Nachdem die Polizei den beschlagnahmten Computer aus dem Rathaus Radolfzell technisch ausgewertet hat, steht den Ermittlungsbeamten die eigentliche Arbeit noch bevor. Es gilt, 600 Gesprächsdateien mit zum Teil längerer Dauer anzuhören und nach Hinweisen zu überprüfen, ob Oberbürgermeister Martin Staab gegen die Vertraulichkeit des Wortes verstoßen und damit eine Straftat begangen haben könnte. Dies hat auf Nachfrage Pressesprecher Andreas Mathy von der Staatsanwaltschaft Konstanz mitgeteilt.

Die E-Mail-Affäre in Radolfzell kam mit einem offenen Brief von 14 Stadträten Ende November vergangenen Jahres ins Rollen. In diesem Brief, der von der CDU-Fraktion formuliert und als "Weckruf" bezeichnet worden ist, warfen Stadträte von CDU, Freier Grüner Liste und SPD dem OB illegale Aufzeichnungen von Mitarbeitergesprächen vor. Bernhard Diehl als Fraktionssprecher der CDU bewertete diesen Vorgang "als Straftatbestand". Der Weckruf gipfelte dann auch in der Forderung: "Wenn illegale Gesprächsaufzeichnungen ohne Wissen des Mitarbeitenden von Vorgesetzten gefertigt werden, so gehört dies in unseren Augen von der Staatsanwaltschaft geprüft."

Nach Recherchen dieser Zeitung kam an die Öffentlichkeit, dass der Auslöser für diesen Weckruf eine Auseinandersetzung zwischen OB Staab und Bürgermeisterin Monika Laule war. Staab hatte in einer E-Mail an die Sozial-Dezernentin mit einer Gesprächsaufzeichnung gedroht und die Beigeordnete der Lüge bezichtigt. Diesen Schriftwechsel aus der Chefetage im Rathaus bekamen auch die Fraktionsvorsitzenden zur Kenntnis. Staab räumte die Existenz der E-Mail ein, bestreitet aber, dass es tatsächlich eine Gesprächsaufzeichnung gegeben habe: "Es gibt keine Tonbandaufzeichnung eines Gespräches, dem ich beigewohnt habe." Diese Erklärung gab der OB auch beim Neujahrsempfang im Milchwerk ab.

Ende Januar hatte sich die Staatsanwaltschaft Konstanz dann nach ihren Voruntersuchungen dazu entschlossen, ein förmliches Ermittlungsverfahren gegen OB Martin Staab einzuleiten, wegen "des Verdachts der Verletzung der Vertraulichkeit des Wortes". Mit der Einleitung des förmlichen Ermittlungsverfahrens wurden Mitarbeiter der Stadtverwaltung als Zeugen befragt und ein Computer im Rathaus Radolfzell beschlagnahmt, auf dem sich Protokolle und Gesprächsdateien befinden.

Bei der Überprüfung des Computers hat die Kriminaltechnik nun 600 Gesprächsdateien gefunden. Zu diesen Dateien zählen auch elektronisch aufgenommene Protokolle der Gemeinderatssitzungen. Die Staatsanwaltschaft wolle sich nicht vorwerfen lassen, dass man Ermittlungen unterlassen hätte. Deshalb sollen alle 600 Gesprächsdateien abgehört werden. "Das wird einige Monate in Anspruch nehmen", kündigt Andreas Mathy als Sprecher der Staatsanwaltschaft Konstanz an. Deshalb sei nicht mit einem schnellen Abschluss des Ermittlungsverfahrens zu rechnen.