Radolfzell Krankenhaus Radolfzell: Viele demonstrieren für Erhalt der Geburtshilfe

Etwa 150 Menschen kommen zur Kundgebung auf den Münsterplatz. Versicherungsprämien der Berufshaftpflicht machen Belegärzten Schwierigkeiten.

Geschätzt etwa 150 Menschen waren am Dienstagnachmittag auf dem Münsterplatz, um für den Erhalt der Geburtshilfe in Radolfzell zu demonstrieren – ein starkes Signal der Unterstützung für die Klinikabteilung, die offenbar auf der Kippe steht. Daher sind nicht zuletzt die organisierenden Hebammen des Radolfzeller Krankenhauses über den großen Zuspruch zu der Kundgebung glücklich. Sie sind sich einig, dass sie nirgendwo anders als in Radolfzell arbeiten wollen. So lobt etwa Kerstin Berg die Zusammenarbeit mit den Kinderschwestern, und auch die Zusammenarbeit mit den Ärzten sei sehr gut, heißt es aus der Gruppe.


Viele der Demonstrierenden sind junge Eltern, deren Kinder im Radolfzeller Krankenhaus zur Welt gekommen sind. Zu ihnen gehören Diana Friedemann, Johanna Barthold und Jörg Enz. Er wirft die Frage auf, was die Stadt Radolfzell eigentlich für junge Familien interessant macht. Friedemann sagt: "Wenn man schon ältere Kinder hat, dann lässt sich der Weg nach Singen nicht so leicht organisieren. Und wir fanden es toll, die ersten gemeinsamen Tage in einem Familienzimmer zu genießen." Und Barthold fügt hinzu: "Bei der Belegstation hat man den Vorteil, dass man die Ärzte schon vor der Geburt kennenlernen kann."

Doch genau diese Konstruktion, dass die Radolfzeller Geburtshilfe als Belegstation funktioniert, könnte jetzt zum Problem werden. Denn auf einer Belegstation betreuen niedergelassene Ärzte mit eigener Praxis eine Station im Krankenhaus – im vorliegenden Fall beispielsweise Geburten. Dadurch schlägt bei der Radolfzeller Geburtshilfe eine Entwicklung durch, die zuletzt auch bei Hebammen zu beobachten war. Die Prämien für die Berufshaftpflicht steigen – "ohne dass es in Radolfzell einen einzigen Schadensfall gab", wie Belegarzt Matthias Groß betont. Als Grund führt er an, dass nach derzeitiger Rechtsprechung die Schadenersatzsummen steigen, da Aufwendungen für die lebenslange Pflege eines Menschen nach einem Schaden bei der Geburt und teilweise auch Verdienstausfälle einbezogen würden. Bis zu 13 Millionen Euro sei das schon gegangen, so Groß.

Ironie einer Radolfzeller Mutter: Veronica Enz zeigt an, was passieren kann, wenn es keine Geburtsstation mehr in Radolfzell gibt.
Ironie einer Radolfzeller Mutter: Veronica Enz zeigt an, was passieren kann, wenn es keine Geburtsstation mehr in Radolfzell gibt. | Bild: Gerald Jarausch

Aus Sicht der Versicherer ist das ein Risiko, sie passen ihre Prämien an. Der Versicherer der Radolfzeller Praxis gewähre noch bis Ende des Jahres den Haftpflichtschutz für etwa 43 000 Euro im Jahr für alle drei Ärzte. Ab dem nächsten Jahr soll die Jahresprämie mit derselben Versicherungssumme etwa 180 000 Euro betragen, sagt Groß – wenn die Ärzte sich auf dem freien Markt selbst versichern. Umgerechnet auf 500 Geburten (siehe unten), wäre das eine Versicherungsprämie von etwa 360 Euro pro Geburt. Von den gesetzlichen Krankenkassen flössen für eine Entbindung aber nur 211 Euro, bei einem Kaiserschnitt 288 Euro, so Groß – die Geburtshilfe würde zum Verlust für die Ärzte. Groß wünscht sich daher eine Lösung, die Erhöhung der Versicherungssumme zumindest teilweise anderweitig aufzufangen. Die umfassende Dienstleistung erbringe niemand ohne anständige Bezahlung, sagt er.

Außerdem geht die Sorge um, dass, wenn die Geburtshilfe wegfallen sollte, auch 24-Stunden-Anästhesie und -Chirurgie in Radolfzell geschlossen werden könnten. Peter Fischer, Geschäftsführer des Gesundheitsverbundes Landkreis Konstanz, sagte dieser Zeitung zwar im August, er sehe keinen Grund für Veränderungen. Für eine aktuelle Stellungnahme war er am Dienstag allerdings nicht erreichbar – auch weil das Thema in nichtöffentlicher Gemeinderatssitzung besprochen wurde.

Für Oberbürgermeister Martin Staab ist klar: "Das Ziel der Stadt ist es, die Geburtshilfe zu erhalten", wie er am Rande der Kundgebung sagte. Ein runder Tisch aus Klinik-Geschäftsführung, Belegärzten und Fraktionsvertretern treffe sich am Donnerstag zum ersten Mal, um eine Lösung zu finden, so Staab. Und: Nach der nichtöffentlichen Ratssitzung habe der OB von "großer Hoffnung" gesprochen, sagt Friederike Bohl, die als selbstständige Hebamme Kundgebung und öffentliche Sitzung verfolgte.

Zahlen und Landespolitik

Die drei Gynäkologen, die die Geburtshilfe im Radolfzeller Krankenhaus betreuen, waren 2015 bei 511 Geburten dabei, erklärt Matthias Groß, einer der drei Ärzte. In den größeren Häusern in Konstanz und Singen seien im selben Jahr 779 und 1283 Kinder zur Welt gekommen. Jürgen Keck, Landtagsabgeordneter der FDP, hat die belegärztliche Geburtshilfe zum Thema eines Antrags an die Landesregierung gemacht. Tenor: Es brauche ein angemessenes Angebot an Geburtshilfestationen. (eph)

Ihre Meinung ist uns wichtig
Adventskalender - weil Vorfreude die schönste Freude ist
Neu aus diesem Ressort
Radolfzell
Radolfzell
Radolfzell
Radolfzell
Radolfzell
Radolfzell
Die besten Themen
Kommentare (0)
    Jetzt kommentieren