Welche rechtliche Konsequenz Selbstjustiz hat, bekamen ein Vater und sein Sohn in einer Verhandlung vor dem Radolfzeller Amtsgericht zu spüren. Sie mussten sich wegen gefährlicher Körperverletzung und unterlassener Hilfeleistung gegen zwei Männer verantworten. Diese traten als Nebenkläger auf. In letzterem Punkt wurden die beiden Angeklagten von Richterin Ulrike Steiner freigesprochen.

Blutige Gewalttat auf der Höri

Im Juni 2018 kam es in einem Haus auf der Höri zu einer handfesten Auseinandersetzung zwischen den Beschuldigten und dem Bewohner sowie einem Freund von ihm. Laut des 47-jährigen Angeklagten, der das Anwesen kaufte und im Anschluss vermietete, habe er lediglich einige Dinge mit dem 52-jährigen Bewohner besprechen wollen. Dabei solle es sich unter anderem um offene Mietkosten gehandelt haben. Mit seinem Sohn, der an diesem Tag mit ihm unterwegs war, sei er zum Haus gefahren.

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Dort allerdings eskalierte die Situation. Der Anklageschrift zufolge sollen Vater und Sohn aufgefordert worden sein, zu gehen. Daraufhin sei zunächst der 47-Jährige mit Faustschlägen auf den Mieter los. Später habe er mehrfach auf den am Boden liegenden Mann eingetreten, bis dieser bewusstlos wurde. Ziemlich zügig sei der Freund des 52-Jährigen hinzugekommen. „Ich war bei seinem Sohn ein Stockwerk weiter oben. Als ich die Auseinandersetzung gehört habe, bin ich nach unten gegangen“, sagte er aus. Der Geschädigte habe seinem Freund helfen wollen, wurde dann aber selbst geschlagen. Der 23 Jahre alte Sohn des Hauseigentümers nämlich soll sich nun ebenfalls eingemischt haben. Laut der Anklageschrift habe der junge Mann zudem mehrere Bedrohungen wie „Wenn ihr die Polizei holt, bringe ich euch um“ geäußert. Mit einem Pflasterstein habe er seinem Opfer außerdem weitere Gewalt angedroht, heißt es.

„Ich habe solche Angst gehabt. Das Gesicht des Jungen, als er mit dem Stein kam, vergesse ich nie“, sagte der 50-jährige Freund des Mieters. Mit einem Stuhl habe er versucht, ihn aus dem Haus zu drängen. „Er sagte, dass sie sich das nicht gefallen lassen und uns die Kehle aufschlitzen“, schilderte das Opfer. Genau wie der 52-jährige Mieter befindet er sich seit dem Vorfall in psychologischer Behandlung. „Mein Leben ist komplett durcheinander. Ich habe den Glauben an den Menschen verloren“, erzählte er.

Beschuldigte erzählen das Gegenteil

Die beiden Angeklagten dagegen machten vor Gericht andere Aussagen. Der 23-Jährige sagte: „Zunächst stand ich am Auto und habe eine Zigarette geraucht. Von weitem habe ich gesehen, wie mein Vater am Hals gepackt wurde.“ Daraufhin habe er ihn verteidigen wollen und sei ihm zu Hilfe geeilt. „Der andere Mann kam die Treppe runter, dann griffen beide meinen Vater an. Ich habe aus Angst um ihn gehandelt.“ Sowohl der junge Mann als auch sein Vater erzählten, dass niemand bewusstlos gewesen sei. Vielmehr sei man sofort zur Polizei gegangen, als die Situation ausartete. Einer der beiden Nebenkläger habe laut des Sohnes während des Vorfalles „Hol die Waffen, knall sie ab“ gerufen. Auch sein Vater sagte das aus. „Der Mieter ist ohne Vorwarnung auf mich losgegangen, beleidigte mich und rief seinen Freund dazu. Dann gingen beide auf mich los. Ich habe um mein Leben gefürchtet“, so der 47-Jährige. Dabei sei auch ein Stuhl als Waffe benutzt worden. Der 52-jährige Mieter wies die Vorwürfe von sich und erklärte: „Ich konnte mich gar nicht wehren, weil ich kurz vor dem Angriff operiert wurde und mich zudem übel am Bein verbrannt hatte.“

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Unterschiedlich waren die Aussagen auch, als es um die Rolle des 15 Jahre alten Sohnes des Mieters ging. „Er wurde von einem der beiden die ganze Zeit aufgefordert, uns auch anzugreifen und sich zu beteiligen. Aber er hat nur geweint und nichts gemacht“, sagte der 23-jährige Angeklagte, was sein Vater bestätigte. Das 52-jährige Opfer dagegen erzählte: „Er stand auf der Treppe und hat den Vorfall gesehen. Ich habe gesagt, er soll die Polizei rufen.“ Der 15-jährige Junge war als Zeuge geladen und sagte vor Gericht aus. Sein Vater habe die Tür aufgemacht, als er mit dessen Freund oben gewesen sei. Der Jugendliche bestätigte, dass der 23-jährige Angeklagte Bedrohungen geäußert haben soll und gewalttätig wurde. Der Jugendliche habe die Polizei gerufen.

Polizist erinnert sich gut

Ein ebenfalls als Zeuge geladener Polizist erinnerte sich noch gut an den Fall. „Wir waren als erste Streife vor Ort und haben den Pflasterstein sowie Blutspuren festgestellt. Die beiden Geschädigten lagen röchelnd im Flur, das ging mir sehr nahe“, schilderte er.

Richterin Ulrike Steiner
Richterin Ulrike Steiner | Bild: Jarausch, Gerald

Richterin Ulrike Steiner war am Ende von der Schuld der Angeklagten überzeugt. Weil der 23-Jährige bereits mehrfach vorbestraft war, verhängte sie ihm auch wegen Bedrohung eine Haftstrafe von neun Monaten auf Bewährung. Dazu muss er beiden Geschädigten je 1000 Euro zahlen sowie weitere 1000 Euro an eine Hilfsorganisation für Kriminalitätsopfer. Sein Vater wurde zu zwölf Monaten Haft verurteilt, ebenfalls zur Bewährung ausgesetzt. Zudem muss er je 2000 Euro an die Opfer sowie weitere 2000 Euro an die Hilfsorganisation zahlen. Die Bewährungszeit beträgt bei beiden drei Jahre.