Im Volksmund ist dieses Spirchwort bestens bekannt: Wer beim Mittagessen brav seinen Teller aufisst, der hat gute Chancen, dass es am nächsten Tag schönes Wetter gibt. Der strahlende Sonnenschein, der am Freitag bei der Einweihung des Solarenergiedorfes in Liggeringen vom blauen Himmel fiel, lässt deshalb eigentlich nur einen Schluss zu: Liggeringens Ortsvorsteher Hermann Leiz und Stadtwerke-Geschäftsführer Andreas Reinhardt müssen in den Tagen vor der offiziellen Eröffnung ihre Teller mit einer Akkuratheit leer geputzt haben, das der Urheber des deutschen Sprichwortes nur anerkennend mit dem Kopf genickt haben kann.

Denn anders ist es kaum zu erklären, dass die Sonne mit den Verantwortlichen des Radolfzeller Leuchtturmprojektes in Sachen nachhaltiger Energiegewinnung und Klimaschutz um die Wette strahlte. "Ich habe in meiner gesamten Amtszeit als Ortsvorsteher zum ersten Mal weiche Knie. Liggeringen ist nur eines von insgesamt fünf Dörfern, das 2018 mit einem Solarenergiedorf an den Start gegangen ist, und das die Abkehr vom fossilen Brennstoff forciert", sagte Leiz.

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Dass Hermann Leiz als Ortsvorsteher von Anfang an einer der Motoren des Projektes war, wird im Gespräch mit ihm schnell deutlich: Wie er gegenüber dem SÜDKURIER bestätigte, war er der ersten Liggeringer, der einen Anschlussvertrag mit den Stadtwerken unterschrieben hatte. "Ich war und bin von dem Vorhaben überzeugt. Ich wollte mit meiner Unterschrift auch ein Zeichen setzen und als Ortsvorsteher vorangehen", betont Leiz.

Bereits im Oktober 2015 habe er unterzeichnet. Aber nicht nur er, sondern auch der gesamte Ortschaftsrat stand geschlossen hinter dem Vorhaben des Solarenergiedorfes: "Der Ortschaftsrat hat voll beim Solarenergiedorf mitgezogen – diese Einstimmigkeit war einfach toll", so Leiz weiter. Der Liggeringer Ortsvorsteher hob aber auch die stets eindeutigen Beschlüsse pro Solarenergiedorf aus dem Radolfzeller Gemeinderat hervor.

Mehr als 250 Bürger bei Eröffnung

Auch der baden-württembergische Landesminister für Umwelt, Klima und Energiewirtschaft Franz Untersteller hoffe deshalb, dass Liggeringen deutschlandweit viele Nachahmer finden werde. Denn hier werde die Energiewende gelebt. Untersteller mahnte die mehr als 250 Besucher, die der Eröffnung beiwohnten, auf die Folgen des Klimawandels zu achten. "Wir sind in der Pflicht uns dagegen zu wehren. Das Solarenergiedorf steht beispielhaft für eine nachhaltige Energieversorgung", sagte er.

Einblicke in die Technik: Der Eröffnungstag ermöglichte den Besuchern einen Bilck hinter die Kulissen des Solarenergiedorfes. Bilder: Gerald Jarausch
Einblicke in die Technik: Der Eröffnungstag ermöglichte den Besuchern einen Bilck hinter die Kulissen des Solarenergiedorfes. | Bild: Jarausch, Gerald

Als positives Signal für den Umwelt- und Klimaschutz nannte der Umweltminister die in vielen europäischen Städten durchgeführten Proteste von Jugendlichen unter dem Titel Friday for Future. "Wir sind verpflichtet, dafür zu sorgen, dass die Generation nach uns eine lebenswerte Zukunft hat", rief er den Besuchern zu.

Erschreckend sei für ihn die Erderwärmung. 2018 lag die Durchschnittstemperatur in Baden-Württemberg laut Untersteller bei 10,4 Grad – und damit so hoch wie noch nie zuvor. Außer 2004 habe immer eine Acht oder eine Neun vor dem Komma gestanden.

Keine Schecks mehr in den Nahen Osten

Überhaupt haben die Menschen in Baden-Württemberg im zurückliegenden Jahr 135 Milliarden Kilowattstunden für die Wärmeerzeugung verbraucht. Lediglich 16 Prozent davon stammten aus erneuerbaren Energien. Damit liege man laut Untersteller nur noch ein Wenig über dem deutschlandweiten Durchschnitt (13 Prozent). Liggeringen setze hier ein weiteres Zeichen. "Sie müssen keine Schecks mehr in den Nahen Osten oder an Putin verschicken, um Wärme zu nutzen. Ihr Geld bleibt in der Region", betonte Untersteller.

Auszeichnung vom Land: OB Martin Staab (links) nimmt aus den Händen des Umweltministers Franz Untersteller die Auszeichnung „Ort voller Energie" entgegen. Bild: Gerald Jarausch
Auszeichnung vom Land: OB Martin Staab (links) nimmt aus den Händen des Umweltministers Franz Untersteller die Auszeichnung „Ort voller Energie" entgegen. | Bild: Jarausch, Gerald

Oberbürgermeister Martin Staab griff diesen Aspekt auf. Er hob neben dem Engagement von Hermann Leiz und Stadtwerke-Geschäftsführer Andreas Reinhardt die Bereitschaft der Liggeringer Einwohner hervor, den eingeschlagenen Weg mitzugehen. "Ohne den aktiven Willen der Liggeringer, sich dem erneuerbaren Energieprojekt anzuschließen, würde heute kein Solarenergiedorf stehen", so Oberbürgermeister Staab.

Vielerorts sei die Wärmeversorgung nach wie vor das Sorgenkind der Energiewende – jedoch nicht mehr in Radolfzell. Laut Staab werden durch das Solarenergiedorf pro Jahr bis zu 1400 Tonnen des klimaschädlichen Kohlendioxid-Ausstoßes eingespart. Mit einer vergleichbaren Menge könnte ein Auto 175 Mal den Äquator umrunden.

Projekt kostet 4,3 Millionen Euro

4,3 Millionen Euro hat das Solarenergiedorf in Liggeringen gekostet. Laut dem Geschäftsführer der Stadtwerke Radolfzell (SWR) Andreas Reinhardt beläuft sich die Investitionssumme der SWR auf 3,1 Millionen Euro. Mit 1,2 Millionen Euro wurde das Vorhaben vom Land und Bund gefördert. Die Bauzeit betrug indes 1,5 Jahre.

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Wie Anette Abdessemed von den Stadtwerken am Rande der Eröffnung informierte, wird auf der Fläche zwischen den Kollektoren und davor eine für Bienenvölker sehr verträgliche Blumenmischung gesät. "Zusammen mit dem Imkerverein Radolfzell werden wir beim Solarthermiefeld mehrere Bienenvölker ansiedeln und ein Insektenhotel aufstellen", sagt sie. Mit dem Vorbereitungen dazu werde der Imkerverein im Herbst diesen Jahres beginnen.