Die Glatze ist gerissen. Verärgert schaut Nicole Bohner auf den dünnen Kunststoff in ihren Händen, dann auf ihre Uhr. Irgendwie will die Haube nicht so, wie sie möchte. Gardist Christian Uhl hat volles Haar, doch für seine Rolle braucht er eine Glatze. Und eigentlich ist das für Nicole Bohner, die seit 20 Jahren zusammen mit Anja Waldraff beim Narrenspiegel der Narrizella Ratoldi die Maske macht, eine Leichtigkeit. Der Hersteller hat jedoch für die künstlichen Glatzen das Material verändert und nun reißt es viel schneller. Wieder ein Blick auf die Uhr, das geht nicht gut.

Nicole Bohner spannt die künstliche Glatze über den Kopf von Christian Uhl. Das Material ist sehr empfindlich.
Nicole Bohner spannt die künstliche Glatze über den Kopf von Christian Uhl. Das Material ist sehr empfindlich. | Bild: Schneider, Anna-Maria

Nicole Bohner hat sich für die Verwandlung von Christian Uhl 20 Minuten Zeit gegeben. Mehr ist nicht drin. Schließlich müssen rund 35 Gardisten innerhalb weniger Stunden von ihr und Anja Waldraff wie am Fließband geschminkt und modelliert werden. Minutiös ist alles getaktet, je nach Szene müssen die Darsteller mehrmals in die Maske. Und diese Glatze könnte den engen Zeitplan sprengen. Nach 23 Minuten sitzt sie noch immer nicht perfekt auf dem Kopf von Christian Uhl.

Hier sind zwei Hände gefragt: Nicole Bohner und Anja Waldraff versuchen alles an Ort und Stelle zu halten bis der Kleber wirkt.
Hier sind zwei Hände gefragt: Nicole Bohner und Anja Waldraff versuchen alles an Ort und Stelle zu halten bis der Kleber wirkt. | Bild: Schneider, Anna-Maria

Hinter dem Ohr wirft sie eine unschöne Falte, die im Milchwerk sicher niemand bemerken würde, aber Nicole Bohner stört sie dennoch. Der Anspruch, ein möglichst perfektes Aussehen hinzubekommen, ist auch nach 20 Jahren noch da. "Wenn die Narrenmusik zwischen zwei Szenen einfach nicht aufhört zu spielen, dann denken Sie an uns. Wir sitzen dann wahrscheinlich noch an dieser Glatze", sagt sie ironisch.

Der enge Zeitplan der beiden Maskenbildnerinnen: Im Schnitt haben sie pro Gardist zehn Minuten.
Der enge Zeitplan der beiden Maskenbildnerinnen: Im Schnitt haben sie pro Gardist zehn Minuten. | Bild: Schneider, Anna-Maria

Die Leidenschaft für die Fasnacht treibt beide Frauen an. Den Stress hinter der Bühne des Narrenspiegels empfinden sie als positive Aufregung. Noch denken sie lange nicht ans Aufhören. "Wir machen das noch so lange, wie wir dürfen", sagt Anja Waldraff. Beide sind gelernte Friseurinnen. Ihre Fähigkeiten als Maskenbildnerinnen haben sie sich in Fortbildungen angeeignet. Mittlerweile haben sie unzählige Perücken und Accessoires für die einzelnen Figuren des Narrenspiegels und eine gewisse Routine in der Arbeit.

Anja Waldraff sichtet das Material für den Narrenspiegel. Unzählige Perücken haben sich im Lauf der Jahre angesammelt.
Anja Waldraff sichtet das Material für den Narrenspiegel. Unzählige Perücken haben sich im Lauf der Jahre angesammelt. | Bild: Schneider, Anna-Maria

Im Lauf der Jahre haben sie nicht nur am Schminken gearbeitet, sondern auch das Equipment angepasst und verbessert. Für Ganzkörperbemalung benutzen sie eine Airbrush-Pistole, weil es mit einem Schwamm einfach eine riesengroße Sauerei gab. Für besondere Figuren, wie zum Beispiel für den Poseidon im vergangenen Jahr, haben sie Perücke und Bart aufwendig eingefärbt und modelliert.

Farben über Farben: Für ihren Einsatz beim Narrenspiegel haben beide Damen die Theaterschminke parat.
Farben über Farben: Für ihren Einsatz beim Narrenspiegel haben beide Damen die Theaterschminke parat. | Bild: Schneider, Anna-Maria

Sie erledigen die Hauptarbeit im Vorfeld der Aufführungstermine. Neue Figuren müssen geübt werden. Am Tag der Aufführung selbst läuft alles wie ein Uhrwerk zusammen. Die Gardisten kommen nach und nach in die Maske und werden von beiden Frauen schnell in die Rolle des Oberbürgermeisters, in einen Untoten oder auch ganz gewöhnlich in einen Jugendlichen verwandelt. Doch sei es besonders anspruchsvoll, einen Gardisten so aussehen zu lassen, wie eine Person des Stadtgeschehens. "Die Figur muss auch aus der letzten Reihe im Milchwerk auf den ersten Blick erkannt werden", sagt Nicole Bohner. Um Axel Heinzelmann in OB Staab zu verwandeln, braucht es aber mittlerweile keine zehn Minuten mehr. Manche Rollen passen eben.

Anja Waldraff sucht für Gardist Philipp Weidele den passenden Schnauzbart aus, den er für seine Rolle braucht.
Anja Waldraff sucht für Gardist Philipp Weidele den passenden Schnauzbart aus, den er für seine Rolle braucht. | Bild: Schneider, Anna-Maria

Oft halten sie beim Schminken ein Bild der Person, die dargestellt werden soll, in der Hand, damit die Gesichtszüge eins zu eins übertragen werden. Diese müssen dann besonders intensiv betont werden, denn eine weitere Schwierigkeit sei das Licht. Manche Gesichter könne man im Vorfeld kaum üben, da das Licht im Milchwerk völlig anders sei als in Nicole Bohners Friseursalon, wo die Vorbereitungen stattfinden. Mittlerweile haben beide ihre Garderobe im Milchwerk bezogen und bereiten alles für Samstag vor. "Sobald wir alles aufgebaut haben, steigt die Vorfreude", sagt Nicole Bohner.

Das könnte Sie auch interessieren
Das könnte Sie auch interessieren
Das könnte Sie auch interessieren