Das Dumme an doofen Situationen ist, die besten Antworten fallen einem erst hinterher ein. Doch wer mit dem Rad vor dem Waldfriedhof am nördlichen Eingang auf den Parkplatz einbiegt, ist mit den Gedanken eher selten auf ein rhetorisches Duell eingestellt. Eine Dame in den besten Jahren stellt sich energisch in den Weg und bellt mit einer Leine in der Hand, dass der Korb auf dem Gepäckträger klappert: "Ist Ihnen ein Hund begegnet?!" Wenigstens der Höflichkeitsreflex setzt beim Bremsen ein: "Auch Ihnen einen schönen guten Tag." Das bringt aber nur ein kurzes Verschnaufen: "Ja, ja, guten Tag" und noch einmal das: "Ist Ihnen ein Hund begegnet?" Und wie das so ist, wenn der Radfahrer sich in der Defensive befindet, er vergisst, dass sich ihm am Morgen schon der Hund der Sekretärin vor die Füße gelegt hat. Oder, dass aus dem Kombi-Kofferraum der Dame schon treuherzig ein Langhaaretwas lugt. Damit wären schon zwei Hunde auf der Begegnungsliste.

Ab ins Zentrum: Gleich drei Schilder weisen den Weg in die urbane Sicherheit.
Ab ins Zentrum: Gleich drei Schilder weisen den Weg in die urbane Sicherheit. | Bild: Becker, Georg

Aber den Kofferraumhund wird die Dame ja kaum gemeint haben, wenn sie gleichzeitig nach "Piinoo" oder so ruft. Doch es bleibt festzuhalten, "Nein" war definitiv die falsche Antwort. Und zu sagen "Ja, heute morgen im Büro" und "Gerade eben sehe ich einen Hund in Ihrem Kofferraum" wäre zwar sicher eine überraschende Erwiderungsvariante gewesen. Aber in der Defensive fallen einem solche Sachen nicht ein. Im Gegenteil, man bewegt sich vorsichtig weiter, schaut auch auf dem Friedhof um jede und hinter jede Ecke, ob nicht ein hungriger Pino auf einen Mittagsknochen lauert. Falsch verdächtigt: Hunde sind obrigkeitshörig, selbst ohne Leine trauen sie sich auf keinen Friedhof, wo sie dort per Aushang strengstens verboten sind.

Doch rund um den Waldfriedhof scheint Hund keine Seltenheit. Ist der Radfahrer einmal auf Begegnungen mit Vierbeinern gepolt, fällt auf der Rückfahrt Richtung Kapellenweg gleich ein kleineres Exemplar auf. Dessen typische Buckelhaltung weist auf eine entsprechende Verrichtung hin. Das begleitende Herrchen scheint von der Hinterlassenschaft wenig beeindruckt und zerrt das Tierchen vom Haufen. Vielleicht ist die direkte Ansprache unter Weglassung der Höflichkeitsformeln bei Hundehaltern die gängigste: Doch ein fröhlich vom Rad dahingeschmettertes "Tüte?" führt zu außergewöhnlichen Kontraktionen. Der Mann im Muskelshirt baut sich auf, sein Kreuz wird breit und breiter, die Körpersprache sendet eindeutige Wellen aus: "Nimm das, Radfahrer. Wehe, Du begegnest mir und meinem Hund zu Fuß."

Was es nach dieser dritten Hundebegegnung an einem Tag zu vermeiden gilt. Es hilft der Weg zurück in urbane Gefilde. Der Radweg vom Friedhof ins Zentrum der Stadt ist bestens ausgeschildert. Mal mit einem Schild, mal mit zwei Schildern, mal mit drei wie an der Ecke Hebel- und Waldstraße. Und doch ist der Radweg nicht frei vor weiteren Begegnungen. Von vorn kommt am Sibach eine junge Frau mit Sonnenbrille, brav trottet ein vierbeiniges Wollknäuel in Meterhöhe neben ihr her. An der Leine sind orange Tüten befestigt. Fröhlich ruft die Frau: "Guten Tag." Donnerwetter, das sind also die Begegnungen der vierten Art. Doof an dummen Radfahrern ist: Es ist meist überflüssig, hinter dem Lenker vor einer Hundebegegnung in Deckung zu gehen.

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