Es klingt ein bisschen wie ein Hollywoodfilm: Ein Verein bekommt eine etwa siebenstellige Summe von einem verstorbenen Mitglied und ein Kater spielt in der Geschichte die Hauptrolle. Sein Name ist Timo und er war nicht nur für sein Frauchen etwas Besonderes. Er ist es auch für die Katzenhilfe Radolfzell. Unter der Auflage, sich um die geliebte Samtpfote gut zu kümmern, verfügen die Ehrenamtlichen nun über finanzielle Mittel, von denen sie nie zu träumen gewagt hätten und stehen kurz davor, zwei Vorhaben umsetzen zu können, die bisher aus verschiedenen Gründen nicht machbar waren: Eine Versorgungsstation für gerettete Katzen und ein Kastrationsfonds für die Katzen finanzschwacher Bürger.

Die Nachricht über die Erbschaft ist zwar nicht neu, doch "die Größenordnung hat sich erst mit der Zeit herausgestellt", erzählt Jürgen Werner, Vorsitzender der Katzenhilfe Radolfzell. Es ist die erste Erbschaft, die der Verein bekommt und "wie ein Sechser im Lotto", sagt er. "Wir waren total überrascht". Eine ältere Dame, die in Konstanz wohnte und ihren Kater über die Katzenhilfe bekommen hatte, starb mit Mitte 70 und hinterließ dem Verein Geld, aber auch ihre Wohnung. Letztere ist verkauft, so dass dem Verein nun das Geld zur Verfügung steht. Er setzt damit nicht nur lange angestrebte Dinge um, sondern hat nun auch in den kommenden Jahren Luft und keinen Druck. Denn wie viele andere Vereine ist auch die Katzenhilfe auf Mitgliedsbeiträge und Spenden angewiesen, um seine Arbeit finanzieren zu können. "Wir müssen mit dem Geld in den kommenden Jahren Haushalten und es einteilen, um alles decken zu können", sagt Werner.

Tierarztkosten, zum Beispiel, seien manchmal unberechenbar. Diese seien vor allem im vergangen Jahr extrem hoch gewesen, weil es viele Fälle mit kranken Katzen gegeben habe. "Wir hatten bisher oft das Problem, dass wir aus finanziellen Gründen vieles nicht machen konnten", erzählt Werner. "Jetzt ist der Druck weg, auf Plusminus Null rauszukommen."

Als erstes soll nun ein geplanter Kastrationsfonds starten, für den die Katzenhilfe 5000 Euro bereitstellt. "Bürger, die die Zeller Karte haben, können einen Antrag auf Kostenhilfe bei der Kastration ihrer Katze oder ihres Katers stellen", erklärt Jürgen Werner. Die Formulare dazu werden bald im Bürgerbüro, im Sozialamt und bei der Tafel ausliegen. Der Ablauf werde so sein, dass Bürger, die sich die Operation für ihr Tier nicht leisten können, einen Gutschein dafür erhalten. "Auf dem Gutschein ist vermerkt, was genau übernommen wird. Er kann beim Tierarzt eingelöst werden, der direkt mit der Katzenhilfe abrechnet", sagt Werner. Die Operation kostet bei einer Katze durchschnittlich zwischen 120 bis 140 Euro, bei einem Kater zwischen 80 und 100 Euro. Es kann abweichen, da der Eingriff unterschiedlich kompliziert sein kann. Rechnet man mit einem Durchschnitt von 100 Euro könnten etwa 50 Katzen von Zuschüssen profitieren.

