Mit einer Gedenkveranstaltung hat die Junge Union gestern den deutschlandweiten Gedenktag zur Befreiung des Konzentrations- und Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau auf dem Seetorplatz begangen. Die Veranstaltung fand zum fünften Mal in Folge in Radolfzell statt. Jürgen Klöckler, Ortschaftsrat aus Liggeringen und Leiter des Konstanzer Stadtarchivs, referierte zu dem Anlass über die Oktoberdeportation 1940, der auch viele Juden aus der Region zum Opfer fielen. Denn aus Sicht der Historiker war dieses Ereignis letzten Endes auch für Ausschwitz ursächlich.

Gleichzeitig ermahnte Klöckler die Bürger zur Aufrechterhaltung der Erinnerung: Es gelte, die Erinnerung an die Geschehnisse wachzuhalten. Es gelte, gegen Leugnungen dieses deutschen Massenverbrechens zu immunisieren. „Denn schon bald werden keine Zeitzeugen mehr am Leben sein, die uns und insbesondere die junge Generation aufrütteln können“, sagte er auf dem Seetorplatz vor rund 90 Bürgern.

Zahlreiche Kerzen erinnern an das Grauen in den 1940er Jahren. Die zunächst ins französische Lager Gurs Verschleppten wurden ab Sommer 1942 nach Auschwitz deportiert.
Zahlreiche Kerzen erinnern an das Grauen in den 1940er Jahren. Die zunächst ins französische Lager Gurs Verschleppten wurden ab Sommer 1942 nach Auschwitz deportiert. | Bild: Jarausch, Gerald

Die Aufgabe das „Nie wieder“ ernst zu nehmen und sie „mit Leben zu füllen“, sei die Aufgabe der aktuellen Generation, befand Levin Eisenmann, Kreisvorsitzender der Jungen Union Konstanz. Die Notwendigkeit sah er in den Begebenheiten der jüngsten Zeit. „Jüdisches Leben und Jüdische Kultur muss 2020 immer noch geschützt werden“, sagte er weiter. Gegen Auswüchse in sozialen Medien und stattfindende Übergriffe „müssen wir alle die Stimme erheben und die Missstände ansprechen“, forderte er die Besucher auf. Ähnliches sprach auch Bürgermeisterin Monika Laule an. „Antisemitismus ist auch heute noch eine Gefahr für die Gesellschaft“, stellte sie fest. Gleichzeitig konstatierte sie, dass es am „großen gesellschaftlichen Widerstand fehle“.

Seit nunmehr fünf Jahren veranstaltet die Junge Union den Gedenktag.
Seit nunmehr fünf Jahren veranstaltet die Junge Union den Gedenktag. | Bild: Jarausch, Gerald

Der fehlte auch einst, bevor es zu den fatalen Folgen von Ausschwitz und anderen Lagern kam, wie Jürgen Klöckler erklärte. Die Oktoberdeportation, an die der Gedenkstein auf dem Radolfzeller Seetorplatz erinnert, war ein Ereignis, dass erkennen lässt, wie „sich die kumulative Radikalisierung der NS-Politik vielfach von unten vollzog“, so der Historiker. Der dafür verantwortliche badische Gauleiter Robert Wagner wollte wohl als besonders eifriger Nationalsozialist gelten.

In Konstanz wurde damals ‚Judengut‘ versteigert

„Eine grauenhafte, aber nicht unplausible Vorstellung ist es daher, dass etwa durch Initiative ‚von unten‘, etwa dem mörderischen Handeln der Einsatzgruppen im Osten, ein beiläufiges Nicken Adolf Hitlers den millionenfach Mord in Gang gesetzt haben könnte“, sagte Klöckler. Die Bürger der Region müssten die Deportation in jedem Fall mitbekommen haben: „In Konstanz etwa wurde das sogenannte ‚Judengut‘ öffentlich am 6. und 7. Januar 1941 im Konzilgebäude versteigert, was auch in der NS-Presse angekündigt wurde.

„Jeder Konstanzer wusste somit, was es da zu ersteigern gab“, erklärte der Leiter des Konstanzer Stadtarchivs. Die 4000 Lagerinsassen im französischen Lager Gurs wurden schließlich ab Sommer 1942 nach Ausschwitz deportiert. So hängen beide Ereignisse kausal miteinander zusammen.