Für die Mitarbeiter des Max-Planck-Instituts für Ornithologie (MPI) in Möggingen ging ein lang gehegter Wunsch in Erfüllung. Bei einem Außeneinsatz zweier russischer Kosmonauten wurde die Antenne des Icarus-Projektes an der internationalen Raumstation ISS im Weltraum installiert.

Damit können die Wissenschaftler künftig Tiere, die sie zuvor mit speziellen Sendern bestückt haben, aus dem All beobachten. Der „Spacewalk“, wie Außeneinsätze an der ISS genannt werden, wurde von dem deutschen Astronauten und aktuellen Kommandanten der Raumstation, Alexander Gerst, geleitet. Mit einer rund siebenstündigen Dauer war der Außeneinsatz der längste, der bisher an der ISS vorgenommen wurde.

Anstoßen auf die erfolgreiche Installation der Weltraumantenne: Ingenieur Bernd Vorneweg, Uschi Müller, Martin Wikelski (Mitte von links, alle MPIo) freuen sich im Bodenkontrollzentrum in Moskau zusammen mit Vertreter des DLR, Ingenieuren von Space Tech GmbH und Vertretern von I-GOS über den wichtigen Schritt des Icarus-Projektes.
Anstoßen auf die erfolgreiche Installation der Weltraumantenne: Ingenieur Bernd Vorneweg, Uschi Müller, Martin Wikelski (Mitte von links, alle MPIo) freuen sich im Bodenkontrollzentrum in Moskau zusammen mit Vertreter des DLR, Ingenieuren von Space Tech GmbH und Vertretern von I-GOS über den wichtigen Schritt des Icarus-Projektes. Bild: MPIO Radolfzell | Bild: Jarausch, Gerald

Aus Möggingen waren drei Verantwortliche nach Moskau in das Bodenkontrollzentrum gereist, um den entscheidenden Moment der Installation zu begleiten. Instituts-Präsident Martin Wikelski, der gleichzeitig Professor an der Universität Konstanz und Hauptverantwortlicher des Projekts ist, der zuständige Ingenieur Bernd Vorneweg und die Projekt-Koordinatorin Uschi Müller harrten etliche Stunden in dem Kontrollzentrum aus, um dem historischen Moment beizuwohnen. Ferner wurden sie von Entwicklern und Ingenieuren der beiden Unternehmen Space Tech und I-GOS aus Immenstaad begleitet. Zusammen mit zwei Filmteams verfolgten sie auf den Monitoren die Arbeit der Kosmonauten

Übertragung live im Internet

Zunächst einmal war der Tag von größter Anspannung geprägt, wie Uschi Müller berichtete: „Zusammen mit den russischen Technikern haben wir alle möglichen Szenarien durchgeplant und besprochen, wie man auf Komplikationen reagieren kann“, sagte sie. Erst als die Arbeiten reibungslos vollzogen waren, löste sich die Anspannung aller Beteiligten: „Erst waren alle nervös. Immer wenn etwas klappte, sprangen alle hoch und applaudierten“, beschrieb sie im Nachhinein das Geschehen. Alle anderen, die mit dem Projekt verbunden sind, konnten den Spacewalk live im Internet verfolgen.

Ist glücklich und stolz ein Teil des Icarus-Projektes zu sein: Projekt-Koordinatorin Uschi Müller. Bild:Gerald Jarausch
Ist glücklich und stolz ein Teil des Icarus-Projektes zu sein: Projekt-Koordinatorin Uschi Müller. Bild:Gerald Jarausch | Bild: Jarausch, Gerald

In den nächsten Wochen wird es darum gehen, die Antenne und die Kommunikation mit den Sendern zu prüfen. „Bisher ist das System aber noch nicht eingeschaltet“, berichtete Uschi Müller: „Wir erwarten, dass ein operatives System ab Ende Oktober, Anfang November funktioniert.“ Ohnehin ist bisher nur eine überschaubare Anzahl von Tieren mit den entsprechenden Sendern bestückt. In Frankreich wurden 30 Amseln, in Hessen fünf Turteltauben, in Österreich acht Hirsche und Wildschweine, zehn Ziegen am Ätna und auf Guatemala ein Papagei mit Sendern ausgestattet. Im November etwa sollen die Tags, wie die Sender in der Fachsprache genannt werden, an Wissenschaftler in aller Welt ausgegeben werden.

