Wettkampfschwimmer kennen diese Situation: Sie stehen auf dem Startblock, warten bis das Startsignal ertönt, springen dann kopfüber ins Becken und schwimmen, was das Zeug hält. Dann kommt der Knall: Fehlstart. Alle zurück auf den Block.

Beim Neubau des Seebades steht die Stadt Radolfzell kurz vor einer ähnlichen Situation. Wollte der Gemeinderat – auch auf Druck der Bürgerschaft – doch ähnlich agieren und die Baumaßnahmen im beschleunigten „Kraulmodus“ umsetzen. Ein vergebener Kraftakt wie es nun scheint: Denn die Diskussion um einen Gasanschluss für den Imbiss im Seebad könnte die gewonnene Zeit zerrinnen lassen.

Die Pizza-Diskussion

Eine interessierte Gruppe und sie unterstützende Stadträte nutzten das Podium, um vehement einen nachträglichen Gasanschluss für den Gastronomiebereich zu fordern. Die Radolfzeller Bürgerin Reinhild Heinzel hatte die Diskussion ins Rollen gebracht.

Sie ist Mitglied der Initiative "Mettnau für Alle". "Die Betreiber brauchen den Anschluss für ihren Pizzaofen. Das Versehrtenbad hat einen solchen Gasanschluss“, betonte sie. Sie wünsche sich eine ähnliche Vorgehensweise nun auch beim Seebad, denn ein modernes Seebad sei wichtig für die Kurgäste, Touristen aber auch für die Radolfzeller selbst.

Ihr Vorwurf: "Die Obrigkeit versucht, das Seebad klein zu halten." Die Mitglieder der Initiative sind sich einig, dass der Blindanschluss einfach zu bewerkstelligen wäre. "Wir haben mit Geschwindigkeit angefangen, was wirklich toll war, aber wir lassen jetzt im Tempo nach", so Heinzel weiter. Kein Gasanschluss bedeute für sie: Die Küche bleibt kalt.

Stürmische Zeiten für das Seebad: Eine nachträgliche Installation einer Gasleitung für den Gastronomiebreich könnte laut Stadtverwaltung zu einer Verzögerung des Bauzeitenplanes führen. Bild: Matthias Güntert
Stürmische Zeiten für das Seebad: Eine nachträgliche Installation einer Gasleitung für den Gastronomiebreich könnte laut Stadtverwaltung zu einer Verzögerung des Bauzeitenplanes führen. | Bild: Matthias Güntert

Auch Teilen des Gemeinderates war der nachträgliche Gasanschluss ins Seebad von höchster Bedeutung. Quasi per Kaltstart, wie etwa bei einem 50-Meter-Finale im Rückenschwimmen, wurde der Punkt vom Ende der Tagesordnung bis an den Anfang katapultiert. Und der Beginn der Diskussion verlief harmonisch.

Der gasbeteriebe Pizzaofen brannte sprichwörtlich noch auf Sparflamme. Denn laut des Leiters des Baudezernates Thomas Nöken sei die Verlegung eines Gasteilanschlusses in der Mettnaustraße zum Grundstück grundsätzlich möglich.

Doch von einem Komplettanschluss bis ins Gebäude rate die Verwaltung generell ab. „Sollte das Thema der nachträglichen Umrüstung von alternativen Energien auf Gas in Betracht gezogen werden, ist ein sofortiger Baustopp und eine Neuplanung notwendig. Bauzeit und Baukosten können in diesem Fall nicht gehalten werden“, mahnte er an.

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Laut Nöken habe der zuständige Architekt schriftlich mitgeteilt, dass ein Gasanschluss nicht nur Mehrkosten zwischen 50 000 und 100 000 Euro nach sich ziehe, sondern auch eine Verschiebung der Eröffnung auf Dezember mit sich bringen werde.

„Die Kosten und die Verzögerung beziehen sich vornehmlich auf den gesamten Gebäudekomplex“, ergänzte OB Martin Staab. Die Stichflamme einer hitzigen Diskussion war nach diesen Ausgaben im Gremium nicht nur entfacht, sie brannte lichterloh.

Gemeinderat nimmt die Langstrecke

Was dann folgte war eine 65-minütige Diskussion im Gremium über das Für und Wider eines Gasanschlusses, die eher einem Langstreckenschwimmen anstatt einem 100-Meter-Kraulkurs glich. Im Vergleich dazu: Iron-Man-Sieger Jan Frodeno brauchte bei seinem Weltrekord-Triathlon 2016 in Roth für die 3,8 Kilometer Schwimmstrecke lediglich 46:58 Minuten.

Auch für den ein oder anderen Stadtrat eine Nummer zu viel. „Wir machen hier aus einer Schnake einen Elefanten“, sagte CDU-Stadtrat Christof Stadler. Er schlug vor, gemeinsam mit dem Architekten und dem Arbeitskreis Bäder einen Termin vor Ort zu arrangieren, um das weitere Vorgehen zu besprechen.

Rohbau, Rohre, Betonteile: Die Arbeiten für den Neubau des Seebades sind aktuell in vollem Gange. Bild: Matthias Güntert
Rohbau, Rohre, Betonteile: Die Arbeiten für den Neubau des Seebades sind aktuell in vollem Gange. | Bild: Matthias Güntert

Walter Hiller (Freie Wähler) warf der Verwaltung vor, an ihrem bisherigen Plan festzuhalten, ohne Alternativen zu überlegen. „Diese müssen aber diskutiert werden“, sagte er. Eine Küchenplanung mit Gasflaschen sei nicht professionell, wenn ein Anschluss in nur sieben Meter Entfernung möglich wäre. Die Verschiebung der Eröffnung bezeichnete Hiller hingegen als „Horrorszenario“.

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Dietmar Baumgartner, Fraktionssprecher der Freien Wähler, gab zu bedenken, dass es in einem solch enggetakteten Verfahren zu Problemen kommen werde, wenn man jetzt anfange nach zu planen. "Wir wollten pünktlich fertig werden, das war uns neben der Funktionalität des neuen Seebades am wichtigsten“, so Baumgartner. Der Knall bleibt noch aus, aber dem Gemeinderat droht beim Seebad ein Fehlstart.