Mit einem Lob auf die Verfassung und dem Aufruf: „Leute, geht nicht mehr geduckt“ haben die Katholiken und zahlreiche Vertreter aus dem gesellschaftlichen Leben den Festgottesdienst im Münster und bei der Prozession durch die Innenstadt auf den Marktplatz begangen.

Die katholische Kirche reiht sich an diesem Hausherrenfest nicht in das Geheul der Kritiker und Madigmacher dieses Staates ein, sie feiert beim Hausherrenfest 2019 fünfzig Jahre Grundgesetz. Artikel eins „Die Würde des Menschen ist unantastbar“ stand als Motto über der Feier des kirchlichen Hausherrenfests.

Der Konstanzer Dekan Mathias Trennert-Helwig predigte darüber, ob man als Kirche oder in der Kirche „ein Gesetz loben und preisen kann“.

Die Bühne auf dem Marktplatz als Station der Hausherrenprozession: Auf den Fahnen sind Auszüge aus dem Grundgesetz abgedruckt.
Die Bühne auf dem Marktplatz als Station der Hausherrenprozession: Auf den Fahnen sind Auszüge aus dem Grundgesetz abgedruckt. | Bild: Jarausch, Gerald

Auf dem Marktplatz ließ Münsterpfarrer Heinz Vogel die Textbanner als Fahnen hissen, die schon Ende April das Pfarramt in Radolfzell während der bundesweiten Feiern zu 70 Jahren Grundgesetz zierten: „Multi-Kulti ist Leben“ oder „Niemand darf wegen seines Geschlechtes, seiner Abstammung, seiner Rasse, seiner Sprache, seiner Heimat und Herkunft, seines Glaubens, seiner religiösen oder politischen Anschauungen benachteiligt oder bevorzugt werden“ – ein weiterer Auszug aus dem Grundgesetz.

„70 Jahre ist das Grundgesetz entscheidend für Frieden und Wohlstand.“

Dekan Trennert-Helwig begann seine Festpredigt damit, dass „ein politisch‘ Lied ein garstig Lied“ sei. Es werde nicht geschätzt, wenn ein Prediger sich über Politik auslasse. Doch den scheinbaren Makel ließ Trennert-Helwig schnell hinter sich.

Über das Gebot der Nächstenliebe fand er zu den Bestimmungen des Grundgesetzes: „70 Jahre ist das Grundgesetz entscheidend für Frieden und Wohlstand.“ Niemals habe es in der deutschen Geschichte eine so lange Friedenszeit gegeben. Alleine dafür habe man den 61 Vätern und vier Müttern des Grundgesetzes „großen Dank abzustatten“.

Das Grundgesetz sei aber auch ein sehr teures Geschenk, weil es durch zwei Weltkriege mit vielen Menschenleben erkauft war: „Über 50 Millionen Tote alleine im Zweiten Weltkrieg – das sollte nie mehr geschehen.“

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Diese Erfahrung habe den demokratischen Kräften noch in den Knochen gesteckt bei der Ausarbeitung der deutschen Verfassung. „Deshalb ist auch für uns Christen wichtig, in dieses Grundgesetz zu schauen“, empfahl der Dekan in seiner Predigt.

Dazu gehöre auch die Gleichheit von Mann und Frau. „Darüber hätte die Kirche einmal nachzudenken.“ Für diese selbstkritischen Töne brandete an dieser Stelle im Münster Beifall während der Predigt auf. Auch in Radolfzell scheinen die Gläubigen sich mehr Frauen an den entscheidenden Stellen in der katholischen Kirche zu wünschen.

Der Prozessionszug am Hausherrensonntag erreicht den Marktplatz: Frauen der Trachtengruppe Alt-Radolfzell haben die Figur des Heiligen St. Radolt geschultert. Bilder: Gerald Jarausch
Der Prozessionszug am Hausherrensonntag erreicht den Marktplatz: Frauen der Trachtengruppe Alt-Radolfzell haben die Figur des Heiligen St. Radolt geschultert. | Bild: Jarausch, Gerald

Nach dem Gottesdienst reihte sich eine große Ministrantenschar mit den Fahnen aus allen Radolfzeller Ortsteilen hinter der Trachtengruppe Alt-Radolfzell und der Stadtkapelle ein, bevor sie durch die Innenstadt auf den Marktplatz zogen.

Dort gab Heinz Vogel nach einem halbjährigen Wirken in der Hausherrenstadt ein Bekenntnis ab: „Es ist wunderschön in dieser Stadt zu leben, es ist eine lebendige Stadt.“

Politische Mandatsträger in der ersten Reihe. Bild:Gerald Jarausch
Politische Mandatsträger in der ersten Reihe. | Bild: Jarausch, Gerald

Es gebe Menschen, die bereit seien, Ämter zu übernehmen und zu gestalten. „Das führt zu einer Vielfalt der Begegnungen.“ Christof Stadler als Vorsitzender des Pfarrgemeinderats bescheinigte Vogel, dass er als neuer Pfarrer bei seinem ersten Hausherrenfest die Nerven behalten habe und auf seine behutsame Art es verstehe, der Pfarrgemeinde Mut zu geben, um zu Neuem aufzubrechen.