Wann es auf dem neuen Pacht-Grundstück der Katzenhilfe losgehen kann, hängt noch von den Verträgen ab. Die Mitgliederversammlung der Katzenhilfe muss noch alles endgültig absegnen, aber auch die Übereinkunft mit der Stadt für die Pacht wird derzeit noch überarbeitet, denn unter anderem sei die Höhe der jährlichen Kosten falsch angesetzt worden. Die Vertreter der Katzenhilfe hatten sich über einen hohen Anstieg der Erbpacht von rund zehn Euro pro Jahr auf 950 Euro (einen Euro pro Quadratmeter) gewundert. Eine Nachfrage des SÜDKURIER bei der Stadtverwaltung ergab: Sie werden nun bei 130 Euro liegen. "Bei der Ermittlung der Kosten ist der Stadtverwaltung bedauerlicherweise ein Fehler unterlaufen, der selbstverständlich umgehend behoben wird", teilte Julia Theile von der Pressestelle mit. Diese Pacht seien vergleichbar zu Zahlungen, die auch andere Vereine in Radolfzell leisten. Der ehemalige Pächter hat das Grundstück aus Altersgründen abgegeben, er hatte den Pachtvertrag vor mehr als 50 Jahren abgeschlossen. „Die Stadt ist sehr froh, dass sie der Katzenhilfe nach vielen Jahren und mehreren Umzügen nun ein passendes Grundstück geben konnte", sagt Bürgermeisterin Monika Laule. Am neuen Standort könne der Verein "mit voller Kraft ihren Katzen nun ein richtiges Katzenparadies schaffen". Das Grundstück eigne sich hervorragend.

Wenn vertraglich alles fix ist, will Jürgen Werner alle nötigen Wasser- und Stromanschlüsse bestellen. Das Grundstück soll außerdem eine geeignete Umzäunung bekommen, die einerseits dafür sorgt, dass die Katzen nicht weglaufen, aber andererseits auch, dass ihnen durch Eindringlinge nichts geschehen kann. Der Vorsitzende hofft, dass alles auf den Winter hin klappt. Es sei noch viel zu regeln, da es Auflagen vom Baurechtsamt gebe. Das Grundstück ist im Bebauungsplan Ried-Sauwiesen-Tenn als Grabenland ausgewiesen und auf Grabenland sind keine festen Bauten erlaubt. Außerdem gibt es hygienische Auflagen durch das Veterinäramt. Die Katzenhilfe plant ein mobiles Wohnheim als Haupthaus und vier kleine, beheizbare Holzhäuschen. Eventuell solle es auch eine Quarantäne-Station geben. "Zweckgebundene Gebäude für den Verein Katzenhilfe konnten im Wege einer Befreiung von den Festsetzungen des Bebauungsplanes zugelassen werden", so Julia Theile.

Kater Timo lebt jetzt übrigens in einer Pflegefamilie und kommt dort gut mit der anderen Katze im Haushalt zurecht. Die Katzenhilfe ist regelmäßig mit der Familie in Kontakt.

Aline Steinbrecher von der Uni Konstanz.
Aline Steinbrecher von der Uni Konstanz. | Bild: Uni Konstanz

Interview mit einer Expertin: Enge Bindungen mit Tieren sind normal

Aline Steinbrecher, promovierte Historikerin, Fellow am Zukunftskolleg der Uni Konstanz und Pionierin der Tiergeschichte im deutschsprachigen Raum, spricht im Interview über die Entwicklung der Beziehung zwischen Mensch und Tier.


Ist es normal, dass ein Tier im Leben eines Menschen eine so wichtige Rolle wie ein richtiges Familienmitglied einnehmen kann?
Das ist für mich aus der Sicht als Historikerin durchaus normal. Man sagt zwar, wenn man die großen historischen Linien zeichnet, dass Tiere erst im Verlauf der Moderne zu Familienmitgliedern werden, aber es gibt auch schon vorher in der Vormoderne Zeugnisse davon. Wenn jemand zum Beispiel beschreibt, wie er sein Tier verloren hat und trauert und dass er jetzt gar nicht mehr leben mag, weil ihn das so mitnimmt. Bis ins 16. Jahrhundert zurück habe ich schon solche Zeugnisse gefunden. Man stellt sich oft so ein bisschen vor, dass das ein Auswuchs der Postmoderne und des 20. Jahrhunderts ist, aber dem ist nicht so. Wir haben das spätestens seit der Zeit des Bürgertums eine Tierliebe, die sich bei den Bürgern festschreibt.

