Der letzte gebürtige Radolfzeller könnte dieses Jahr an Weihnachten geboren werden. Oder auch erst in etlichen Jahren. Das hängt davon ab, ob sich die Radolfzeller Stadtverwaltung, der Landkreis, Gesundheitsverbund und die geburtshilflich tätigen Ärzte am Radolfzeller Krankenhaus einig werden. Künftig könnten die Ärzte nach einem neuen Modell als Honorar-Belegärzte ihrer Tätigkeit weiter nachgehen. Eine drastische Steigerung der Haftpflicht-Versicherungsprämien für die Belegärzte war der Grund für die drohende Schließung der an sich erfolgreichen Abteilung. Weder der Gesundheitsverbund noch die Radolfzeller Stadtverwaltung dürfen aus rechtlichen Gründen den Ärzten finanziell unter die Arme greifen. Jedoch sei dies dem Spitalfond als Stiftung, welche von der Stadt Radolfzell verwaltet wird, gestattet, wie Julia Theile, Pressesprecherin der Stadtverwaltung mitteilt.

Die Mehrkosten der Versicherungsbeiträge sollen – so der Plan – vom Spitalfond, den Ärzten und dem Landkreis Konstanz zu möglichst gleichen Teilen getragen werden. Die Beiträge sollen sich von 50 000 auf 150 000 Euro erhöht haben. Der Spitalfond sehe den Landkreis in der Pflicht, da das Klinikum Radolfzell in der Krankenhausbedarfsplanung des Landes als Krankenhaus mit Geburtshilfe definiert sei, wie Theile weiter mitteilt. Damit wäre, falls alle Seiten dieser Lösung zustimmen, die Schließung der Geburtshilfe vom Tisch. Jedoch erfordere dieses Modell zahlreiche verwaltungs- und berufsvertragliche Änderungen. Und diese Änderungen sind nicht einfach umzusetzen. Oberbürgermeister Martin Staab­ hofft dennoch auf Unterstützung: "Die komplizierten rechtlichen Rahmenbedingungen haben es uns nicht leicht gemacht, eine Lösung zu finden, die alle Beteiligten mittragen können. Alleine können wir als Stadtverwaltung beziehungsweise Spitalfond das Thema leider nicht stemmen, wir sind in diesem Prozess schlichtweg auf die Zustimmung der Ärzte und des Landkreises angewiesen."

Als Belegärzte im Radolfzeller Krankenhaus haben Matthias Groß, Günther Stubenrauch und Jasmin Karpuzoglu ihre Leistungen direkt mit der Kassenärztlichen Vereinigung abgerechnet. Der Gesundheitsverbund kassiert für die Nutzung des Krankenhausinventars. Als Honorar-Belegärzte müssten Groß, Stubenrauch und Karpuzoglu nun ihre Einsätze über das Krankenhaus abrechnen. Matthias Groß erklärt das Problem: "Obwohl das Krankenhaus dann mehr Geld von den Kassen für eine Patientin bekäme, müsste auch das Honorar für drei Ärzte aufgebracht werden." Er selbst würde die Geburtshilfe gerne weiter betreiben, zumal er im Landkreis eine dringende Notwendigkeit für eine Abteilung in Radolfzell sieht. Dennoch ist er sich der Unterstützung des Kreistages nicht sicher (der SÜDKURIER wird weiter berichten). Die Radolfzeller Räte stehen alle hinter dem Rettungsplan für die Geburtenklinik. Das Thema soll am 19. Dezember im Kreistag diskutiert werden.


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Jährlich gebären in Radolfzell rund 500 Frauen. Laut Stadtverwaltung kommen etwa 45 Prozent aller Mütter aus dem Landkreis Konstanz. Der Rest stammt aus Radolfzell. Die Ursachen für die erhöhten Prämien für die Haftpflichtversicherung der Ärzte ist nicht eine höhere Zahl von Behandlungsfehlern, sondern die Höhe der jeweils zugesprochenen Schadensersatzsummen, wie der Berufsverband der Frauenärzte erklärt. In Radolfzell gab es bisher keinen Schadensfall. Sollte die Geburtshilfe schließen, müssten Schwangere zum Teil weitere Wege in Kauf nehmen.