Frau Neigel, Radolfzell ist eine Hochburg der Blasmusik. Nun treten Sie ganz ohne Instrumente auf. Was ist das Besondere an a cappella?

A Cappella ist sehr fragil. Auch wenn es trotzdem kraftvoll, mitreißend und authentisch sein kann. Wir haben keine externen Instrumente, auf die wir zurückgreifen können. Es ist alles in uns drin. Jeder weiß, wie fragil und anfällig die Stimme für Emotionen ist. Aber das ist auch gerade das Schöne an a cappella. Wenn alles stimmt, dann geht das direkt ins Herz hinein. Stimmen sind unmissverständlich. Es ist ein Segen, dass wir so mit dem Publikum kommunizieren können.

Sie singen bei den Les Brünettes die Bass-Stimme. Das ist keine sehr geläufige Frauentonlage.

Ich singe unter anderem die Bass-Stimme, aber auch je nach Song in höheren Lagen. Ich bin so zu sagen die Springerin. Aber wenn wir sagen, ich singe die Bass-Stimme, dann ist das nicht genau die Lage, die auch ein männlicher Sänger hat. Das ist auch gar nicht möglich. Aber es ist der untere Bereich der Stimmlage. Eine tiefe Alt-Lage, wenn man es genau nehmen möchte. Nur von der Funktion her singe ich das, was auch ein Bass als Instrument machen würde. Damit kann ich den Grundton eines Liedes deutlich machen. Eine andere Sängerin singt dann darüber eine Melodie und die zwei anderen machen die Begleitstimme. Nur durch diese vier Stimmen wird klar, welche Struktur der Song hat.

Die Les Brünettes treten mit einem Beatles-Programm im Milchwerk auf. Ist es nicht schwer die männlichen Beatles-Stimmen als Frauen wiederzugeben?

Das war genau die Herausforderung. Wir haben von vornherein gesagt, das wir kein reines Cover-Programm machen wollen. Wir können nicht in der gleichen Tonlage singen oder ohne Instrumente genauso klingen wie die Beatles. Das war das Besondere an der Sache, dass wir bekannte Titel wie „Imagine“ oder „Let it be“ so umarrangieren können, dass es für uns vier Frauenstimmen passt. Jeder soll den Song unmissverständlich wiedererkennen, aber dennoch wird er sich anders anhören. „Imagine“ wird sich sehr sakral anhören, wie ein langsames Stück von Bach zum Beispiel. Das macht unser Programm so spannend, weil in den Beatles Songs so viel steckt und wir versucht haben, etwas Neues herauszuholen. Aber im Grunde muss man sich das live anhören, um es zu verstehen. Es ist keine Cover-Show, sondern etwas gänzlich Neues.

Im Hollywood-Kino-Film „Pitch Perfect“ geht es auch um eine Mädchen-A-Cappella-Gruppe, die moderne Lieder aus den Charts singen. Wird a capella langsam ein Trend?

Ich habe den Film erst neulich gesehen, ich kannte ihn vorher nicht. Es ist in echt natürlich etwas anders, als dort dargestellt. Aber solche Filme und bestimmte Gruppen haben der Musikform a cappella einen Schub gegeben. Dennoch gab es sie schon immer in Form von Chören und Gospel. Nur sind heute modernere Aspekte hinzugekommen, wie das Beatboxen beispielsweise. Es ist nochmal etwas Neues entstanden. Wir machen bereits seit acht Jahren a cappella und freuen uns, wenn das Interesse daran wieder etwas steigt.

Es gibt bisher nur wenig reine Frauengruppen im a cappella. Woran liegt das?

Ich denke es liegt daran, dass Frauenstimmen nicht so tief kommen können wie Männerstimmen. Man muss also mit anderen Grundvoraussetzungen arbeiten. Es heißt aber trotzdem nicht, dass es sich nicht wohlklingend tief und harmonisch anhören kann. Es ist nur ein bisschen komplizierter. Man kann es vergleichen mit einem Maler, der ein Bild malen möchte, es fehlte jedoch eine komplette Farbskala. Trotzdem kann man damit wunderschöne Bilder malen. Man muss es sich nur vorher überlegen, was ist möglich und was nicht. Wir sind auch nur zu viert, andere Frauengruppen sind viel größer. Wir können jede nur einen Ton singen. Das ist die Schwierigkeit bei Frauengruppen. Und dann muss man Leute finden, mit denen man gerne singen möchte und mit denen man sich gut versteht. Sängerinnen gibt es nicht wie Sand am Meer, wir sind alle musikalisch gut ausgebildet und haben auch noch verschiedene Solo-Projekte. Wir hatten einfach Glück, auch dass wir uns wahnsinnig gut verstehen.

