neue faszinierende Erfahrungswelten. Viel Lob ernten die Exponate von Jens Mohr aus Bonn, der intuitiv mit Fundstücken arbeitet und allerlei skurrile Wesen, meist ausdruckstarke Tiere entstehen lässt. Stark bewegt auch das Thema Plastik, dem sich die Zwillingsbrüder Andreas und Ralph Hilpert, Siegi Treuter und Victoria Graf widmen.

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Spektakulär und ein absoluter Hingucker war am Abend der Kulturnacht die Inszenierung von Annette und Thomas Gönner-Langendörfer mit Tango und Masken. Verschiedene Paare zelebrierten hier auf eindrucksvolle Weise das Thema Begegnung. Nicht zu vergessen das Improtheater, dass durch alle Räume zog und passende Geschichten aus dem Moment beisteuerte – ein Beispiel auch für das spürbare Miteinander der Künstler.

„Begeistert vom Charme der Ortszeit“

„Unsere Kulturnacht wird immer größer und hat richtig Zulauf „, freut sich Ortsvorsteher Bernhard Diehl. „Ich bin absolut begeistert vom Charme unserer Ortszeit“. Ins Schwärmen geriet die Böhringer Kinderbuchautorin Antje Tresp-Welte: „Es ist völlig faszinierend, welche Geschichten sich in diesem alten Räumen verstecken und es ist wahnsinnig interessant, was die Künstler daraus machen. Sehr berührend ist für mich das Plastikthema dargestellt. Ich nehme sehr viele Inspirationen mit!“

Irene Bührer aus nächster Nachbarschaft fühlt so wie viele, die in Böhringen aufgewachsen sind. „Da werden viele Kindheitserinnerungen wach. Ich gehe mit Spannung in jedes Haus“, sagt sie. Volker Waller lässt sich gerne Anregungen geben. „Es werden hier vor allem so viele schöne nachhaltige Dinge gezeigt“, sagt er und nennt als Beispiel die Engel von Klaus Witte, gefertigt aus Stein und alten Sägeblättern oder auch die handbedruckten T-Shirt-Unikate von Till Rehfeld.

„So viele Kunstformen“

„Was hier alles geboten wird, muss man erst einmal verarbeiten. Das ist alles große Klasse“, sagt Anette Bernauer von der Höri. „Ich finde es toll, dass hier so viele Kunstformen geboten sind, und dass diese Gebäude, die zu den ältesten in Böhringen gehören, auf diese Weise genutzt werden“, so der Böhringer Künstler Joachim Boos, der in einer der Scheunen farbstarke Materialbilder ausstellt. „Ich bin der Meinung, dieses Stück Alt-Böhringen sollte erhalten bleiben!“