Es geht eine Epoche zu Ende. Mit dem Tod von Ruth Bosch im Dezember 2016 und der Auflösung ihres Haushalts durch ihre Kinder Annette und Barbara Bosch zieht sich ein Zweig der traditionsreichen Radolfzeller Familie aus dem Stammhaus am Marktplatz formal zurück. Die Wohnräume der seit über einem halben Jahrtausend in Radolfzell ansässigen Familie im ehemaligen Kaufhaus Bosch sollen in eine Mitwohnung verwandelt werden. Neben Büchern, Briefen und Postkarten befindet sich im Nachlass von Ruth Bosch ein ganz besonderer Schatz für die Kulturgeschichte Radolfzells: Eine Ahnengalerie der Familie Bosch mit 20 Portraitgemälden aus elf Generationen. Die Töchter von Ruth Bosch übergaben Bürgermeisterin Monika Laule und dem Stadtmuseum die Gemäldegalerie als Dauerleihgabe. Frühestens im Jahr 2021 soll die Galerie der Öffentlichkeit in einer Ausstellung vorgestellt und die Geschichte der Familie Bosch beleuchtet werden.

Ältestes Porträt aus dem Jahr 1681

Nach dem Tod von Ruth Bosch habe der Radolfzeller Historiker Christof Stadler Kontakt mit dem Stadtmuseum aufgenommen, um den Nachlass und die Ahnengalerie für die Radolfzeller Bürger zu erhalten, erzählte der Museumspädagoge und stellvertretende Leiter des Stadtmuseums, Rüdiger Specht, bei der Übergabe. Das älteste Portrait der Ahnengalerie entstand 1681 und stellt den Stadtsäckelmeister und Kämmerer der Stadt, Johannes Bosch, dar. Als die Technik der Fotografie Einzug hielt, ließ das Portraitieren in der Familie nach. Das letzte Portrait stammt aus dem Ende des 19. Jahrhunderts.

Im Festzimmer von Ruth Bosch hingen der Großteil der 20 Portraitmalereien aus der Familiengeschichte der Familie Bosch – darunter auch ein Gemälde aus dem Jahr 1681. Die Stadt erhält die außergewöhnliche Sammlung als Dauerleihgabe.
Im Festzimmer von Ruth Bosch hingen der Großteil der 20 Portraitmalereien aus der Familiengeschichte der Familie Bosch – darunter auch ein Gemälde aus dem Jahr 1681. Die Stadt erhält die außergewöhnliche Sammlung als Dauerleihgabe.

Wann die Ausstellung zu sehen ist, ist noch ungewiss

Das Anliegen von Annette und Barbara Bosch ist, dass die Ahnengalerie nicht auseinandergerissen wird: "Es war das Besondere, dass die Bilder immer im Haus waren und nicht durch Erbschaften verteilt wurden", erzählt Annette Bosch. Die Sammlung umfasst 20 Portraits aus elf Generationen. Angehörige der Familie ließen auch Portraits als Erinnerungsstücke anfertigen, wenn sie die Stadt durch eine Heirat verlassen hatten und hinterließen das Gemälde der Stammfamilie. "Die Bilder gehen als Dauerleihgabe der Erbinnen in die Stadtgeschichte ein", so Specht. Der Förderverein Museum und Stadtgeschichte übernahm die Kosten für die Schätzung der Bilder. Sie diente als Grundlage für die Versicherungspolice durch die Stadt. Ob die Ahnengalerie dauerhaft oder in einer Ausstellung zu sehen sei, blieb bei der Übergabe offen. Vermutlich könne sie nach der Trachten-Ausstellung und dem Umbau des Stadtmuseums ab 2021 präsentiert werden, so die Fachbereichsleiterin für Kultur, Angélique Tracik: Möglich sei auch ein digitales Depot, bei dem die Sammlung vorab den Bürgern erlebbar gemacht werden könne.

Ruth Bosch nahm stets rege am städtischen Leben teil

Bis zuletzt habe Ruth Bosch an den Hausherrenfesten teilgenommen. "Sei es dann nur noch am Fenster mit Blick auf den Marktplatz. Dabei war sie immer staatstragend hergerichtet", schmunzelt die Bürgermeisterin in einer Anekdote. Resolut blieb die Bewahrerin der Familientradition, Ruth Bosch, in Erinnerung der Anwesenden. "Zunächst hatte sie es als Erzieherin und Leiterin des Waldheims mit Kindern zu tun. Nach dem Tod ihres Ehemanns führte sie, ungewöhnlich für die Zeit, ab 1971 als Geschäftsfrau einen Männerbetrieb", erzählt Annette Bosch. Im Nachlass von Ruth Bosch befindet sich ebenso ein eigenwilliges Objekt, das als Leihgabe in die Apotheke einziehen soll: Ein kleines präpariertes Krokodil. "Die Werkstätte, das Offizin der Apotheke, war nicht für Kunden zugänglich", erläutert Specht. "Der Arbeitsraum war nur durch ein Ausgabefenster ersichtlich." Für eine geheimnisvolle Aura und, um die Wartezeit der Kunden zu verkürzen, habe man bis Anfang des 19. Jahrhunderts zur Unterhaltung ein Krokodil oder den Zahn eines Schwertwals von der Decke hängen lassen.

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