Und dass sie alle brünett sind…

Das ist uns irgendwann einmal aufgefallen, dass wir fast wie Schwestern aussehen. Aber wenn man genau hinsieht, merkt man doch deutlich die Unterschiede und auch charakterlich sind wir völlig verschieden. Und das macht den Reiz aus. Uns verbindet Liebe zur Musik und Freundschaft, aber wir sind sicher kein Einheitsbrei. Und vielleicht halten die Brünetten, was die Blonden versprechen?

Sie treten bei einer Premiere auf. Das Milchwerk Musik Festival findet zum ersten Mal statt. Wie finden Sie das?

Es ist uns eine Ehre, beim ersten Mal dabei sein zu dürfen. Auch dass ein Festival überhaupt einen A-Cappella-Abend macht. Wir finden die Bodenseeregion sehr schön, kennen sie gut und freuen uns, wieder da sein zu dürfen. Unsere Co-Band Füenf kennen wir zum Teil schon aus dem Studium und freuen uns, die Jungs wieder einmal sehen zu können. Wir sind gespannt, was sich da spontan ergeben wird.

Verlosung und weitere Festivaltermine im Milchwerk

  • Zur Person: Stephanie Neigel ist 32 Jahre alt und in Worms geboren. Sie hat Jazzgesang an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Mannheim, am Jazz-Institut Berlin und an der Hochschule für Musik Franz Liszt Weimar zunächst im Bachelor- anschließend im Masterstudium absolviert. Sie gründete mehrere Bands, darunter die „Stephanie Neigel Band“, „Neigelböhlen“ und die A-cappella-Band Les Brünettes, mit der sie seit acht Jahren zusammen Musik macht.
  • Zur Gruppe: Die Les Brünettes bestehen aus den Sängerinnen Juliette Brousset, Stephanie Neigel, Julia Pellegrini und Lisa Herbolzheimer. Die vier Frauen lernten sich während des Gesangsstudiums an der Musikhochschule Mannheim kennen. Die Gruppe hat drei Alben aufgenommen.
  • Verlosung: Der SÜDKURIER verlost vier mal zwei Karten für den A-Cappella-Abend im Milchwerk am Donnerstag, 6. September, ab 19.30 Uhr. Sie wollen an der Verlosung von vier mal zwei Freikarten für Les Brünettes und Füenf im Milchwerk teilnehmen? Besonders fix geht`s per Telefon: Unter 01379/37050076 kann man bis Dienstag, 4. September, um 12 Uhr seinen Namen und seine Adresse unter dem Lösungswort "a cappella" angeben (der Anruf kostet 0,50 Euro aus dem Festnetz der Telekom). Die Gewinner werden am Mittwoch, 5. September, im SÜDKURIER veröffentlicht. Die Karten liegen in der SÜDKURIER-Geschäftstselle, Öffnungszeiten von 9 bis 13 Uhr in der Schützenstraße 12 vor.
  • Zum Festival: Das Milchwerk Musik Festival findet vom 5. bis 9. September statt. Es treten neben den Les Brünettes und Füenf die Blassportgruppe und Bozen Brass (5. September), Michael Patrick Kelly (7. September), Laith Al-Deen (8. September) und Jan Josef Liefers mit Radio Doria (9. September). Für alle Konzerte gibt es noch Karten unter www.reservix.de. Am Sonntag, 9. September, gibt es ab 11 Uhr im Milchwerk auch noch einen Brunch mit Live-Musik. Karten hierfür gibt es direkt beim Milchwerk. Ab 17 Uhr hat der Außenbereich des Milchwerks für alle, auch ohne Eintrittskarte, geöffnet. Am 7. September tritt ab 17.30 Uhr Tommy Haug auf, am 8. September heizt die Rock-Cover-Band Audesno den Besuchern ein. (ans)