Vor dem Essen muss der Zuckerwert im Blut getestet werden. Es ist Routine für die 25 Kinder im Naturfreundehaus in Markelfingen. "Es gibt keinen Unterschied zu anderen Kinderfreizeiten. Außer, dass wir hier nur Kinder mit Diabetes haben", sagt Helene Klein. Die Ärztin aus Offenburg ist bei der Bodenseefreizeit in Radolfzell seit Jahren ehrenamtlich mit dabei.

Diabetes-Tagebuch wird ständig aktualisiert

Das Messgerät am Oberarm, so groß wie eine Zwei-Euro-Münze, misst bei Frederick Bünstorf dauerhaft. Doch bei seinem Wert kann etwas nicht stimmen, meint Helene Klein. Der Zuckerwert im Blut ist mit 380 Milligramm pro Deziliter deutlich zu hoch. "Er hat Sport gemacht, durch Schweiß oder andere Einflüsse kann der Wert verfälscht sein", sagt sie und lässt ihn nachmessen. Der neue Wert liegt im grünen Bereich und wird sorgsam in Fredericks Diabetes-Tagebuch dokumentiert.

Angebot der Kinderfreizeit für Diabetiker ist in Deutschland selten

Die Bodenseefreizeit ist eines der wenigen Angebote in Deutschland für Kinder im Alter von 9 bis 13 Jahren, die am Typ-1-Diabetes leiden. Julika Willumeit arbeitet für das Diabetes Forum Radolfzell, das die Freizeitwoche zusammen mit Wolf-Rüdiger Klare, Chefarzt und Diabetologe im städtischen Krankenhaus, im Jahr 2012 zurück ins Leben gerufen hat: "Die Nachfrage nach der Freizeit ist groß. Die Kinder kommen von überall her und die Eltern sind für das Angebot sehr dankbar. Viele wollen wiederkommen."

"Dass hier jemand Diabetes hat, ist nichts Besonderes."

Frederick Bünstorf wohnt in der Nähe von Düsseldorf. Der Zwölfjährige erzählt, dass er mit seinen Eltern im Schwarzwald Urlaub gemacht hat. Danach ging es nach Radolfzell. Was ihm hier gefällt? "Der See ist sehr schön und das Programm hat viel mit Wasser zu tun. Und, dass hier jemand Diabetes hat, ist nichts Besonderes."

Er spricht das aus, was sich Julika Willumeit und Helene Klein erhoffen: Die Erkrankung soll nicht andauernd im Mittelpunkt stehen. "Das ist im Alltag schon genug der Fall. Wir wollen die Kinder stark machen. Sie trauen sich in der Woche mehr zu als im Zuhause", sagt Ärztin Klein, die überrascht ist, wie selbstverständlich die Kinder mit der Erkrankung umgehen.

Kinder probieren ihre Möglichkeiten aus

Sarah Otto nickt bei ihren Worten zustimmend. Sie ist Kinderärztin in Singen und ebenfalls als Betreuerin hier: "Wir sehen in unserer Arbeit nur die akuten Fälle. Wir behandeln sie und geben sie mit einer Therapie zurück in die Familie. Hier sehen wir sie außerhalb. Ich hätte nicht gedacht, mit welcher Leichtigkeit sie ihre Freizeit verbringen. Hier lernen wir von ihnen."

Doch auch für die Kinder hat die Freizeit einen Lerneffekt. Neben Helene Klein und Sarah Otto gibt es noch drei medizinisch geschulte Betreuer. Jedem sind fünf Kinder zugewiesen. In diesem kleinen Kreis wird jedes Kind individuell beraten, das Diabetes-Tagebuch wird fast stündlich aktualisiert. "Viele tragen die Ängste der Eltern in sich. Hier ernähren sich die Kinder ganz normal, es gibt kein Verbot. Wir können etwas mit den Kindern ausprobieren. Sie lernen ihre Möglichkeiten unter Aufsicht kennen und sollen das später umsetzen. Wir üben zum Beispiel, welche Dosis Insulin beim Sport gespritzt werden muss", sagt Helene Klein.

Einzelgespräch mit Eltern am Ende der Woche

Am Ende der Freizeit sprechen Sarah Otto, Helene Klein und die Betreuer mit den Eltern jedes Kindes über die Erfahrungen der Woche. Welche Ernährung ist empfehlenswert? Wie viel Sport ist möglich? Was gibt es für Besonderheiten? "Wir geben aber nur Empfehlungen ab und ändern keine Therapie", sagt Sarah Otto. Wie für die Kinder dann wieder der Alltag abläuft, das kann nicht kontrolliert werden. Julika Willumeit vom Diabetes Forum: "Wir bekommen aber viel Rückmeldung. Sie nehmen aus den Tagen der Freizeit viel mit."

Typ-1-Diabetes

Sarah Otto, Kinderärztin im Klinikum in Singen, über den Typ-1-Diabetes: "Es ist eine Autoimmunkrankheit, bei der der Betroffene kein oder kaum eigenes Insulin produziert. Die Ursache ist noch nicht geklärt, man kann nichts für die Erkrankung." Beim Typ-1-Diabetes richtet sich das eigene Immunsystem gegen die Insulin produzierenden Zellen der Bauchspeicheldrüse und zerstört diese. Das Hormon Insulin dient dazu, dass der durch Nahrung aufgenommenen Zucker über das Blut zu den Zellen geleitet wird, die ihn zur Energiegewinnung benötigen. Bei einem Mangel sammelt sich der Zucker an und der Blutzuckerspiegel steigt. Betroffene benötigen daher regelmäßig Insulin von außen. Ansonsten kann es zu schweren Stoffwechselentgleisungen kommen.