Radolfzell – Seit rund einem Jahr betreibt der Radolfzeller Reiner Kühl in seiner Garage eine Übergabestelle für Gebrauchträder, die er an Flüchtlinge ausgibt. Vor wenigen Tagen konnte er bereits das 100. seiner Bestimmung übergeben. Die Nachfrage ist weiterhin sehr groß. Denn die Flüchtlinge aus der Asylbewerberunterkunft an der Kasernenstraße und den beiden Notunterkünften in der Mettnauhalle und an der Kasernenstraße sind sehr an den Rädern interessiert. Mit ihnen gewinnen sie ein Stück Beweglichkeit und Mobilität, die sie im Alltag gut nutzen können.

Obwohl es sich bei den Gebrauchträdern um Spenden (siehe Infokasten) handelt, werden sie nur gegen einen Pauschalbetrag von zehn Euro an die Nutzer übergeben. Oftmals reicht der Betrag allerdings nicht einmal aus, um die Fahrräder verkehrstüchtig und -tauglich zu machen. Denn Reiner Kühl sorgt nicht nur dafür, dass sie technisch funktionsfähig sind, er gibt sie erst aus der Hand, wenn die Lichtanlage arbeitet und ein Schloss dabei ist. Ohne viel Bastelarbeit ist dieses Ergebnis nicht zu erreichen. Im Keller seines Hauses in Radolfzell hat sich Reiner Kühl daher eine richtige Fahrradwerkstatt eingerichtet, in der er die Räder in mühevoller Arbeit wieder instand setzt. Im Schnitt hat er im Laufe des zurückliegenden Jahres etwa sieben Stunde pro Woche für die Aufarbeitung der Räder investiert. „Aber ich möchte keine Stunde davon missen“ sagt er.

Als IT-Spezialist arbeitet Reiner Kühl praktisch ausschließlich am PC und schätzt deshalb die Abwechslung in seiner heimischen Fahrradwerkstatt. „Das ist ein wunderbarer Ausgleich“, sagt er. Die Tätigkeit, die er als Mitglied und Vorstand des Freundeskreis Asyl ausführt, kommt nicht von ungefähr. Reiner Kühl besitzt kein Auto und ist daher selbst auf sein Fahrrad angewiesen. Als solcher repariert er Schäden seit Jahren möglichst selbst. Wenn es bei den gespendeten Rädern einmal schwerwiegendere Probleme gibt, bekommt er außerdem fachkundige Unterstützung durch einen befreundeten Zweiradmechaniker und die Flüchtlingshilfe „Humanitas“, die ebenfalls eine Fahrradreperatur betreiben. Weil der zeitliche Aufwand mittlerweile auch Reiner Kühl etwas zu hoch wird, möchte er am liebsten mit den so eine Art Selbsthilfe-Werkstatt für Flüchtlinge initiieren. Hauptproblem ist dabei die Standortfrage. Man benötigt praktisch eine ebenerdige Räumlichkeit, die man an zwei bis drei Tagen für mehrere Stunden öffnen könnte. Dort könnten die Flüchtlinge dann unter Anleitung die Räder reparieren und instand setzen. Ähnliches hat Reiner Kühl bereits auch schon in seiner heimischen Kellerwerkstatt versucht.

Mitunter bekam er Hilfe von interessierten und motivierten Flüchtlingen, die ihm bei seiner Arbeit halfen. „Die wollten teilweise einfach etwas tun“, berichtet er. Und noch ein anderer Grund hat dafür gesorgt, dass Reiner Kühl die Initiative zur Flüchtlingshilfe ergriffen hat. Er ist seit vielen Jahren bei „Pro Asyl“ tätig und hat selbst einmal in Brasilien gelebt. Mit diesen Erfahrungen wollte er vor seiner eigenen Haustür „Politik vor Ort machen“, wie er sagt. Die Dankbarkeit, die er für seine Tätigkeit immer wieder von den Flüchtlingen erhält, bestärkt ihn dabei jedes Mal aufs Neue.

Kontakt

Die Abholung der Räder ist normalerweise an allen Tagen der Woche außer am Mittwoch möglich. Die Absprache für einen Terminerfolgt telefonisch. Die Abholung kann tagsüber um die Mittagszeit oder abends ab 17 Uhr sein. Jedes Erwachsenenfahrrad kostet zehn Euro, um die Kosten für Ersatzteile und Schlösser zu decken. Jedes Fahrrad wird mit einem Schloss ausgegeben. Ein Helm kann normalerweise nicht zur Verfügung gestellt werden. Räder für Minderjährige kosten nichts. Kontakt: Reiner Kühl, Otto-Blesch-Str. 18, 78315 Radolfzell (0¦77¦32) 82¦10¦24 oder fahrrad@fk-asyl.org. (ja)