Höri Einkaufen in der Idylle: Wie Bürger die Nahversorgung selbst in die Hand nehmen

Heimatcheck, Teil drei: Um Nahversorgung auf der Halbinsel Höri zu gewährleisten gehen Gemeinden, Bürger und Versorger eigene Wege. Dabei zeigen sie sich innovativ und kreativ.

Höri – "Zum Kotzen schön" befand Maler Otto Dix die Idylle auf der Höri. Die Lage am Untersee mit Blick auf die Insel Reichenau zieht Jahr für Jahr tausende Touristen auf die Halbinsel, die Höri-Bewohner werden im ganzen Land beneidet. Leben, wo andere Urlaub machen – kann es etwas Besseres geben? Aber das Leben besteht nicht nur aus Urlaub, auch nicht auf der Höri. Der Mensch, auch der mit Wohnsitz auf der Höri, muss seinen Alltag bewältigen, bestehend aus Arbeit, Einkaufen und Familienleben. Vor allem in den etwas entlegeneren Orten der Höri wird das alles ohne Auto schon zum Problem.

Immer mehr Dorfläden schließen

Den Bürgermeistern der drei Hörigemeinden ist die Nahversorgung ihrer Bürger aus diesem Grund überaus wichtig. Da nach und nach im Lauf der Jahre immer mehr kleine Dorfläden geschlossen haben, mussten sie selbst aktiv werden und kommerzielle Anbieter in die Gemeinde locken. In Öhningen gibt es einen Discount-Markt, der sowohl von Einheimischen, wie auch Einkaufstouristen aus der Schweiz sehr gut angenommen wird. "Wir haben bei der Nahversorgung schon größere Probleme gehabt als jetzt", sagt Bürgermeister Andreas Schmid. Es zentriere sich zwar ein bisschen auf den Kernort Öhningen, aber an sich gebe es in jedem Ortsteil etwas. In Wangen habe ein Metzger eine Filiale, in Schienen versorgt das Lädele die Bevölkerung. "Ein Dorf ohne Laden blutet aus", so Schmid.

In Moos versorgt ein gut sortierter Supermarkt sowie eine Filiale ortsansässiger Gemüsebauern die Gemeinde. Hinzu kommen mobile Verkaufsstände, die die Ortsteile anfahren und etliche Direktvermarkter-Stände vor den Höfen. Einen anderen Weg hat Gaienhofen eingeschlagen. Bürgermeister Uwe Eisch wollte keine große Supermarkt- oder Discounter-Kette als Nahversorger im Ort haben. Viele Jahre sei man auf der Suche nach einem Vollversorger gewesen, der in die Gemeinde passe. Ein ortsansässiger Metzger aus Hemmenhofen baute in Gaienhofen eine größere Filiale mit einem Vollsortiment aus, für Eisch die ideale Lösung. Die Filiale in Hemmenhofen allerdings wurde geschlossen. "In ganz kleinen Ortsteilen ist die Versorgung nicht aufrecht zu erhalten", so Eisch.

Das wollten die Schiener Bürger so nicht hinnehmen. Schienen, hoch oben auf dem Schienerberg gelegen, ist mit seinem Lädele einen Sonderweg gegangen. Der Dorfladen ist eine Genossenschaft, ins Leben gerufen und betrieben von Bürgern für Bürger. Seit elf Jahren gibt es das Lädele nun schon und die beiden Vorstände der Bürgerinitiative Andrea Kasper und Manfred Kraus betreiben das Projekt mit viel Engagement. Zwei Jahre habe es keinen Laden gegeben, das sei für das Dorf schrecklich gewesen, erzählt Andrea Kasper. Im Lädele gibt es alles zu kaufen, was man für den täglichen Bedarf braucht. Obst und Gemüse kommt von benachbarten Landwirten. Für 50 Euro konnten Anteilsscheine an der Genossenschaft erworben werden. Mit dem Kapital und viel Hilfe von Freiwilligen und Spenden ist das ehemalige Milchhäusle zum Einkaufsladen umgebaut worden. Andere Gemeinden haben Interesse an dem Konzept. Andrea Kasper bekommt immer wieder Anfragen, die mehr über das Lädele wissen möchten.

