Radolfzell Konstantin Wecker ist im Milchwerk kein bisschen leise

Das Multitalent der Liedermacher begeistert mit hoher Virtuosität und augenzwinkernder Geradlinigkeit. Konstantin Weckers Auftritt zog viele an und füllte fast den kompletten Saal im Radolfzeller Milchwerk.

Viele Anhänger sind mit ihm in die Jahre gekommen – aber nicht alle: ein junger Akrobat schwang vor dem Milchwerk in der Pause Feuerfackeln. Konstantin Wecker ist ein schillernder Musiker und schallender Liedermacher, Schauspieler und Autor. Sein Friedenszeichen: Eine Regenbogenkette aus Holz, die bei so manchem Zuhörer auftauchte. Seit über 50 Jahren zieht er Fans an und ist dabei zwar ein wenig gesetzter, aber nicht weniger bissig geworden. Seinem Unmut über den Einzug der AfD in den Deutschen Bundestag machte er gleich zu Beginn des Konzerts im fast vollen Saal des Milchwerks Luft. Wer Wecker noch nicht kannte, der kannte ihn jetzt: "Ein demokratischer Musiker darf jetzt nicht mehr d-moll spielen – über dem D baut sich der Akkord a-f-d auf." Klarer Standpunkt und klare Standpauke für alle, die AfD gewählt haben – sei es aus Protest oder aus Überzeugung.

Wecker ist politisch wie eh und je und er polarisiert. Einer der wenigen deutschen Liedermacher, die breit aufgestellt sind und der großen Erfolg in dieser musikalischen Nische hat. Auch der Titel seines neuen Albums "Poesie und Widerstand" könnte polarisieren, hätte der Rebell dabei nicht nur eine Rüstung, sondern auch eine Unterhose an und brächte damit die beiden Pole zusammen. Die zeigte er in seinen Lebens- und Liebesliedern, seinen friedensbewegten und gesellschaftskritischen Liedern, unterbrochen von gelesenen Texten. Im zackigen Reggae-Sound erklang die Zeile "Selbst wenn vor mir Venus dem Schaumbad entstiege, ich ließe sie schäumen, weil ich dich liebe", aus dem Lied "Weil ich dich liebe" – eine selbstironische Hommage an die Liebe. Oder das Lied "Liebes Leben" – es stellt die Frage: Gibt es ein Leben nach Mitternacht?

Aber auch Friedens- und Antikriegslieder erklangen aus dem umfangreichen Repertoire, eindrücklich durch Weckers voluminöse und gut ausgebildete Tenorstimme und durch die Worte, die nachhallten und berührten: Vor allem "Der Krieg" von Georg Heym. Düster – die Musiker nur schwach beleuchtet – zieht der Krieg oder der Tod in Andeutungen auf die Bühne und bringt das Publikum zum Erschauern. Manch einer mag Konstantin Wecker für aufgeblasen halten, aber er berührt mit seinen Texten und seiner Musik tief. Zu deutlich ist seine Botschaft – nie wieder Krieg! Und er weiß, wovon er singt. 1947 in München geboren, hat er als Kind in den Trümmern der Stadt gespielt, die Anfang der 1950er-Jahre noch nicht wieder aufgebaut war. Für den Frieden kämpfte er auch mit dem verstorbenen Hans-Peter Dürr, Physiker, Umwelt- und Friedensaktivist. Ihm widmete Wecker das Lied "Gefrorenes Licht".

Begleitet wurde Wecker dabei von hochqualifizierten Musikern wie Fany Kammerlander an Cello, E-Bass und Tamburin, Wolfgang Gleixner am Bass und am Schlagzeug, Severin Trogbacher an Gitarren und Bratsche, Jo Barnikel am Klavier und Marcus Wall an Geige und E-Gitarre. Und auch bei der Besetzung der band gab es wieder einen politischen Seitenhieb – diesmal auf die österreichische rechte Szene: Wall und Trogbacher "sind der lebende Beweis dafür, dass sie keine FPÖ-Wähler sind", sagte der Liedermacher. Wecker ist aktueller denn je – seine Wut auf die neuen rechten Strömungen in der deutschen Gesellschaft spricht mit diesen Zeilen aus dem Lied "Der Krieg": "Wir müssen seh´n, wie wir den Gewalten widersteh´n. Denn sonst heißt es wieder eines Tages dann: Seht euch diese dumpfen Bürger an."

Der Liedermacher

Der Münchner Konstantin Wecker ist auch mit 70 Jahren nach wie vor ein Multitalent: Seit mehr als 60 Jahren macht er Musik, singt, steht auf der Bühne, schreibt Lieder und Bücher, scheitert, hat Erfolg und kämpft vor allem für den Frieden. Sein breites Repertoire ist das Geheimnis sein Erfolges. Denn als Liedermacher bespielt man eher eine kleine öffentliche Bühne. Derzeit ist er mit seiner Band und mit seinem neuen Album "Poesie und Widerstand" auf Tournee. (chg)

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