Alljährlich spenden tausende baden-württembergische Schüler für soziale Zwecke. Das Geld haben sie in der Aktion "Mitmachen Ehrensache" erarbeitet. Zu den Nutznießern gehört die Kindergruppe "Aufwind". Nun hoffen die Initiatoren, dass sich künftig auch Radolfzeller Schulen an der Aktion beteiligen.

Es war eine Spendenübergabe, die aus mehreren Gründen überraschte. 261 Schülerinnen und Schüler hatten 1426 Arbeitsstunden bei 231 Arbeitgebern im Landkreis Konstanz geleistet und das Geld für diese Arbeitsleistung gespendet. Stolze 7531,50 Euro kamen so zusammen und wurden jetzt der Kindergruppe "Aufwind" gespendet. "Da sage noch einer, unsere Jugendlichen interessiere das Allgemeinwohl nicht", sagte der verantwortliche Leiter Christian Denecke von der Fachstelle Sucht in Radolfzell, sichtlich gerührt bei der Übergabe der Spende.

Denecke schilderte die Notwendigkeit der Kindergruppe so: Jedes siebte Kind lebt mit Eltern zusammen, die suchtkrank sind. Alkoholismus, Drogen, Medikamente und Spiel- oder Internetsucht seien die Hauptursachen, die Kinder zwar nicht benennen können, aber doch spüren. In einer Schulklasse sind durchschnittlich vier Kinder von solchen Problemen betroffen, führte Christian Denecke aus und ergänzte: "Das hat fast dramatische Folgen in der Entwicklung der Kinder." Keine Freunde, die die Kinder zur Übernachtung einladen. Kein Kindergeburtstag, aus Angst vor dem, was sich eventuell bei den suchtkranken Eltern abspielen könnte. "Kinder habe ein ganz feines Gespür. Auch wenn sie nicht direkt mitbekommen, dass Eltern ein Problem haben, sie nicht sehen, dass ihre Eltern trinken. Trotzdem haben die Kinder das Gefühl, im Elternhaus stimmt etwas nicht", schilderte Denecke.

Das wiederum führe auch zu Verhaltensauffälligkeiten bei den Kindern wie Gewalt auf den Schulhöfen. "Das ist aber auch ein Zeichen von Hilflosigkeit." Rückzug aus der Klassengemeinschaft oder ein Aufmerksamkeitsdefizit seien ebenfalls Ausdruck und Reaktion der Kinder auf ein problematisches Elternhaus. Das wiederum belaste die Eltern. Eine Art Teufelskreis, der sich da aufbaut und nur durch professionelle Hilfe durchbrochen werden kann. Die Arbeit von Denecke und seinen Kollegen habe daher einen großen therapeutischen Aspekt und sei daher auch zeit- und kostenintensiv.

Finanzmittel des Landkreises reichen nicht aus

Lars Kiefer, Leiter der Fachstelle Sucht, schilderte, dass die finanziellen Mittel, die der Landkreis zur Verfügung stellt, nicht ausreichen, um den Kindern dieser problembelasteten Elternhäuser einen Weg in ein anderes Leben zu zeigen und sie auf diesem Weg auch zu begleiten und zu unterstützen. Kiefer führte dazu aus: "Es ist zwar eine gesellschaftliche Arbeit, die wir hier leisten. Doch die Finanzmittel des Landkreises reichen nicht, um eine wirkliche Verbesserung solcher Lebensumstände herbeizuführen. Es freut mich deshalb ungemein, dass gerade Jugendliche, von denen man es eventuell nicht vermutet, sich so außerordentlich für gesellschaftliche Aufgaben engagieren."

Hinter diesen Worten steckt anscheinend auch eine Kritik: Warum ist ein Landkreis bei der Wahrnehmung gesellschaftlicher Aufgaben so sehr auf die finanzielle Unterstützung von Freiwilligen angewiesen? Christian Denecke vermutet: "Um die Finanzmittel kämpfen viele Institutionen. Die Aufgaben sind vielfältig. Aber vielleicht ist die Lobby für Suchtkranke zu schwach vertreten." Das erscheint schlüssig. Wer würde sich schon öffentlich dazu bekennen, an Alkoholismus, Drogenkonsum oder anderem zu leiden.

Nicht nachvollziehbar ist jedoch, weshalb sich keine Radolfzeller Schule bei dieser wichtigen landesweiten Aktion beteiligt hat. Stefan Gebauer hatte für diesen Umstand auch keine Erklärung und sagte: "Ich hoffe darauf, dass es in Radolfzell im nächsten Jahr Schulen gibt, die sich an dieser Aktion beteiligen. Ich denke, an den Schülern wird es nicht liegen."

Das Projekt

Seit 17 Jahren wird jährlich Geld von Schülern aus ganz Baden-Württemberg an soziale Einrichtungen und Projekte gespendet. Diesmal haben 9788 Mädchen und Jungen zusammen 261 372 Euro bei 6138 Arbeitgebern erarbeitet. Auf diese Weise kamen bisher über drei Millionen Euro zusammen. Bei der Aktion "Mitmachen Ehrensache" suchen sich Jugendliche im Vorfeld oder am internationalen Tag des Ehrenamtes einen Job bei einem Arbeitgeber ihrer Wahl. Das erarbeitete Geld spenden sie für einen guten Zweck. Schirmherr im Landkreis Konstanz ist Landrat Frank Hämmerle. Ansprechpartner ist Stefan Gebauer beim Kreisjugendreferat in Radolfzell.