Die Baugenossenschaft Familienheim Bodensee mit Sitz in Radolfzell hat einen Jahresüberschuss von 3,2 Millionen Euro erwirtschaftet. Das ergibt sich aus dem Jahresbericht 2017, den die Genossenschaft nun im Milchwerk vorstellte. Der Vorsitzende, Stefan Andelfinger, kritisierte die Politik dafür, dass der Wohungsmarkt künstlich verteuert werde. Er beobachte, dass die gesellschaftliche Mitte sich oft nicht in angemessener Weise am Wohnungsmarkt versorgen könne.

Genossenschaft kann querfinanzieren – Private nicht

Laut Jahresbericht gab es einen Umsatz von fast 10,5 Millionen Euro aus den klassischen Geschäftsfeldern und weitere Erträge in Höhe von 2,3 Millionen Euro. Die Umsatzrendite: mehr als 30 Prozent. Die Mitgliederversammlung stimmte zu, dass mehr als drei Millionen Euro in die Rücklage eingestellt werden.

Die Bilanzsumme stieg 2017 um mehr als 14 Prozent auf 69 Millionen Euro an. Das Eigenkapital liegt dabei bei einer Quote von mehr als 50 Prozent. Trotz reger Bautätigkeit und hoher Aufwendung für Sanierungen kann die Genossenschaft ihre Tilgungszinsen erbringen, erläuterte Andelfinger.

Andelfinger sieht künstliche Verteuerung des freien Markts

Er kündigte an, dass die Genossenschaft verstärkt Mietwohnungen bauen wird. An den Spekulationen bei Grund und Boden mit ihren Auswüchsen wolle sich die Genossenschaft jedoch nicht beteiligen, so der Vorsitzende. In einem leidenschaftlich geführten Plädoyer wendete sich Andelfinger an Politiker, die den Wohnungsmarkt künstlich verteuerten und den Mittelstand gefährdeten.

Grundsätzlich seien Neubauten unter zehn Euro pro Quadratmeter mit der Umsetzung aller Energie- und Bauvorschriften für Unternehmen der privaten Wirtschaft nicht zu erstellen, so Andelfinger. Der Genossenschaft gelinge es deshalb, weil sie ihre Bauvorhaben quersubventioniere und auf Renditen in diesem Geschäftsfeld verzichte. Dadurch könne sie ihrem Auftrag für günstigen Wohnraum gerecht werden.

Immer mehr Mittelschicht-Haushalt haben Probleme

Das Grundmieten-Niveau liegt in der Genossenschaft aktuell bei durchschnittlich 6,25 Euro Kaltmiete pro Quadratmeter und damit um 14 Cent höher als im Vorjahr. Die Genossenschaft hat derzeit eine Warteliste mit rund 1000 Anträgen auf Wohnraum. Die Nachfrage ist ein Spiegel des freien Wohnungsmarktes mit seinem Mietwohnungsbau, der Wohnungsknappheit und dem Wunsch nach bezahlbarem Wohnraum.

Eine Definition für bezahlbaren Wohnraum gebe es aktuell nicht. Er beobachte jedoch, dass bezahlbarer Wohnraum mit sozialem Wohnungsbau für die finanziell Schwächsten der Gesellschaft gleichgesetzt werde. Diese Gleichung gehe nicht auf, so Andelfinger: Sie vernachlässige in zunehmendem Maße auch betroffene Mittelschicht-Haushalte.

Der Mittelstand fällt durchs Raster

Einkommensschwache Haushalte bekämen die Kosten des Wohnens über staatliche Leistungen anteilig bezahlt, über Wohngeld, Wohnberechtigungsschein und Zuschüsse. Der geringer verdienende Mittelstand komme nicht in den Genuss staatlicher Transferleistungen und Vergünstigungen. Gerade das Rückrat der städtischen Gesellschaft falle so in die Lücke zwischen sozial gefördertem Wohnraum und Luxus-Apartments.

Politik soll Kostentreiber beseitigen

Kaltmieten seien nur ein Bestandteil der Wohnungskosten. Hinzu komme eine zweite Miete. Neben Strom, Wasser und Heizung verkomplizierten Abgaben, Steuern und Umlagen, teure Auflagen und Vorschriften den Wohnungsbau, der alles teurer mache.

Die politischen Entscheidungsträger sollten, so Andelfinger, endlich den Mut haben, Kostentreiber auf den Prüfstand zu stellen: Steuern und Gebühren, Energieeinsparungs- und Lärmschutzstandards sowie Regeln über Abstandsflächen, Bereitstellung von Stellplätzen und Dachbegrünungen. Kurz: Alles, was mehr koste als nütze.