Rund 100 Radolfzeller Bürger nahmen an der diesjährigen Waldbegehung teil, zu dem die Stadtverwaltung in das Gebiet Eggenhalde, nordöstlich von Güttingen, eingeladen hatte. „Noch nie haben bei einer Waldbegehung so viele Bürger teilgenommen“, zeigte sich OB Martin Staab erfreut. Die Bürger brächten damit zum Ausdruck, wie groß ihr Interesse an den Aktivitäten der Stadt im Bereich Umweltschutz und Nachhaltigkeit sei.

„Der Wald steht im Fokus und kämpft mit den Klimaveränderungen, die er eigentlich verhindern soll“, leitete der OB in die Thematik ein. Als wichtiger CO2-Speicher leiste der Wald einen erheblichen Beitrag zum Klimaschutz. Doch wie steht es um den Stadtwald in Radolfzell?

Rund 100 interessierte Bürger folgen OB Martin Staab zur Waldbesichtigung. So groß war die Anzahl der teilnehmenden Bürger noch nie.
Rund 100 interessierte Bürger folgen OB Martin Staab zur Waldbesichtigung. So groß war die Anzahl der teilnehmenden Bürger noch nie. | Bild: Michael Jahnke

Auch in diesem Jahr stellt der Borkenkäfer die größte Herausforderung dar. Anhand von Insektenfallen konnte man bereits im Juni diesen Jahres hochrechnen, dass die Population des Borkenkäfers im Vergleich zum Vorjahr noch einmal drastisch zunehmen würde.

Aufgrund eines zu trockenen Winters und zu geringer Regenmengen ist der Waldboden in einer Tiefe von zwei Metern viel zu trocken, schilderte Bernhard Hake vom Kreisforstamt. „Das führt dazu, dass insbesondere die Fichte nicht genügend Harz bilden kann. Wenn dieser natürliche Schutz fehlt, können die Borkenkäfer in den Baum eindringen und zwischen Borke und Stamm ihre Brutstätten anlegen.“ Ein vorbeugender Einsatz von Insektiziden sei sinnlos, da die Borke diese Brutstätten schütze.

Bernhard Hake vom Kreisforstamt (Bildmitte) und Revierförster Gerhard Heizmann zeigen vom Borkenkäfer befallene und inzwischen gefällte Stämme von rund 40 Jahre alten Fichten, die nun aus dem Wald entfernt werden müssen.
Bernhard Hake vom Kreisforstamt (Bildmitte) und Revierförster Gerhard Heizmann zeigen vom Borkenkäfer befallene und inzwischen gefällte Stämme von rund 40 Jahre alten Fichten, die nun aus dem Wald entfernt werden müssen. | Bild: Michael Jahnke

Noch beträgt der Anteil der Fichte im Radolfzeller Stadtwald rund 19 Prozent und soll auf zehn Prozent heruntergefahren werden. „Wir können aber jetzt nicht wahllos jede zweite Fichte fällen“, sagte Bernhard Hake. Ziel sei ein schrittweiser Waldumbau. „Bei diesem Waldumbau müssen wir versuchen, Risiken zu streuen. Wir wissen heute nicht, welche klimatischen Bedingungen wir in dreißig Jahren vorfinden.“ In so langen Zeiträumen müsse man beim Öko-System Wald aber denken.

Multi-Kulti im Wald soll Risiko vermindern

Multi-Kulti im Wald sei daher wohl die beste Art der Risikostreuung. „Da darf es keine Denkverbote geben“, forderte Hake. Revierförster Gerhard Heizmann, seit dreißig Jahren für den Radolfzeller Stadtwald zuständig, schilderte: „Wir müssen vernünftig und nachhaltig mit der Ressource Wald umgehen.“

Obwohl die Douglasie die klimatischen Veränderungen gut zu verarbeiten scheint, warnt auch Heizmann, jetzt alles auf eine einzige Baumart zu setzen. Auf dem amerikanischen Kontinent gebe es auch bei der Douglasie Schädlingsbefall. Diese Schädlinge seien nur deshalb noch nicht in Deutschland aufgetaucht, weil kein Douglasienholz von Amerika nach Deutschland importiert werde.

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Schrittweiser Waldumbau mit Blick nach allen Seiten sei der richtige und im Radolfzeller Stadtwald schon vor vielen Jahren eingeleitete Schritt in die Zukunft dieses Ökosystems. „Wenn wir jetzt neue Bäume anpflanzen, müssen wir auch im Blick haben, dass sich das Fressverhalten des Wildes ändert“, erläuterte Heizmann.

Förster plädiert für Kooperation mit Jägern

Wenn Fichten nicht mehr gepflanzt werden, stellten beispielsweise Rehe sich bei der Äsung auf andere Junganpflanzungen um. Eine Einzäunung einer Schonung sei aber keine dauerhafte Lösung. „Da brauchen wir die Zusammenarbeit mit den Jägern.“ In Gebieten von Neuanpflanzungen muss der Wildbestand kleingehalten werden, um diesen Waldumbau nicht weiter zu verzögern.

„Die Jagdwirtschaft hat nichts mit einem Hobby zu tun, die Jägerei ist ein wichtiger Bestandteil, wenn wir das Ökosystem Wald als komplexe Einheit verstehen und erhalten wollen“, ergänzte Hake.