Die Welt kann es sich in Radolfzell nicht leisten, einen Bogen um die Kirche zu machen. Zumindest wenn Hausherrenfest ist. Oberbürgermeister Martin Staab, Bürgermeisterin Monika Laule, Bundestagsabgeordneter Andreas Jung und Landtagsabgeordneter Jürgen Keck nahmen im Chorgestühl des Münsters Platz, das ihnen einen unverstellten Blick auf das sonntägliche Hausherrenamt bot.

Zur Feier des Tages hat die Münsterpfarrei prominente Priester wie den emeritierten Weihbischof Paul Wehrle und den Generalvikar der Erzdiözese Freiburg, Monsignore Axel Mehlmann, aufgeboten. Das besondere Interesse galt aber einem Mann, der das erste Mal im Münster am Altar stand: Heinz Vogel ist noch Stadtpfarrer in Waldkirch und löst im neuen Jahr den amtierenden Stadtpfarrer von Radolfzell Michael Hauser ab. In seiner launigen Begrüßung in der Kirche versprach Hauser seinem Nachfolger: "Es erwartet Dich etwas Großes, die Hausherren haben noch jeden in ihren Bann gezogen."

Was ist ein Generalvikar?

Unter einem Pfarrer, auch einem Bischof können sich viele etwas vorstellen, selbst wenn sie außerhalb der Kirche stehen. Bei einem Generalvikar wird es etwas komplizierter. Pfarrer Hauser versuchte es bei der Begrüßung mit einer Erklärung frei nach Lehrer Bömmel aus der Feuerzangenbowle: "Wat is en Generalvikar?" Michael Hauser sagte es so: "Ein Generalvikar ist das Alter Ego des Erzbischofs." Der Generalvikar ist in der der Erzdiözese zuständig für das Tagesgeschäft und die Verwaltung. Seine Entscheidungen haben Gewicht. Oder wie Hauser sagte: "Es ist, wie wenn der Erzbischof selbst entschieden hätte."

Monsignore Mehlmann nahm das Thema Welt und Kirche in seiner Predigt auf – mit einem speziellen Blick auf Radolfzell: "Das Münster prägt nicht nur die Silhouette der Stadt, sondern auch den öffentlichen Raum." Mehlmann sprach den Besuchern im Münster Mut für Veränderungen zu. Er rief dazu auf, sich auf die Nöte der Mitmenschen einzulassen. Die Kirche übernehme mit sechs Kindergärten, dem Sozialdienst und dem Caritasverband viele Aufgaben. "Von dem Beitrag der Kirche zehrt auch die Zivilgesellschaft." Für Kirche wie Gesellschaft gelte: "Wir müssen mit Pluralität umgehen, wir müssen uns bemühen, die religiöse Ignoranz zu überwinden."

Prozession zum Altar auf dem Marktplatz

Als Beispiel für dieses Bemühen nannte Axel Mehlmann in seiner Predigt das Jahresmotto der Seelsorgeeinheit Radolt: "Herr, mache mich zu einem Werkzeug Deines Friedens." Dieses Jahresmotto hat der Arbeitskreis bei der Gestaltung des Altars für den Fürbittgottesdienst mit der Präsentation von vier Friedensnobelpreisträgern der vier Weltreligionen umgesetzt. Er war das Ziel der Hausherrenprozession. Von der Stadtkapelle musikalisch feierlich begleitet, zog die Prozession beschwingt durch See- und Poststraße und bog vor dem Münster auf den Marktplatz ein. Das Altarbild zierten: Anwar as-Sadat (Islam, Friedensnobelpreis 1978), Jitzchak Rabin (Judentum, Friedensnobelpreis 1994), Mahatma Gandhi (Hinduismus – auf die Preisvergabe verzichtete das Komitee 1948, weil Gandhi wenige Tage vor der Nominierungsfrist erschossen wurde) und Mutter Teresa (Christentum, Friedensnobelpreis 1979).

Pfarrer Vogel schüttelt viele Hände

Erster Kontakt mit dem künftigen Stadtpfarrer: Heinz Vogel (links) im Gespräch mit OB Martin Staab (Mitte) und seiner Partnerin Andrea Rehberger auf dem Marktplatz.
Erster Kontakt mit dem künftigen Stadtpfarrer: Heinz Vogel (links) im Gespräch mit OB Martin Staab (Mitte) und seiner Partnerin Andrea Rehberger auf dem Marktplatz. | Bild: Jarausch, Gerald

Nach Hochamt, Prozession und Gottesdienst nahm der Austausch zwischen kirchlichen und weltlichen Vertretern im ungezwungenen Rahmen Fahrt auf. Oberbürgermeister Martin Staab und seine Partnerin Andrea Rehberger passten – wie viele andere auch – den künftigen Stadtpfarrer Heinz Vogel zu einem ersten Gespräch ab. Vogel las beim Mitsingen des Hausherrenlieds noch vom Blatt ab: "Das kann ich noch nicht." Sein erstes Hausherrenfest habe ihn beeindruckt: "Es sind zwei völlig unterschiedliche Stimmungen. Zuerst feiert man die Eucharistie in den Mauern der Kirche und dann geht es hinaus in die Freiheit."

Michael Hauser will als Gast zum Hausherrenfest zurückkehren

"Heute Morgen ist alles gut gegangen", sagte Michael Hauser bei seinem letzten Hausherrenfest als Stadtpfarrer von Radolfzell. Bild: Gerald Jarausch
"Heute Morgen ist alles gut gegangen", sagte Michael Hauser bei seinem letzten Hausherrenfest als Stadtpfarrer von Radolfzell. | Bild: Jarausch, Gerald

Für Michael Hauser ist es das elfte und letzte Hausherrenfest als Stadtpfarrer in Radolfzell, bevor er in die Seelsorgeeinheit Batzenberg-Obere Möhlin im Markgräflerland wechselt. Er durfte nicht vom Prozessions-Altar, bevor das Gruppenbild mit der Trachtengruppe Alt-Radolfzell im Kasten war. Etwas Wehmut habe er diese Woche schon verspürt, als eine Kindergartengruppe sich bei ihm verabschiedet habe. "Da habe ich dann eine Träne wegdrücken müssen." Hausers offizieller Abschied aus Radolfzell erfolgt im August. Einen Bogen will er deshalb um das Hausherrenfest künftig nicht machen: "Ich komme wieder. Dann aber als Gast und trage nicht die Verantwortung."