1996 hat Bundespräsident Roman Herzog (1934-2017) den 27. Januar als nationalen „Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus“ eingeführt. In Radolfzell wird die Auseinandersetzung mit der Erinnerung an die NS-Zeit kontrovers geführt.

Nach 1945 tat man sich in der Stadt schwer, die Opfer der NS-Gewaltherrschaft angemessen zu würdigen. Der neu eingeführte Volkstrauertag begrenzte das Gedenken auf die „Toten zweier Kriege an den Fronten und in der Heimat“. Weder die zivilen Kriegsopfer noch die aus rassenideologischen Gründen in der NS-Zeit ermordeten Menschen wurden erwähnt. Ort des Gedenkens blieb das Kriegerdenkmal, das 1938 von den Nationalsozialisten errichtet worden war, und das dem Gedenken an die gefallenen Soldaten des Ersten Weltkriegs gedient hatte.

1958 wurde der Luisenplatz neu gestaltet, die Sockelinschrift des Kriegerdenkmals geändert: „Die Stadt Radolfzell ihren in den Weltkriegen 1914–1918 und 1939–1945 gefallenen Söhnen“. Der Gemeinderat hatte 1958 aber auch beschlossen, welcher Gefallenen man hier gedachte: erstens der gefallenen Wehrmachtssoldaten und zweitens, neu hinzukommend, der SS-Angehörigen der Garnison. Die Namen von 561 Angehörigen der Wehrmacht und Waffen-SS wurden auf vier Bronzetafeln angebracht.

Unter den genannten 102 Angehörigen der Waffen-SS ist der spätere SS-Generalmajor Joachim Rumohr (1910-1945) der ranghöchste der SS-Täter. An seinem Beispiel mag der gedenkpolitische Widerspruch deutlich werden: Radolfzell gedenkt am Luisenplatz der „Opfer der Gewaltherrschaft“ – und ehrt namentlich die Täter.

Joachim Rumohr war Generalmajor der Waffen-SS, 1937 bis 1939 war er in Radolfzell stationiert und mutmaßlich an den Synagogenzerstörungen von Wangen, Gailingen und Randegg beteiligt. 1939 wurde Rumohr abgezogen und nahm am Polenfeldzug teil. Ab 1. Juni 1942 war er Kommandeur des SS-Artillerie-Regiments der 8. SS-Kavallerie-Division „Florian Geyer“, die für Kriegsverbrechen und die Ermordung der jüdischen Einwohner sowie anderer „verdächtiger Elemente“ verantwortlich war; er erschoss sich am 11. Februar 1945 in Budapest.

Anlässlich des Volkstrauertages 2011 deckte man die Sockelinschrift von 1958 ab und ließ über den Namen eine Inschrift anbringen: „Radolfzell gedenkt der Opfer der Gewaltherrschaft und der Toten aller Kriege“. Implizit wird so – vermittelt durch die Namenstafeln – auch der Täter der SS als „Opfer der Gewaltherrschaft“ gedacht.

Markus Wolter, Historiker, ist in Radolfzell aufgewachsen und hat sich intensiv mit der NS-Geschichte in Radolfzell befasst. Von ihm stammen auch Texte auf den Informationstafeln an der ehemaligen SS-Kaserne