Ein weiteres, innovatives Konzept der Nahversorgung ist der Eierautomat in Öhningen. „Der Automat bietet 24 Stunden frische, gekühlte Eier und Nudeln,“ sagt Steffen Herwerth vom Hof Langenmoos auf dem Schienerberg. Für die Betriebsgemeinschaft Herwerth und Kienzler GbR ist die Eierproduktion ein zweites Standbein. Steffen Herwerth, Agraringenieur, war 2014 der Gemeinschaft beigetreten und weiß viel über die Haltung von Hühnern. Für das erfahrene Ehepaar Kienzler ist es eine gute Ergänzung zu ihrem Milchviehbetrieb. Dieser Automat hat nichts mit abgepackten Süßigkeiten zu tun. Die Eier sind bester Qualität und stammen von Freiland-Hühner, die frisches Gras picken und deren Stall in Alu-Leichtbauweise mehrmals im Jahr versetzt wird. Anfang Februar war alles genehmigt und die fünf Hektar große Fläche vorbereitet und umzäunt.

„Die Hühner sind einfach auf der grünen Wiese,“ betont Ralf Kienzler. Ergänzt wird das Frischfutter durch Getreide, das auf den Felder von Hof Langenmoss angebaut wird. Da Hühner schlechte Futterverwerter sind, ist ihr Mist sehr nährstoffreich. Er kann als Dünger wieder auf den Feldern ausgebracht werden und garantiert damit eine nachhaltige Eier-Produktion. Wenn der Stall versetzt wird, verteilen sich der Mist der Hühner über eine größere Fläche und durch den uneingeschränkten Auslauf sind die Hennen gesünder und die Eier bleiben sauber und hygienisch, so Kienzler. Die abgefressenen Stellen werden mit Gras neu angesät. Ist es draußen zu nass oder zu kalt, bleiben die Tiere im Scharrraum, der mit Sand und Stroh ausgelegt ist. Die Eier werden vormittags abgelesen, automatisch sortiert und gestempelt. Die Betriebsgemeinschaft beliefert Läden auf der Höri und in Radolfzell und bestücken natürlich auch ihren ersten Eierautomaten in Öhningen.

Automaten werden stets beliebter

Das Thema Nahversorgung gehen Gemeinden in ländlichen Gebieten ganz verschieden an. Manche beziehen bewusst auch den Tourismus mit ein oder verbinden „frisch vom Erzeuger“ mit einer Loslösung von Öffnungszeiten. Beispiele aus dem Raum Stockach:

  • Eigeltingen hat einen Dorfladen, der sogar nach betriebswirtschaftlich geltender Meinung eigentlich zu klein ist. Doch er hat sich etabliert. Beim Bäcker Martin ist es so, dass der verstorbene Bäckermeister Gustav Martin sein Vermögen und Rezepte einer Stiftung hinterlassen hat. Seine ehemaligen Angestellten führen nun den Betrieb weiter. So blieb dieser Teil der Nahversorgung erhalten.
  • Stahringen, Hecheln und Mahlspüren im Hegau haben Automaten, an denen es Milch gibt. In Stahringen ist der Automat bei einem Hofladen und rund um die Uhr verfügbar. In Hecheln ist es ein reiner Milchautomat und in Mahlspüren handelt sich um eine Art Gartenhäuschen, in dem es neben Milch auch noch Wurstwaren gibt.
  • Winterspüren, ein Ortsteil von Stockach, hat ein richtiges Multitalent in der Ortsmitte. In einem Automaten gibt es hier Lebensmittel vor Ort: Eier, Honig, Nudeln aus eigenen Eiern, Schokolade, Wurst und Fleisch von einem Stockacher Metzger, gekühlte Getränke und auch Milchgetränke in kleinen Tetrapacks für Kinder. 

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