Am kommenden Freitag, 15. Februar, stellt sich die Fachstelle Sucht Singen mit ihrem Außensitz in Radolfzell im Rahmen einer bundesweiten Aktionswoche vor. Unter anderem wird ein früherer Teilnehmer des therapeutischen Angebots in der Fachstelle über seine Erfahrungen berichten. Seit nunmehr 17 Jahren kommen Kinder aus suchtbelasteten Familien in die Gruppe „Aufwind“, um über ihre persönlichen Erlebnisse und die Folgen in der eigenen Familie zu sprechen. Aktuell werden darin neun Kinder im Alter zwischen acht und 17 Jahren betreut. Das entspricht aber nur einem ganz kleinen Teil der tatsächlich Betroffenen.

„In Deutschland gibt es rund 2,6 Millionen Kinder, die mit suchtkranken Eltern aufwachsen. Durchschnittlich ist jedes sechste Kind davon betroffen“, berichtet Lars Kiefer, Leiter der Fachstelle Sucht Singen. Allein an den Radolfzeller Schulen müssten demnach mehrere hundert Kinder von dem Problem betroffen sein. Doch an die Personen heranzukommen, ist schwer. Die Eltern, die einerseits die Auslöser der Problematik sind, müssen nämlich zustimmen, dass die Kinder das Betreuungsangebot wahrnehmen. Die Erfahrung zeigt, dass gerade Sucht und die familiären Folgen ein echtes Tabuthema in Deutschland sind. „Da sind andere Länder, wie USA und England, deutlich weiter als wir“; konstatiert Christian Denecke, einer der Sozialtherapeuten in der Fachstelle.

Druck auf die Politik

Nach später Kenntnisnahme sind die Hilfen für Kinder von psychisch- und suchtkranken Eltern durch einen fraktionsübergreifenden Antrag im Bundestag im Juli 2017 auf die politische Tagesordnung gesetzt worden. Doch bis heute bleiben konkrete Besserungen an der Basis aus. Noch immer ist man weit davon entfernt, ein strukturelles und flächendeckendes Unterstützungssystem aufzubauen. Die ebenfalls anvisierten Aufklärungsmaßnahmen zur Enttabuisierung von Sucht und psychischer Erkrankung sind laut den Teilnehmern der Aktionswoche „bis jetzt noch nicht ansatzweise realisiert“, wie sie sagen. In Radolfzell möchte man mit einem Brief an den Bundestagsabgeordneten Andreas Jung (CDU) noch einmal auf die Probleme aufmerksam machen. „Wir wollen etwas Druck machen“, bringt es Lars Kiefer auf den Punkt.

Es spricht viel dafür, dass die Politik die Basis für eine Verbesserung schafft. Denn die Folgen der Sucht innerhalb der Familien sind durchaus von volkswirtschaftlicher und sozialer Relevanz. So steigt die Anfälligkeit der Kinder aus Suchtfamilien für psychische Erkrankungen und soziale Störungen enorm. Laut einem DAK-Report verursachen diese Kinder um 32 Prozent höhere Gesundheitskosten. In Einrichtungen wie der Fachstelle Sucht kann den Kindern durchaus geholfen werden. Denn sie haben gute Chancen auf eine gesunde Entwicklung, wenn sie die richtige Art der Unterstützung erhalten. Sie brauchen außerhalb der Familie sichere Orte, an denen sie betreut werden.