Meinen Sie allgemein oder speziell Hund und Katze?
Bei Hund und Katze können wir das am frühsten sehen, dass diese Haustiere einen enormen Stellenwert haben und auch zahlenmäßig gibt es in den Städten ab dem Ende des 18. und Anfang des 19. Jahrhunderts, wo wir das durch die Hundesteuer erfassen können, mehr Hunde als heute. Also pro Einwohner gesehen. Und das zeigt auch schon so ein bisschen die Wichtigkeit. Der Hund war das wichtigste Haustier und wurde dann so im 21. Jahrhundert durch die Katze abgelöst. Sie ist ja momentan vorne.

Kann es eine soetwas wie eine zu starke oder sogar krankhafte Bindung an ein Tier geben?
Eine Geschichte in dieser Hinsicht ist die von Friedrich II., der seine Windhunde mehr liebte als alle Menschen und der sich nicht ins Familiengrab legen lassen wollte, sondern mit seinen Hunden begraben lassen wollte. Das hat er alles schriftlich festgehalten, aber als er dann starb, musste er trotzdem in die Familiengruft.

Was ist Besondere an der Beziehung zwischen Mensch und Katze?
Ich finde spannend, dass die Katze im urbanen Leben mit vielen Singlehaushalten historisch zentral wird. Ich glaube, das diese unabhängigen Lebensstile, die mit viel Mobilität verbunden sind, besser vereinbar sind mit einer Katze als mit einem Hund. Das würde zumindest historisch erklären, dass die Katzen so populär werden. Im 18. und 19. Jahrhundert dagegen war die Bürgerliche Familie sehr wichtig und das war die idealtypische Lebensform.

Spielzeuge, Kleidung, kleine Möbel. Es gibt ja eigentlich nichts, was es nicht für Tiere gibt. Wie bewerten Sie das?
Das ist mein liebstes Beispiel für die Geschichte. Das gibt es schon seit dem 18. Jahrhundert. Damals gab es in Paris Petshops und in einem Buch zur Haustierhaltung in Paris weist die Autorin nach, dass die Leute damals Aquarien mit griechischen Ruinen ausgeschmückt haben und sie hatten Mäntel und Schuhe für Hunde.
Und die Halsbänder, die man von damaligen Hunden findet, sind unglaublich ausgeschmückt. Bei einem Hund in einer Vermisstenanzeige im 18. Jahrhundert wird beschrieben, dass er einen Goldschrat im Ohr habe. Da haben wir also einen Hund mit einem goldenen Ohrring, was ich heute nicht so kenne. Sachen für Tiere gibt es also schon sehr, sehr lange. Der Unterschied ist, dass durch die Industrialisierung die Herstellung von Tierzubehör zu einem Industriezweig geworden ist. Auf dieser Ebene ist das sicher erst ein Phänomen der Moderne. Das gab es vorher so nicht. Erst Ende des 19. Jahrhunderts beginnt man auch, spezialisiertes Tierfutter herzustellen.

Halten Sie es für ungewöhnlich, dass jemand per Testament die Versorgung seines Haustiers sichert oder sogar eine Erbschaft an diese koppelt?
Nein, das finde ich als Historikerin nicht ungewöhnlich, weil ich einen Fall im 17. Jahrhundert von einem Kleriker gelesen habe, der seinem Hund sein Vermögen vermacht hat und auch festlegt, wen er anstellt und dafür zuständig ist, dass der Hund gut versorgt wird. Das ist ja jetzt etwas ganz Ähnliches wie die Erbschaft der Katzenhilfe Radolfzell. Das erstaunt mich deshalb also nicht weiter.

Fragen: Ramona Löffler