Wir wussten nicht, dass Böhringen schon einmal kleiner war als vor dieser Kulturnacht 2018 und der Kunstausstellung 7:75 Ortszeit Radolfzell-Böhringen. Aber dazu sind Kultur und Nächte sowie Ortszeiten, mögen sie nun für 775 Jahre Böhringen oder 751 Jahre Stadt Radolfzell stehen, ja da. Hinterher soll man schlauer sein oder formulieren wir es im Sinne der Kunsterziehung angeregter: Im Nachdenken sein. Philosophen sagen dazu Reflexion.

Nun denn: Die Künstler-Zwillinge "Anra" und Brüder im richtigen Leben Andreas und Ralph Hilbert haben bei ihrer Anreise aus Lotstetten bei Waldshut offenbar einen Mangel in den Böhringer Verhältnissen entdeckt. Sei es im Selbstbewusstsein, sei es in der Außenwirkung. Als Einwohner einer kleinen Ortschaft – Lotstetten zählt etwa 2250 Einwohner – haben die Hilberts erkannt: Böhringen habe mit seinen 4200 Einwohnern etwas Besseres verdient. Flugs malten die Zwillinge bei ihrem Happening im alten Haus in der Fritz-Kleiner-Straße 3 mit Lackfarbe auf alten Berlinplakaten eine Dame in leichter Arbeitskleidung, die wiederum mit klarem Pinselstrich die Botschaft auf der Wand hinterließ: "We make Böhringen great again."

Das kommt einem so seltsam bekannt vor. Wer wollte noch mal wieder groß werden und aus welchem Grund? Das muss irgend so etwas grässlich Neumodisches sein. Auch wenn die gesetzlich verordnete Eingemeindung von Böhringen nach Radolfzell im Jahr 1974 eine nachhaltige Delle im Selbstbewusstsein der Dorfgemeinschaft hinterlassen haben dürfte, müsste dieser Minderwertigkeitskomplex längst überwunden sein. Immerhin hat der Radolfzeller Ortsteil einen Dorfkern, der gefühlt annähernd so groß ist wie die Innenstadt von Singen. Also, wenn Böhringen noch größer wird, dann wäre es bald größer als Radolfzell. Und wer ist dann Ortsteil und wer Kernstadt? Dieses Vorhaben rüttelt an den Grundfesten einer sicher geglaubten Beziehung. In den Kellern der Altstadt wird schon eifrig an einem Gegenentwurf gearbeitet: "We make Radolfzell. . ." – ah, verraten wir nicht alles.

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