50 Millionen Euro fließen in das Projekt

Für die Betriebswirtin Uschi Müller ist das Icarus-Projekt etwas ganz Besonderes, wie sie im Gespräch mit dem SÜDKURIER verriet: „Ich bin sehr stolz und glücklich, dabei zu sein", sagte sie jetzt bei einem Treffen im Max-Planck-Institut für Ornithologie in Möggingen. Aber auch die Verantwortung, die auf ihren Schultern liegt, ist nicht zu verachten. Denn schließlich handelt es sich auch um ein kostenintensives Projekt. Über 50 Millionen Euro fließen in das das Icarus-Projekt. „Trotz der hohen Summe, die mir anfänglich auch Respekt einflößte, sind wir sehr günstig“, erklärte sie. Vor allem, wenn man den möglichen Nutzen der späteren Ergebnisse mit einbezieht. Die Wissenschaftler hoffen, unter anderem ein Frühwarnsystem für Naturkatastrophen aus den gesammelten Daten der Tierbeobachtungen entwickeln zu können.

 

Wie das Icarus-Projekt und seine Technik funktionieren

  • Das Icarus-Projekt: Icarus ist eine internationale Kooperation zur Beobachtung von Tieren aus dem Weltraum (International Cooperation for Animal Research Using Space). Die Wissenschaftler wollen ein satellitengestütztes System zur Beobachtung kleiner Tiere entwickeln. Mit der Sendertechnik soll herausgefunden werden, auf welchen Routen die Tiere wandern und unter welchen Bedingungen sie leben. Diese Erkenntnisse dienen der Verhaltensforschung, dem Artenschutz und der Erforschung der Ausbreitungswege von Infektionskrankheiten bis hin zur Vorhersage von ökologischen Veränderungen und Naturkatastrophen. Dazu werden unterschiedliche Tierarten mit Minisendern ausgestattet, die ihre Messdaten an die Empfangsstation im All und dann zur Erde schicken. Die Daten und Resultate werden in der frei zugänglichen Datenbank Movebank veröffentlicht.
  • Die Beteiligten: Das deutsch-russische Projekt wird hauptsächlich von drei Parteien finanziert: Das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) unterstützt Icarus mit rund 25 Millionen Euro, und Roskosmos, die Raumfahrtbehörde der Russischen Föderation, steuert Leistungen in etwa gleicher Höhe bei. Roskosmos ist unter anderem für die technische Seite der Installation sowie die spätere Übertragung der Daten an das MPI zuständig. Das Max-Planck-Institut selbst steuert rund zwei Millionen Euro bei.
  • Die Technik: Die Sender, die die Tiere tragen, wurden in jahrelanger Kooperation zwischen den Wissenschaftlern um Martin Wikleski sowie den Unternehmen Space Tech und I-GOS (beide Immenstaad am Bodensee) sowie Inradios GmbH (Dresden) entwickelt. Mittlerweile wiegen die Sender, die Daten wie GPS-Ortung, Bewegungen, Luftdruck, Temperatur und Magnetfeldspannung erfassen, gerade einmal fünf Gramm. Eine extraleichte Version wiegt nur 3,5 Gramm. Damit können sie von Tieren, die gerade einmal 90 Gramm wiegen (wie eine Amsel) getragen werden. Die Sender funktionieren autonom (sie besitzen ein Solarmodul, dass sie mit Strom versorgt) und können je nach Anforderungsprofil sogar nachträglich konfiguriert werden. Ein Sender kostet derzeit rund 500 Euro. In Zukunft rechnen die Beteiligten mit sinkenden Kosten, wenn höhere Stückzahlen produziert werden. Die Sender sollen die Tiere möglichst ein Leben lang begleiten.