Welche Folgen hat die Digitalisierungswelle für die Beschäftigung, für Arbeitnehmer und Unternehmer? Und was bedeutet die Mobilitätswende für einen Zulieferer im Landkreis, der für die Auto-Industrie Produkte für Verbrennungsmotoren herstellt? Am Rande einer Jubilarfeier für langjährige Mitglieder im Milchwerk Radolfzell erläuterten Vertreter der IG Metall bei einem Pressegespräch ihre Sicht der Dinge zu diesen Themen.

Rudolf Luz, Funktionsbereichsleiter Betriebspolitik beim IG Metall-Vorstand, sagte, er werde von Unternehmerseite öfters mit der Aussage konfrontiert: „Wir brauchen keine Industriepolitik. Wir schaffen das jeder für uns selbst.“ In den Augen des IG Metallers ist das eine furchtbare Kurzsichtigkeit: „Wir brauchen einen Rahmen und Grundsicherheiten – auch für unternehmerische Entscheidungen“, fordert der Leiter für die Betriebspolitik der IG Metall.

Gewerkschafter wollen bei der Digitalisierung mitgestalten

Für Luz beinhaltet die Digitalisierung sowohl Beschäftigungsrisiken als auch Chancen. In der Transformation sieht er einen Gestaltungsauftrag für die Gewerkschaft. Unternehmen, die nicht innovationsfähig seien, würden in den nächsten Jahren in eine kritische Phase steuern, so Luz: „Da machen wir uns schon Sorgen. Wir sind keine Bremser. Aber wir müssen auf diese Dinge zugehen und sie aktiv gestalten.“

Mit dazu gehöre auch „Tariferhöhungen durchzusetzen, damit die Menschen am wirtschaftlichen Erfolg teilhaben können“, beschreibt der erste Bevollmächtigte der IG Singen, Enzo Savarino. Die Gewerkschaft trage Sorge für Beschäftigung und für den wirtschaftlichen Erfolg von Standorten. Nur so könne die IG Metall Investitionen und Innovationen wirksam einfordern.

Savarino: Bei unternehmerischem Erfolg kann auch die Gewerkschaft mehr gestalten

Die IG Metall Singen ist im Landkreis Konstanz mit mehreren wirtschaftlich erfolgreichen Betrieben verbunden, in denen der Betrieb rund um die Uhr läuft. Wirtschaftlicher Erfolg stelle sich mit einem Produkt ein, dem Preis und mit Innovationsmöglichkeiten. Aber auch mit der Auslastung von Anlagen. Mit diesen Faktoren würden Unternehmen Geld verdienen, so Savarino: Und in diesen Betrieben habe die IG Metall auch gute Regelungen für die Arbeitszeiten erzielt.

IG Metall Singen seien gute Erfolge gelungen

Gewerkschaften ermöglichten Betrieben Auslastungen zu fahren, dass am Ende von einer Rendite gesprochen werden kann, so Savarino. Und damit dies aufrecht erhalten bleibt, müssten Anlagen nicht nur gewartet, sondern auch die Produkte innovativ sein: Produkte müssten weiterentwickelt werden, dafür brauche man Geld, das investiert werden muss – in Menschen mit Qualifizierungsmaßnahmen im Betrieb und in neue Anlagen, umreißt Savarino den Bereich der Betriebspolitik. Trotz mancher Streitigkeit und Diskussion seien der IG Metall Singen gute Ergebnisse gelungen: „Wir halten unsere Betriebe nach wie vor erfolgreich.“

Angesichts des Wandels durch die neue Digitalisierungswelle und der Mobilitätswende steht die IG Metall Singen vor neuen Herausforderungen: „Welche Voraussetzungen müssen wir erfüllen, damit wir weiterhin in unserer Region wirtschaftlich erfolgreich sind?“, das sei die Frage, sagt Savarino. Man könne Pumpen für die Industrie herstellen. Oder Pumpen, die man per Smartphone über die Ferne ansteuern kann, erläutert Luz an einem Beispiel im Landkreis.

Die Menschen müssten auf neue Tätigkeiten vorbereitet und qualifiziert werden. Weiterbildung und ständiges Lernen werde eine zentrale Aufgabe der nächsten Jahre sein.

„Wir brauchen eine gesellschaftliche Verständigung“

„Wir brauchen eine gesellschaftliche Verständigung“, so Savarino: „Wir können unsere ökonomische Stärke nicht einfach der Zufälligkeit überlassen. Wir müssen uns einbringen“, mit all dem Wissen, das sich Gewerkschafter anggeeignet haben, denn: „Wenn wir die Zeit verpassen, geraten wir in Nachteile.“

Arbeitgeber könnten keine andere Erkenntnisse getroffen haben als die Metaller: „Wir entnehmen das aus dem alltäglichen Betrieb heraus.“ Und der Arbeitsmarkt brauche Instrumente, mit denen Beschäftigte ohne Auflösung der Arbeitsverhältnisse qualifiziert werden könnten. Luz spricht hierbei von einem Transformationskurzarbeitergeld.

Bei der Mobilitätswende müsse auch die Politik in Verantwortung genommen werden, so Luz. Wie müsse eine Stadtentwicklung aufgestellt sein, die sicherstellt, dass ausreichend Ladesysteme vorhanden sind? Wie sehe künftig der Nahverkehr aus? Angesichts der Herausforderungen von Digitalisierung und Mobilitätswende spricht Luz von einer neuen Industriepolitik.