Im Sommer vor drei Jahren durchschwamm Andreas Fath den Rhein. Und zwar der Länge nach. "Der Rhein ist sauberer geworden", war sein erster Eindruck: "Es sind mehr Kläranlagen in Betrieb und die Industriebetriebe werden mit ihren Abwässern besser kontrolliert." Andreas Fath ist Chemie-Professor. Auf seinem 1230 Kilometer langen und 25 Etappen andauernden Schwimm-Marathon entnahm der Hochschullehrer täglich Wasserproben aus dem mächtigsten Strom Deutschlands, wie er erklärte. Der Chemiker berichtete in der Radolfzeller Buchhandlung Greuter über seine Abenteuer-Reise von der Quelle bis zur Mündung und von den Ergebnissen seiner wissenschaftlichen Studien. Die Nitrat- und Phosphatkonzentration lägen unterhalb der Trinkwasserqualität. Auch würden Metalle wie Silber, Nickel, Blei und Cadmium mit ihren Werten unterhalb der Norm von Trinkwasser liegen. Den Professor beunruhigt etwas anderes: Mikroplastik. Und eine nachweisbare Konzentration von Schmerz- und Betäubungsmitteln, Antibiotika, Beta-Blockern, Süßstoffen, Korrosions- und Kontrastmitteln.

Den ersten Schrecken bekam Andreas Fath bereits beim Hinweisschild der Rheinquelle am Thomasee in den Graubündener Alpen: "1320 Kilometer bis zur Mündung". Das waren 90 mehr als die ermittelte Länge des Rheins und hätte die Planung des Projekts durcheinander gebracht. Das Schild wurde jedoch vor der Zeit des badischen Ingenieurs Gottfried Thulla errichtet, der den Rhein im 19. Jahrhundert zwischen Basel und Karlsruhe begradigte. Thulla schenkte dem Leistungsschwimmer 90 Kilometer Strecke. Der Vorderrhein ist Wildwasser pur. Von Kajakfahrern, die die Strecke täglich mit ihren Rafts durchqueren, bekam Andreas Fath eine Einweisung. Der Vorderrhein hat Biegungen und Wendungen.

Andreas Fath kalkulierte pro Tag 50 Kilometer Schwimmstrecke ein. Er durchquerte den Bodensee, den Seerhein und schwamm am Untersee und dem Rheinfall entlang durch den Hochrhein mit seinen zwölf Wasserkraftwerken. Auf seinem Marathon begleiteten ihn drei Wohnmobile. Eines für seine Familie sowie ein fahrendes Labor, bei dem Mitarbeiter die Proben analysierten und ein weiteres als kreative Werkstatt für Studenten der Digitalen Medien, die das Projekt "Rheines Wasser" für das Internet aufbereiteten. Andreas Fath berichtete über Besucher, die ihn mit Samba-Klängen empfingen oder verköstigten, von Havarien und umgekippten Schiffen, vom Dieselgeschmack des Wassers in den Umschlaghäfen sowie von malerischen Burgen und drohenden Kollisionen mit Metallbojen.

Von der Quelle bis zur Mündung leiten 48 Millionen Menschen ihre Abwässer in den Rhein. In ihm fand der Chemiker Produkte, die wir täglich benutzen. Mit seinem Projekt "Rheines Wasser" wollte der Chemiker zeigen, dass Kläranlagen und Abwassersysteme nicht gut genug seien um Spurenstoffe zu eliminieren. Fath fand Biozide von Fassaden-Anstriche sowie von Boden- und Dachbeschichtungen. Er entdeckte Pharmazeutika, Pestizide, Süßstoffe, Betäubungsmittel und Chemikalien wie Climbazol aus Antischuppen-Shampoos. In der Natur wird Climbazol zu Chlorphenol abgebaut, welches im Verdacht steht krebserregend zu sein. Im Rhein finden sich die Blockbuster der Pharmazie. Anhand der Konzentration des Schmerzmittels und Wirkstoffes Diclofenac könne man die Populationsdichte der Stadt am Gewässer hochrechnen, spöttelte der Chemiker. Auch wenn sich die Konzentration im Nanobereich, also im Milliardstel Gramm, pro Liter befinden, so gelangen jährlich vier Tonnen des Beta-Blockers Metoprolol und drei Tonnen verabreichte Antibiotika in die Nordsee.

Das Problem des Mikroplastiks sei weniger das Plastik selbst, erläuterte Andreas Fath, sondern dass sich 128 Schadstoffe an das Kunststoff-Teilchen anhängen können. Mikroplastik würde sich auf bestimmte wasserunlösliche Schadstoffe wie ein Magnet verhalten. Dadurch könne die Schadstoff-Konzentration am Mikroplastik eine Millionen Mal höher sein, als in seiner wässrigen Umgebung. An der Quelle des Rheins fand der Chemiker bereits 270 Kunststoffpartikel. Wie sie den Thomasee erreichten, der fernab von Industrie und Landwirtschaft liegt, erklärt Andreas Fath anschaulich: Der See speist sich von Schmelzwasser. Das heißt, dass sie über den Schnee kämen: "Bei Großbränden hängen sich viele Partikel an die Wassertropfen – dann schneit es."

 

Zur Person

Andreas Fath wurde 1965 in Speyer am Rhein geboren. Er ist verheiratet und Vater dreier Söhne. Fath ist Professor für Chemie an der Hochschule Furtwangen und lehrt am Schwenninger Campus an der Fakultät Medical Life and Science. Er ist ein begeisterter Schwimmer. Für seine Forschungsarbeit über den elektrochemischen Abbau von per- und polyflourierten Tensiden wurde er mit dem Umsicht-Wissenschaftspreis der Frauenhofer-Gesellschaft ausgezeichnet. (gla)

Weitere Informationen im Internet:www.rheines-wasser.eu