Nach dem Abschluss der Gesellenprüfung wurden 220 Auszubildende von der Kreishandwerkerschaft westlicher Bodensee im Radolfzeller Milchwerk in den Gesellenstand erhoben.

Der Präsident der Handwerkskammer Konstanz, Gotthard Reiner, übernahm die Freisprechung. Handwerker hätten in der Gesamtschau der Arbeitszeit gegenüber Akademiker kaum Nachteile, so Reiner in seiner Rede: Der Vorteil bestehe in einer frühen Ausbildung mit Ausbildungsvergütung, der Möglichkeit früh Geld verdienen zu können sowie einem raschen Übergang in das Unternehmertum. Das Handwerk sei kaum wiederzuerkennen. Hightech-Maschinen, digitale Schnittstellen und ausgefeilte Softwareentwicklung helfen die Abläufe im Betrieb effizienter und smarter zu gestalten, so Reiner.

Die Ausbilder, Meister und Obermeister gratulierten den Gesellen zum ersten Baustein einer beruflichen Karriere mit Lehre.

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Trotz schwerer Rahmenbedingungen ist die Konjunktur im Kammerbezirk stabil.

Der Auftragsbestand sei nach wie vor hoch, die Auslastung habe weiter zugenommen und die Umsatzentwicklung kaum an Dynamik verloren, so Kammerpräsident Gotthard Reiner in einer Pressemeldung vor drei Tagen. Kreishandwerksmeister Hansjörg Blender sieht diese Nachricht als ein Zeichen dafür, dass das Handwerk überall gebraucht werde.

Die Anzahl der beschränkten Beschäftigungsverhältnisse sei insgesamt zurückgegangen. Für Blender bedeute dies eine Sicherheit für jeden Beschäftigten – das Handwerk sei in vielen Bereichen nicht ersetzbar.

Über 500 Gäste wohnten bei der Freisprechung der Kreishandwerkerschaft westlicher Bodensee im Radolfzeller Milchwerk bei.
Über 500 Gäste wohnten bei der Freisprechung der Kreishandwerkerschaft westlicher Bodensee im Radolfzeller Milchwerk bei. | Bild: Georg Lange

Mit der Handwerksrechtnovelle aus dem Jahr 2004 schaffte die Bundesregierung die Meisterpflicht in 53 von 94 Handwerksberufen ab. Ziel der ehemaligen Reform war es, in Zeiten hoher Arbeitslosigkeit Anreize für eine Selbständigkeit zu setzen.

Das aktuelle Berliner Kabinett habe sich wieder für zwölf ehemals befreiten Gewerke die Meisterpflicht ausgesprochen – unter ihnen die Fließen- und Parkettverleger sowie die Raumausstatter, so Blender: Durch den Wegfall der Meisterprüfung sei die Ausbildung in diesen Gewerken auf unter zehn Prozent geschrumpft.

Ehemalige Auszubildende im Handwerk Schreiner und Fachpraktiker Holz erhalten bei der Freisprechung im Radolfzeller Milchwerk ihren Gesellenbrief.
Ehemalige Auszubildende im Handwerk Schreiner und Fachpraktiker Holz erhalten bei der Freisprechung im Radolfzeller Milchwerk ihren Gesellenbrief. | Bild: Georg Lange

Die Wiedereinführung der Meisterpflicht ermögliche in Zukunft wieder bessere Karrierechancen. Blender stellte bei der Freisprechung die Jungunternehmer Hagen Mayenfels und Erk Braumann der Firma „Carforce 79“ aus Dettighofen vor.

Früh führte deren Berufsweg von der Lehre über den Meistertitel in die Selbständigkeit einer KFZ-Werkstatt. Die Unternehmer haben zwei Auszubildende, einen Angestellten sowie Praktikanten.

Nach dem Schulabschluss teilten sie sich die handwerkliche und kaufmännische Ausbildung für das gemeinsame Startup. Im Alter von 24 Jahren seien sie nun erfolgreiche Unternehmer, so Blender.

Bürgermeister Benjamin Mors prognostiziert einen positiven Wandel für die Gesellen.
Bürgermeister Benjamin Mors prognostiziert einen positiven Wandel für die Gesellen. | Bild: Georg Lange

Durch die Verflechtung von Theorie und Praxis sei es den Gesellen nun möglich nahtlos und ohne eine Verzögerung eine verantwortungsvolle Tätigkeit zu übernehmen, erläutert Festredner Benjamin Mors. Im Unterschied zu Studiengängern stünden Gesellen nach dem Ende ihrer Ausbildung mitten im Berufsleben, so der Bürgermeister von Steißlingen.

Das Handwerk leiste im Alltag für jeden Bürger seinen Beitrag: Beim Gang zum Bäcker, bei der Reparatur des Autos oder einer Waschmaschine. Dadurch sei das Handwerk ein wesentlicher Faktor für die Gesellschaft.

Es sei nicht nur die „Wirtschaftsmacht von nebenan“ wie es ein kammerinterner Slogan formuliert. Betriebe würden Arbeit in der Mitte des gesellschaftlichen und privaten Lebens leisten und seien somit auch ein sozialer Faktor.

Ehemalige Auszubildende im Handwerk Friseur erhalten bei der Freisprechung im Radolfzeller Milchwerk ihren Gesellenbrief.
Ehemalige Auszubildende im Handwerk Friseur erhalten bei der Freisprechung im Radolfzeller Milchwerk ihren Gesellenbrief. | Bild: Georg Lange

Mors beruhigte die Handwerkgesellen vor der Zeitenwende durch die Digitalisierung. Mit ihr könnten zwar Routineprozesse durch Roboter ausgeführt werden, um Personal zu sparen und die Produktivität zu steigern.

Doch davon seien industrielle Prozesse betroffen. Die Wahrscheinlichkeit, dass ein gelernter Maurer, Friseur oder Fließenleger seinen Job durch die Digitalisierung verlieren würde, läge bei Null Prozent.

Mors sieht eine rosige Zeit für die jungen Gesellen kommen: Die Babyboomer-Generation tritt in den Ruhestand. Damit würden deutlich mehr Fachkräfte ihr Arbeitsleben beenden, als das neue nachkommen: „Die Rollen werden sich wechseln“. Unternehmer müssten sich um gute Mitarbeiter bewerben – auch um Chefs, wenn es um die Nachfolge gehe.

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